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Information

Digitalisierungsstrategien für Stadtwerke

Netzwerk Energiewirtschaft – Smart Energy
Fachgruppe Digitalisierungsstrategien für Stadtwerke

Das Thema Digitalisierung ist eines der Fokusthemen des Netzwerks und wird vor allem in der Arbeitsgruppe 1: Zukunftsfelder für Stadtwerke und EVU bearbeitet. In der neu gegründeten Fachgruppe „Digitalisierungsstrategien für Stadtwerke“ geht es um konkrete Chancen und Risiken der Digitalisierung für die in NRW ansässigen Unternehmen.  Hierzu hat das Netzwerk Energiewirtschaft – Smart Energy ein Konzept definiert, wie Stadtwerke unterschiedlicher Größe das Thema Digitalisierung in ihr Unternehmenskonzept aufnehmen sollten, um zukünftig die Chancen der Digitalisierung identifizieren und nutzen zu können. Dabei liegt der Fokus vor allem auf kleinen und mittleren Stadtwerken.

Im Zentrum des Konzepts steht eine dezidierte Prozessanalyse mit dem Ziel die bestehenden Prozesse digital anzupassen und zu transformieren. Dies ist zwar keine „Raketenwissenschaft“, doch es ist gerade zu diesem Zeitpunkt wichtiger denn je, die bestehenden Prozesse nicht nur zu optimieren, sondern diese vor allem zukunftsfähig zu gestalten. Es ist ein  Folgen schwerer Fehler die Digitalisierung zu verschlafen und Veränderungen auf die lange Bank zu schieben. Gerade wenn das Kerngeschäft gut läuft und die personellen Kapazitäten an dieses gebunden sind, neigen kleine und mittlere Stadtwerke oft zur Untätigkeit. Doch es sind gerade die Windhunde, die den Markt von Morgen dominieren werden. Hier gilt es ein mögliches Risiko frühzeitig zu analysieren und Informationen zu erlangen, die eine anfängliche Unsicherheit und Unkenntnis nivellieren, um mögliche Marktchancen zu erkennen. Denn je früher Marktchancen entdeckt und genutzt werden, desto geringer ist der Konkurrenzdruck. Präferiere man hingegen eine abwartende Haltung, wodurch mit längerer Informationsdauer  das Risiko vermeintlich geringer wird, werden höchstwahrscheinlich die meisten Marktfelder schon belegt und Chancen reduziert bis gänzlich verschwunden sein.

Abbildung 1 - Dezentrales Energiesystem
Abbildung 1 - Dezentrales Energiesystem
Auf dem Weg ins digitale Zeitalter
Wir befinden uns derweil in einem radikalen Veränderungsprozess der Energiebranche. Die Energiewende und die damit verbundene Umstrukturierung, von einem zentralen System hin zu einem System mit dezentralen Erzeugungseinheiten, ist bereits seit ein paar Jahren in vollem Gange. Die digitale Revolution hat unlängst die Energiewirtschaft erreicht und die Energiewende ist nicht mehr ohne eine Digitalisierung der Branche zu denken. Dies liegt nicht an der vermeintlichen und aktuellen Popularität des Themas, welches unlängst Sigmar Gabriel zusammen mit der Industrie 4.0 zur Chefsache deklariert hat, sondern vielmehr an der schlichten Notwendigkeit die komplexen Systeme von Morgen durch digitalisierte Auto-matisierung steuerbar und kontrollierbar zu machen.

Abbildung 2 - Geschäftsfelderweiterung durch EDL
Abbildung 2 - Geschäftsfelderweiterung durch EDL
Heute erzeugen bereits mehr als 1,5 Millionen dezentrale Anlagen Strom aus erneuerbaren Energien, was ganz neue Anforderungen an die Betriebsweise und Überwachung der Stromnetze stellt. In der nicht allzu fernen Vergangenheit haben ca. 500 – 1000 Kraftwerke den gesamten Strom in Deutschland erzeugt.

Ehemalige großteilige Geschäftsmodelle mit langfristigen Investitionen in Großkraftwerken müssen mehr denn je angepasst werden und neue Geschäftsfelder müssen aufgebaut werden, wenn die Energieversorger und Stadtwerke zukunfts- und wettbewerbsfähig bleiben möchten.

Ziel ist es zum einen kleinteiligere Geschäftsfelder zu entwickeln und zum anderen auch das eigene Produktportfolio durch neue Geschäftsfelder abseits des Kerngeschäfts zu erweitern. Vor allem die neuen Geschäftsfelder in den eher energiefernen Bereichen könnten die fehlenden Margen aus dem Commodity Geschäft (über-)kompensieren.

Dabei muss im Einzelfall für jedes Stadtwerk geprüft werden welche (innovativen) Produkte die meisten Potentiale für eine sinnvolle und wirtschaftlich rentable Geschäftsfelderweiterungen in sich bergen. Die Systemtransformation ist nur durch strukturelle Transformation bei den Energieversorgern zu leisten. Die Digitalisierung als Kernpunkt dieses Strukturwandels wird jedoch oft noch als Bedrohung empfunden. Gerade mittlere und kleine Stadtwerke sehen sich oft großen finanziellen Belastungen bevorstehen. Hinzu kommen oft nur geringe personelle Kapazitäten, die gerade so eben ausreichen um das Tagesgeschäft abzuwickeln, ein sich schnell ändernder regulatorischer Rahmen (EEG-Novellen) und viele Ungewissheiten über technologische Entwicklungen (Smart Meter Gateways, kritische Infrastrukturen, IT-Sicherheit, uvm.).

Abbildung 3 - Chancen / Risiko Verhältnis
Abbildung 3 - Chancen / Risiko Verhältnis
Chancen und Risiken der Digitalisierung
Viele bereits bekannte Herausforderungen betreffen zumeist die Erfassung, Verarbeitung, Analyse und Verwendung von Daten. Noch bleibt offen, ob sich aus den zu erwartenden Datenmengen auch wirklich neue Geschäftsfelder entwickeln lassen, oder die Energieversorger irgendwann zum Big Data Friedhof werden. Allgemein zeigen sich jedoch viel mehr Chancen als Risiken auf.

Dabei heißt es in alle Richtungen zu schauen und die Erweiterung der Geschäftsfelder entlang der gesamten Wertschöpfungskette voranzutreiben. Wer Möglichkeiten und Chancen ergreifen möchte, sollte sich frühzeitig und am besten zum jetzigen Zeitpunkt mit dem Thema auseinandersetzen. Da fast jedes Energieversorgungsunternehmen unterschiedlich aufgestellt und aufgebaut ist, beginnt man klassischer Weise mit einer Basis-Analyse der jeweiligen Unternehmensorganisation und der dazugehörigen Prozesse.

Was bedeutet Digitalisierung eigentlich?

Definition: Digitalisierung beschreibt die Nutzung neuer Informations- und Kommunikationsmedien zur Messung, Analyse und Steuerung komplexer Systeme in der Energiebranche und koordiniert die Marktakteure und Einheiten innerhalb des (künftigen) Energiesystems.

Grundlegend lassen sich drei Ebenen der Digitalisierung ausmachen. An erster Stelle stehen dabei die internen Prozesse und Organisation, die es mittels Digitalisierung zu optimieren und zu automatisieren gilt. Klassische Prozesse sind beispielsweise  in der Abrechnung, im Forderungsmanagement, im Lieferantenmanagement, im Finanz- und Rechnungswesen oder auch bei IT- und Personalprozessen.

An zweiter Stelle steht die Vertriebs und Marktsicht. Hier gilt es die bestehenden Geschäftsfelder ins digitale Zeitalter zu heben und durch den gezielten Einsatz von neuen Technologien die Kundenbindungen zu stärken. Dies beginnt beim Einsatz von modernen Messeinrichtungen, der digitalen Zählerstandübermittlung bis hin zum App-basierten Kundensupport. Diese erst genannten Ebenen sollten zum jetzigen Zeitpunkt für jedes Stadtwerk optimierbar sein. Hier werden lediglich Maßnahmen ergriffen, die das bekannte Terrain betreffen und noch keine Schritte in unbekannte Bereiche erforderlich machen. Entsprechend ist das Risiko für Maßnahmen auf diesen Ebenen gering, während der Nutzen überwiegt.

An letzter Stelle stehen die Chancen und Optionen ganz neue digitale Geschäftsfelder, Produkte und Dienstleistungen zu etablieren. Zum einen können so bestehende Kundenverträge erweitert werden und Neu- und Neben-Kunden gewonnen werden.

Insgesamt bietet die Digitalisierung viele Möglichkeiten. Angefangen von der Nutzung neuer Informations- und Kommunikationsmedien, die digitale Automatisierung von zuvor analogen Prozessen, die Messung, Analyse und Steuerung komplexer Systeme in der Energiebranche, die Erfassung aller Verbrauchs- und Erzeugungsdaten in Echtzeit, die Daten als Rohstoffquelle zur Ableitung von Regelmäßigkeiten auf Kundenseite, die Schaffung von Markttransparenz bis hin zur Koordination aller Marktakteure und Einheiten. Einer Bitkom Research Studie zur Folge verfügen über ein Drittel der Unternehmen noch über gar keine Strategie zur Digitalisierung. Nur 39% der befragten Unternehmen haben hingegen angegeben eine zentrale Strategie für verschiedene Aspekte der Digitalisierung zu haben.

Digitalisierungsstrategie – und jetzt???
Digitalisierungsstrategien sind unabhängig von der Unternehmensgröße. Bei der Einführung eines umfassenden Digitalisierungskonzeptes im Unternehmen gilt es vor allem das Gesamtkonzepts des Unternehmens bzw. die Unternehmensstrategie zu berücksichtigen. Um eine Digitalisierungsstrategie erfolgreich zu implementieren bedarf diese zuerst einer konkreten Definition, muss anschließend nachhaltig in der gesamten Organisation verankert werden und letztendlich durch das Nutzen von Lernkurveneffekten verstetigt werden.

Digitalisierungsstrategie – 1. Schritt
Zentrale Fragen für etablierte Marktakteure
In einem ersten Schritt gilt es für etablierte Marktakteure den Blick auf die internen Prozesse und Organisationsweise des Unternehmers zu richten und im Hinblick auf den bereits bestehenden Grad der Digitalisierung zu analysieren. Gleiches gilt für externe Angebote, Geschäftsmodelle und die angebotenen Produkte. Gefolgt wird diese Analyse von Prognosen im Hinblick auf die Auswirkung des Digitalisierungskonzeptes auf die Unternehmensstruktur und die praktizierten Geschäftsmodelle. Gekoppelt wird dies mit einer Liquiditätsplanung und Risikoanalyse. Dabei muss jedes Unternehmen für sich herausfinden welche Innovationen es sich leisten kann und welche Risiken es als First-Mover eingehen möchte. Auch etwaige Allianzen und Kooperationen mit anderen Energieunternehmen und branchenfremden Unternehmen sind abzuwägen.

Digitalisierungsstrategie – 2. Schritt
Fokus auf interne Digitalisierung
Anschließend an diese zentralen Fragen gilt es in einem zweiten Schritt den Fokus auf interne Digitalisierung zu legen. Durch die Analyse der internen Prozesse sollen die eigenen Kompetenzen, der aktuelle Status-Quo sowie die strategischen Ziele herausgefiltert werden. Nach der Untersuchung der gesamten Wertschöpfungskette gilt es diese gemäß zuvor definierter digitaler Strategie und Ziele zu bewerten und diese bei Bedarf anzupassen bzw. im Hinblick auf die Digitalisierungsstrategie zu erneuern. Dabei gilt zwischen internen Prozessen und Kernprozessen zu unterscheiden. Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Erneuerung bzw. der Aufbau einer modernen IT-Infrastruktur und IT-Vernetzung, da diese als unmittelbare Voraussetzung für digitale Abläufe im Unternehmen dient, auch wenn sie die Kernprozesse des einzelnen Unternehmens nicht immer tangiert. Mit diesem zweiten Schritt werden insgesamt eine erhöhte Ressourcenauslastung sowie eine Effizienzsteigerung der Unterstützungs- und Kernprozesse erreicht. Zudem können Transaktionskosten minimiert und die Nachhaltigkeit des Unternehmensergebnisses maximiert werden.

Abbildung 4 - Digitalisierungsstrategie - 2. Schritt: Interne Prozessanalyse
Abbildung 4 - Digitalisierungsstrategie - 2. Schritt: Interne Prozessanalyse
Digitalisierungsstrategie – 3. Schritt
Fokus auf Geschäftsmodelle, Produkte und Dienstleistungen
In einem dritten Schritt wird der Fokus auf Geschäftsmodelle, Produkte und Dienstleistungen gelegt. Dabei werden zu Beginn die bestehenden Vertriebskonzepte, Produkte und Kundenschnittstellen analysiert und Anschließend die Kundenbindung bewertet. Dabei ist vor allem zu fragen inwieweit transparente Informationen und Standards bestehen und wie hoch die Wechselquote des Kundenstamms  ist. Aufgrund einer umfangreichen Auswertung der so gewonnen Daten,  lassen sich die Potentiale für eine Erweiterung bestehender Produkte sowie die Ableitung neuer Geschäftsmodelle und Produkte ermitteln. So können bestehende Kunden gebunden, neue Kunde gewonnen und potentielle Märkte eröffnet werden. Dies bietet den Unternehmen nachhaltig die Chance wieder steigende Umsatzerlöse zu erzielen.

Abbildung 5 - Digitalisierungsstrategie Schritt 3: Ableitung neuer Geschäftsmodelle
Abbildung 5 - Digitalisierungsstrategie Schritt 3: Ableitung neuer Geschäftsmodelle
Fazit
Die Digitalisierung in der Energiewirtschaft ist eine enorme Chance für alle Marktakteure am Markt und sollte immer auch als solche verstanden werden. Jedes Stadtwerk und Energieversorgungsunternehmen sollte das Thema in seine Geschäftstätigkeit aufnehmen, wobei der individuelle Grad der Implementierung stets berücksichtigt werden sollte. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen den Fachgebieten, der Wissenschaft und der Wirtschaft reduziert die Komplexität des Themas, kann Hemmnisse abbauen und gewonnene Erkenntnisse synergetisch nutzbar machen.

Sie sind Geschäftsführer/-in oder in strategischer Position in einem Stadtwerk in NRW und haben Interesse in der Fachgruppe mitzuarbeiten? Dann melden Sie sich gerne bei uns! Aufgrund der begrenzten Größe und spezifischen Arbeitsweise der Fachgruppe können wir Anfragen von anderen Personenkreisen nicht berücksichtigen.

Herr Dr. Eckehard Büscher
Leiter Netzwerk Energiewirtschaft - Smart Energy
EnergieAgentur.NRW
Telefon: 0211 21094415
buescher@energieagentur.nrw

Herr Janwillem Huda
Netzwerk Bergbauwirtschaft - Smart Mining global, Netzwerk Energiewirtschaft - Smart Energy
EnergieAgentur.NRW
Telefon: 0211 21094417
Mobil: 0171 3319026
huda@energieagentur.nrw
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Sie erreichen die EnergieAgentur.NRW außerdem werktags von 8 bis 18 Uhr über die Hotline unter 0211 - 8371930.