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Mobilität

Flugreisen

„Ihre Bordkarte, bitte!“

Für viele Menschen ist der Urlaub die schönste Zeit des Jahres, doch ist er nicht unbedingt auch die umweltschonendste. Das gilt insbesondere für Flugreisen, denn bei jedem Flug werden erhebliche Mengen des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) ausgestoßen. Wer auf seine Flugreise nicht verzichten möchte, kann seinen Flug durch eine freiwillige CO2-Ausgleichszahlung kompensieren.

8 % der weltweiten CO2-Emissionen

Der weltweite Tourismus verursacht 8 % der globalen Treibhausgas-Emissionen.
Foto: panthermedia
Der weltweite Tourismus verursacht 8 % der globalen Treibhausgas-Emissionen.
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Die Allianz pro Schiene legte im Juli 2018 einen Umweltvergleich verschiedener Verkehrsmittel für Deutschland vor. Für diesen Vergleich hatte sie unter anderem die Treibhausgas-Emissionen von Flugzeug, Pkw, Reisebus und Eisenbahn im Personen-Fernverkehr untersucht. Demnach verursacht ein Inlandsflug mit 280 Gramm Kohlendioxid pro Personenkilometer knapp 22 Mal so viele Emissionen wie eine Bahnreise (13 g CO2/Kopf*km). Und laut einer – ebenfalls aus dem Jahr 2018 stammenden – Studie von „nature climate change“ ist allein der weltweite Tourismus für etwa 8 % der globalen Treibhausgas-Emissionen verantwortlich.

Flugreisen – nicht nur wegen des CO2 klimaschädlich

Hierbei sind zwei wichtige Aspekte zu beachten. Zum einen sind die durch Flugreisen verursachten Emissionen besonders klimaschädlich: Sie gelangen direkt in die höheren Schichten der Erdatmosphäre und bewirken deshalb einen etwa dreimal so starken Treibhauseffekt wie die Emissionen in Bodennähe. Deshalb ist es üblich, den CO2-Ausstoß von Flugzeugen mit dem RFI-Faktor („Radiative Forcing Index“) zu multiplizieren, um einen aussagefähigen und vergleichbaren Emissionswert zu erhalten.

Zum anderen fördern der beim Verbrennen von Kerosin entstehende Wasserdampf und der ebenfalls in großer Höhe emittierte Ruß die Erderwärmung: Wasserdampf und Ruß treffen in der oberen Troposphäre auf kalte Luft, so dass langlebige Eiswolken („Cirruswolken“) entstehen, auch „Kondensstreifen“ genannt. Anders als die tiefliegenden Stratuswolken, die einen kühlenden Effekt haben, lassen Eiswolken das meiste Sonnenlicht durch; sie verhindern aber, dass Wärme von der Erde in die Atmosphäre zurückstrahlt. Das Umweltbundesamt geht deshalb von einem Radiative Forcing Index von bis zu 5 aus, wenn der Effekt von Cirruswolken berücksichtigt wird. Vermutlich haben die durch den weltweiten Flugverkehr entstehenden Kondensstreifen in den vergangenen Jahren sogar mehr zum Anstieg der globalen Temperatur beigetragen als das gesamte CO2, das seit Beginn der Luftfahrt in die Atmosphäre emittiert wurde. Genau dies zeigten Lisa Bock und Ulrike Burkhardt vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in einer Untersuchung, deren Ergebnisse sie Anfang 2019 im Journal „Atmospheric Chemistry and Physics“ veröffentlichten.

Deutschlandweit fast 336.000 Check-ins pro Tag

Dennoch erreicht der deutsche Flugverkehr immer neue Rekorde: Im Jahr 2018 traten von den 24 größten Flughäfen in Deutschland rund 122,6 Millionen Passagiere eine Flugreise an, dies entspricht 335.890 Fluggästen pro Kalendertag und einem Plus von 4,2 % im Vergleich zu 2017. Dabei erhöhte sich der Flugverkehr mit dem Ausland, auf den vier von fünf Passagiere entfielen, mit einer Steigerung von 5,5 % sogar stärker als der gesamte Flugverkehr. Dieser Trend setzt sich nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV) auch im Jahr 2019 fort: Von Januar bis Juni wurden an deutschen Flughäfen insgesamt knapp 117,1 Mio. Passagiere gezählt (Ankünfte und Abflüge), ebenfalls ein Plus von 4,2 % gegenüber dem ersten Halbjahr 2018.

Trotz der schlechten Umweltbilanz des Fliegens erreicht der deutsche Flugverkehr Jahr für Jahr neue Rekordmarken.
Foto: Pixabay
Trotz der schlechten Umweltbilanz des Fliegens erreicht der deutsche Flugverkehr Jahr für Jahr neue Rekordmarken.
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Klimaneutral fliegen

Die enormen Treibhausgas-Emissionen von Flugreisen einerseits und die stetig wachsenden Passagierzahlen im Flugverkehr anderseits offenbaren die – beim Klimaschutz oft zu beobachtende – Kluft zwischen dem Wissen (um die klimaschädlichen Folgen des Fliegens) und dem Handeln (dem eigenen Mobilitätsverhaltens). Aktuell scheint die Sehnsucht nach fernen Ländern bei vielen Menschen stärker ausgeprägt zu sein als ihr Umweltbewusstsein.

Die gute Nachricht ist, dass sich bei Flugreisen der Widerspruch zwischen Wissen und Handeln leicht auflösen lässt. Wer Norderney nicht so spannend findet wie Namibia und Usedom nicht so reizvoll wie die USA, der kann seinen Flug „kompensieren“, indem er freiwillig einen finanziellen Beitrag für eine CO2-Ausgleichsmaßnahme leistet: Das als Ausgleich für ein bestimmtes Flugticket gespendete Geld fließt in Klimaschutzmaßnahmen wie zum Beispiel Projekte zur Erzeugung von Ökostrom oder zur Steigerung der Energieeffizienz. Auf diese Weise werden die durch einen Flug verursachten CO2-Emissionen an anderer Stelle eingespart („kompensiert“), man fliegt gewissermaßen klimaneutral.

Inzwischen gibt es zahlreiche Anbieter, die es ermöglichen, einen Flug durch eine Ausgleichszahlung zu kompensieren. Sechs Anbieter hat die Stiftung Warentest im März 2018 getestet, dabei erhielten drei von ihnen die Gesamtnote „sehr gut“: Mit einer Gesamtnote von 0,6 wurde die gemeinnützige Klimaschutzorganisation atmosfair klarer Testsieger, vor den beiden ebenfalls mit „sehr gut“ getesteten Anbietern Klima-Kollekte (1,1) und Primaklima (1,5). Darüber hinaus bietet die Lufthansa ihren Passagieren seit August 2019 die Möglichkeit an, ihre Flüge über die Website www.compensaid.de direkt bei der Airline zu kompensieren oder einen Aufpreis für „Sustainable Aviation Fuel“ (SAF) zu zahlen: Dieser alternative, nicht-fossile Treibstoff reduziert die CO2-Emissionen nach Angaben von Lufthansa um 80 %.

Bei der CO2-Kompensation werden die Emissionen, die ein Flug pro Passagier verursacht, durch eine spendenfinanzierte Ausgleichsmaßnahme an anderer Stelle wieder eingespart.
Foto: Pixabay
Bei der CO2-Kompensation werden die Emissionen, die ein Flug pro Passagier verursacht, durch eine spendenfinanzierte Ausgleichsmaßnahme an anderer Stelle wieder eingespart.
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Starkes Wachstum bei Kompensationszahlungen

Der überaus heiße und trockene Sommer 2018 hat möglicherweise zu einem stärkeren Umweltbewusstsein in der Bevölkerung geführt, denn mittlerweile ist eine wachsende Zahl von Reisenden bereit, den CO2-Abdruck des Fliegens zu kompensieren: Immer mehr Menschen in Deutschland leisten eine Ausgleichszahlung für ihr Flugticket.

Wie die Süddeutsche Zeitung in ihrer Ausgabe vom 12.6.19 berichteet, stieg das Spendenaufkommen von atmosfair, dem Marktführer für CO2-Kompensationen in Deutschland, im Jahr 2018 um 40 % gegenüber dem Vorjahr. Und der Boom der CO2-Ausgleichszahlungen hält laut Spiegel Online vom 14.7.19 an: Für das erste Halbjahr 2019 registrierte atmosfair sogar eine Verdoppelung der Ausgleichszahlungen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Bei einem anderen Anbieter der CO2-Kompensation explodierte das Wachstum im Jahr 2019  geradezu: myclimate verzeichnete im ersten Quartal 2019 ein Plus von 220 % im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, im April 2019 betrug das Wachstum sogar 440 % (Süddeutsche Zeitung vom 12.6.19).

Die Flugreise, die man nicht antritt, ist die klimafreundlichste; dennoch ist es erfreulich, dass immer mehr Flugpassagiere ihr Ticket kompensieren.
Foto: Pixabay
Die Flugreise, die man nicht antritt, ist die klimafreundlichste; dennoch ist es erfreulich, dass immer mehr Flugpassagiere ihr Ticket kompensieren.
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Zu diesem Boom der Kompensationszahlungen mag neben dem gestiegenen Umweltbewusstsein noch ein weiterer Punkt beigetragen haben: Der finanzielle Ausgleich für die CO2-Kompensation ist nicht wirklich teuer. So fallen beispielsweise für einen innerdeutschen Linienflug von Düsseldorf nach Berlin in der Economy Class Kosten in Höhe von 5 Euro für den Ausgleich von durchschnittlich 113 kg CO2 an. Die Kompensation eines Linienflugs von Düsseldorf nach Málaga, der pro Person durchschnittlich 367 kg CO2 emittiert, kostet – ebenfalls in der Economy Class – ganze 9 Euro.

Weltweite Begrenzung der CO2-Emissionen der Luftfahrt

Angesichts der enormen Treibhausgas-Emissionen des Luftverkehrs stellt sich mittlerweile auch die weltweite Luftfahrtindustrie ihrer Verantwortung für den Klimaschutz. Im Oktober 2016 einigten sich die 191 Mitgliedsstaaten der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation („International Civil Aviation Organization“, ICAO), einer Sonderorganisation der Vereinten Nationen, auf ein globales Klimaschutzinstrument für die zivile Luftfahrt: Das von der ICAO verabschiedete „Carbon Offsetting and Reduction Scheme for International Aviation“ (CORSIA) ist eine globale, marktbasierte Maßnahme zur Begrenzung der Kohlendioxid-Emissionen des internationalen Luftverkehrs. Durch das Instrument CORSIA soll der internationale Flugverkehr ab 2020 CO2-neutral wachsen.

Kerngedanke von CORSIA ist die weltweite Kompensation von Treibhausgasen, die Fluggesellschaften sollen ihre wachstumsbedingten CO2-Emissionen durch Klimaschutzprojekte ausgleichen. Zu diesem Zweck werden Projekte ins Leben gerufen, die von unabhängigen Stellen daraufhin überprüft werden, ob sie dauerhaft Kohlendioxid einsparen. Wenn dies der Fall ist, werden die Klimaschutzprojekte unter Aufsicht der UNO zertifiziert. Fluggesellschaften können dann Zertifikate dieser Projekte erwerben und so ihre CO2-Emissionen kompensieren.

Waldprojekte wie das Aufforsten sind bei kritischer Betrachtung keine geeignete Möglichkeit, die durch das Fliegen entstehenden Kohlendioxid-Emissionen zu kompensieren: Sie erfüllen bspw. nicht das zentrale Kriterium der Dauerhaftigkeit.
Foto: Pixabay
Waldprojekte wie das Aufforsten sind bei kritischer Betrachtung keine geeignete Möglichkeit, die durch das Fliegen entstehenden Kohlendioxid-Emissionen zu kompensieren: Sie erfüllen bspw. nicht das zentrale Kriterium der Dauerhaftigkeit.
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Die Implementierung des weltweiten Klimaschutzinstruments CORSIA wird in drei Phasen erfolgen, wobei die Teilnahme der Staaten an den ersten beiden Phasen (2021-2023 und 2024-2026) freiwillig ist. In der dritten Phase (2027-2035) schließlich sollen insgesamt 90 % der Verkehrsleistung im internationalen Luftverkehr abgedeckt werden. Und CORSIA scheint zu funktionieren: Bis Juni 2017 erklärten 70 Staaten ihre freiwillige Teilnahme von Beginn an, darunter die USA, China, Mexiko, Indonesien und 44 Staaten der Europäischen Zivilluftfahrt-Konferenz (ECAC) einschließlich Deutschland; damit wären bereits 87,7 % des internationalen Luftverkehrs abgedeckt. (Derweil bleiben für die Emissionen von Inlandsflügen die einzelnen Staaten verantwortlich.)

Ziel: Halbierung der Kohlendioxid-Emissionen bis 2050

Doch CORSIA berücksichtigt nur die wachstumsbedingten Kohlendioxid-Emissionen der Luftfahrt ab 2020, deshalb wird es nicht zu einer Reduzierung der CO2-Emissionen führen – auch langfristig nicht.

Daher haben sich nach Angaben des Dachverbandes der Fluggesellschaften („International Air Transport Association“, IATA) Fluggesellschaften, Flugzeughersteller, Flugsicherungen und Flughäfen weltweit bereits im Jahr 2009 auf eine Klimaschutzstrategie verständigt: Die Treibstoffeffizienz soll durch technische Innovationen und optimierte Prozesse um 1,5 % pro Jahr gesteigert werden, ab 2020 soll der internationale Luftverkehr CO2-neutral wachsen (durch CORSIA), und der Einsatz von neuen Flugzeugkonzepten sowie von alternativen Kraftstoffen und Antrieben soll bis 2050 das CO2-neutrale Fliegen ermöglichen. Diese Gesamtstrategie soll laut IATA dazu führen, dass die CO2-Emissionen des weltweiten zivilen Luftverkehrs langfristig sinken – bis auf ein Niveau von nur noch 50 % im Jahr 2050 gegenüber 2005.

Die Klimaschutzstrategie des internationalen Luftverkehrs zielt auf die Halbierung der Kohlendioxid-Emissionen der zivilen Luftfahrt bis zum Jahr 2050 gegenüber 2005.
Grafik: International Air Transport Association, IATA/www.klimaschutz-portal.aero
Die Klimaschutzstrategie des internationalen Luftverkehrs zielt auf die Halbierung der Kohlendioxid-Emissionen der zivilen Luftfahrt bis zum Jahr 2050 gegenüber 2005.
Grafik: International Air Transport Association, IATA/www.klimaschutz-portal.aero