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Projektbeispiel Handwerk | Aachen

Siedlungshaus in Aachen wird zum Passivhaus

Vor und nach der Sanierung des Hauses.
Foto: Jochen Tack
Vor und nach der Sanierung des Hauses.
Foto: Jochen Tack

Nach dem Erwerb eines typischen Siedlungshauses aus den 1950er Jahren ließ der neue Besitzer das Haus umfassend energetisch sanieren. Das Ergebnis: Der spezifische Heizenergiebedarf sank um ca. 90%, womit der Passivhausstandard „EnerPHIT“ noch übertroffen wird. Im zweiten Schritt wurde 2018 die Wärmeversorgung des Gebäudes auf Geothermie umgestellt, was den verbliebenen Primärenergiebedard nochmals um zwei Drittel reduziert.

Als sich eine junge Familie Ende 2015 zum Kauf des Siedlungshauses entschied, wünschte sie eine umfassende energetische Sanierung nach Passivhausstandard in einem möglichst überschaubaren Zeitrahmen, um rasch ins neue Haus einziehen zu können. Dr. Bernd Steinmüller, Planer und Berater, erarbeitete zusammen mit dem Büro Rongen Architekten (das sich auf Passivhausprojekte spezialisiert hat) ein entsprechendes Konzept, das in der Folge umgesetzt wurde.

Zum „Status quo“ vor der Sanierung gehörten folgende (größtenteils baujahrsbedingte) energetische Defizite:

  • Wärmebrücken
  • Unzureichende Dämmung der Gebäudehülle
  • Veraltete Fenster- und Heizungstechnik
  • Hohe Wärmeverluste zum niedrigen Keller

Im Zuge der Arbeiten in Sanierungsphase 1 wurden u.a. folgende Aufgabenpakete abgearbeitet:

  • Einbeziehung von Keller und Loggia in die thermische Hülle
  • Passivhaus gerechte Dämmung von Fassade, Kellerwänden, Dach
  • Kontrollierte Lüftung mit hocheffizienter Wärmerückgewinnung
  • Passivhausfenster, Optimierung solarer Gewinne

In einer zweiten Phase erfolgte die Umstellung der Wärmeversorgung auf eine geothermische Wärmepumpe.

Das zweigeschossige Gebäude wurde 1958/59 als Teil eines Doppelhauses errichtet und 1983 durch einen seitlichen Anbau erweitert.
Foto: Jochen Tack
Das zweigeschossige Gebäude wurde 1958/59 als Teil eines Doppelhauses errichtet und 1983 durch einen seitlichen Anbau erweitert.
Foto: Jochen Tack
Hintergrund

Um Zeit zu sparen, wurde das Sanierungsgrundkonzept parallel zum Gebäudeerwerb entwickelt. Zur Sanierungsphase 1 gehörte der Einbau von Passivhausfenstern und entsprechenden Dämmpakete für Fassade, Keller, Dach sowie einer kontrollierten Lüftung mit effizienter Wärmerückgewinnung.

Wegen der nur zwei Meter messenden Kellerhöhe sowie zahlreicher Leitungen an Kellerdecke und Innenwänden erwies sich eine passivhausgerechte Dämmung der untersten Geschossdecke/ Wandflanken als praktisch kaum durchführbar. Deshalb wurden Keller und Loggia in die thermische Hülle einbezogen – mit einem „Mix“ aus Außen- und Innendämmung. Das bietet auch den Vorteil zusätzlicher temperierter Nutz-, Arbeits- oder Wohnflächen.

Kelleraußendämmung und Sockeldämmung wurden als erste Maßnahmen umgesetzt. Die Kellerinnendämmung erfolgt 2017 nach Fertigstellung der Terrasse und Überprüfung/ Sanierung noch vorgefundener schadhafter Stellen. Anschließend wurde entlang der Fassade durchgängig ein Wärmedämmverbundsystem (WDVS) mit einem mittleren U-Wert von 0,12 W/m2K installiert (24 cm, WLS 032). Lediglich in maßlich begrenzten Durchgangsbereichen (Eingang, Garagentrennwand) wurde zur Platzersparnis ein wärmetechnisch noch leistungsfähigeres WDVS (15 cm Resolharz WLS 022) gewählt.

Die vorhandenen Fensteröffnungen wurden bis auf wenige Ausnahmen beibehalten, jedoch wärmetechnisch optimiert.

Das Dach gliederte sich in den Altbau (1959) mit ca. 1,5 m hohem, ungedämmtem Dachboden sowie den Anbau (1983) mit gwenig edämmtem Sparrendach. Beide Bereiche wurden passivhausgerecht gedämmt und „zukunftsfest“ gemacht.

Durch diese „passiven Maßnahmen“ wird der Heizwärmebedarf des Gebäudes um etwa 90% auf ca. 20 kWh/m2a reduziert und der Passivhausstandard im Bestand „EnerPHIT“ übertroffen. so dass der sehr niedrige Restbedarf in „aktiven“ Folgeschritten über eine kleine Wärmepumpe günstig gedeckt werden kann.

Die Gartenseite des Einfamilienhauses nach und vor der Sanierung. 
Foto: Dr. Bernd Steinmüller / Jochen Tack
Die Gartenseite des Einfamilienhauses nach und vor der Sanierung.
Foto: Dr. Bernd Steinmüller / Jochen Tack

Besonderheiten

Eine große Herausforderung bei der Sanierung von Altbauten nach Passivhausstandard ist die Realisierung eines einfachen, effizienten Lüftungskonzeptes. Leitend war der Gedanke, die typischen Etagen-/Raumnutzungsmuster der Familie zu berücksichtigen, kaum belastete Luft mehrfach zu nutzen, Kanaleinbauten zu minimieren und vorhandene freie Strömungspfade einzubeziehen. Die oberste Geschossdecke des Altbautraktes bot dabei nicht nur einen günstigen Aufstellort für die Lüftungsanlage, sondern auch einen Ausgangspunkt für eine kanalarme, kaskadenartige Erschließung der darunter liegenden Geschosse. Dabei werden die Treppenbereiche als freie Überströmkanäle nach unten genutzt. Ein freier Kaminzug vom Heizungskeller über die Küche zum Dach wird effizient für die Rückführung der Abluft aus den unteren Geschossen zur Lüftungsanlage verwendet. Durch Einbeziehung von Keller und Loggia in die thermische Hülle werden Wärmebrücken eliminiert, A/V-Verhältnis verbessert und warme Nutzflächen hinzu gewonnen. Die analoge Sanierung des Nachbargebäudehälfte und die gemeinsame Nutzung einer PV-gekoppelten Kleinwärmepumpe führt zu einem besonders nachhaltigen Gesamtgebäude.

Finanzierung

Für die Sanierung konnten einschlägige staatliche Förderprogramme genutzt werden. Die KfW stellt für eine energetische Gebäudesanierung Kredite bis zu 100.000 Euro mit Tilgungszuschuss (KfW 151) sowie Wohndarlehen in Höhe von bis zu 50.000 Euro (KfW 124) bereit. Das Land NRW fördert die Sanierung im Bestand zum „3-Liter-Haus“mit einem Zuschuss von 4.700 Euro. Außerdem kann für diese Zwecke ein KfW-Zuschuss in Höhe von 4.000 Euro für die Baubegleitung (KfW 431) abgerufen werden.

Für die Sanierung des Nachbarhauses wurden analoge Fördermittel sowie zusätzlich für die Wärmepumpe/Geothermiebohrung Mittel von BAFA und Land NRW in Anspruch genommen.

Ergebnis

Seit Oktober 2016 wohnt die Familie in ihrem modernisierten Eigenheim. Durch die Sanierung konnte das Haus nicht nur modern und behaglich gestaltet werden, auch die Wohn- und Nutzfläche in der beheizten Hülle hat sich von 150 m2 auf 200 bzw. 230 m2 (Wohn-/Nutzfläche) vergrößert.

Der spezifische Heizwärmebedarf wurde in etwa um 90 Prozent verringert: von ca. 250 kWh/m2a (abhängig von Luftdichtheit des ehemals offenen Kamins) auf rund 25 kWh/m2a nach der Sanierung.

Die bestehende Fußbodenheizung fügt sich in das Konzept bestens ein: Die Verluste Richtung Keller fallen nicht mehr ins Gewicht, da der Keller in die thermische Gebäudehülle einbezogen wurde. Die jährlichen Heizkosten betragen nur noch einen Euro pro Quadratmeter.

Als zunächst unerwartete Sanierungsfolge ergab sich der Wunsch des an die Doppelhaushälfte angrenzenden Nachbarn, an seinem Wohnhaus eine energetisch ambitionierte Gebäudesanierung durchzuführen, die ebenfalls 2018 abgeschlossen werden konnte.

Projektbeteiligte

  • Dr. Bernd Steinmüller, Aachen (Planer und Berater)
  • Rongen Architekten, Wassenberg/Erfurt (Sanierung und Umbau)

Beteiligte Handwerksbetriebe unter anderem:

  • Lebherz & Partner, Aachen (Heizung/Solartechnik)
  • Bauelemente Rosa, Geilenkirchen