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Regional erzeugten Strom vor Ort vermarkten

Anlagenbetreiber, Energiegenossenschaften und Stadtwerke suchen nach Wegen, regional erzeugten Strom aus erneuerbaren Energien an den Endverbraucher „nebenan“ zu verkaufen. Jedoch wird die regionale Stromdirektvermarktung durch die derzeitigen politischen Rahmenbedingungen erschwert. Welche Hürden und Lösungswege es gibt, zeigen drei unterschiedliche Geschäftsmodelle auf.

„Was liegt näher, als seinen Strom daher zu beziehen, wo er erzeugt wird?“ Im Landkreis Steinfurt liegt der Gedanke nah, denn 249 Windenergieanlagen erzeugen hier nachhaltig Strom. Zusammen mit anderen Erneuerbare-Energie-Anlagen decken sie rechnerisch fast 70 Prozent des regionalen Energiebedarfs aus regenerativen Quellen. Im Jahr 2050 will der Landkreis energieautark sein. Ein Baustein dafür soll die Vermarktung des regional erzeugten Stroms an Haushalte und Großverbraucher in der Region sein. Die Argumente für regionale Stromvermarktung liegen auf der Hand: Sie fördert die Akzeptanz für erneuerbare Energien vor Ort und stärkt die Wertschöpfung in der Region. Das Zusammenrücken von Erzeugung und Verbrauch entlastet die Netze und macht den Ausbau großer Stromtrassen unnötig.

Die politischen Rahmenbedingungen erschweren es jedoch, regional erzeugten Strom aus erneuerbaren Energien an Verbraucher vor Ort zu vermarkten: Um die Wettbewerbsfähigkeit grünen Stroms gegenüber dem Strom aus abgeschriebenen Kohle- und Atomkraftwerken zu sichern, wird die regenerative Stromerzeugung über das EEG gefördert. Nach der EEG-Novellierung 2014 kann Strom aus geförderten Anlagen jedoch nur als allgemeiner Strom unbekannter Herkunft vertrieben werden. Grund ist das Doppelvermarktungsverbot im EEG. Obwohl grün erzeugt, verliert der Strom aus erneuerbaren Energien so seine Ökostromeigenschaft und wird als Graustrom verkauft. „Das System lässt keine Rückschlüsse über die tatsächliche Herkunft zu. Verbraucher können so keinen Bezug zu einem Produkt herstellen, das vor ihrer Haustür nachhaltig produziert wird“, erklärt Rolf Echelmeyer, Geschäftsführer der Stadtwerke Steinfurt, das Problem.

100 Prozent aus der Region: „Unser Landstrom“

Der kommunale Energieversorger geht deshalb einen anderen Weg. „Wir haben gemeinsam mit drei weiteren regionalen Stadtwerken ein exklusives Produkt für die Stromkunden im Landkreis entwickelt, das wir unter der Marke ‚Unser Landstrom‘ vertreiben“, erklärt Echelmeyer. Die Stadtwerke Steinfurt, die eine Bürgerenergiegenossenschaft als Mitgesellschafter haben, sind die einzigen Versorger im Landstrom-Konsortium, die ausschließlich den Landstrom in ihrem Portfolio haben. „Wir gehen nur an den heimischen Markt und verzichten auf einen überregionalen Vertrieb.“ Das regionale Stromprodukt speist sich zu 100 Prozent aus Windenergieanlagen vor Ort. „Da es sich um ein Direktvermarktungsmodell handelt, dürfen wir den Strom nicht als Grünstrom verkaufen, sondern müssen ihn offiziell als Graustrom ausweisen“, erklärt Echelmeyer das Konzept. Gern würde der Stadtwerke-Chef den Kunden aufzeigen, aus welchen Windparks in der Nachbarschaft ihr Landstrom stammt. „Unser Strom kommt nicht von irgendwo her. Wir haben damit eine hervorragende, hundertprozentig regionale Wertschöpfung“, argumentiert er. Allerdings steht dem eine Unklarheit des Gesetzgebers im Weg: Unter Energieexperten ist derzeit strittig, ob das Doppelvermarktungsverbot auch die Offenlegung des Stromproduzenten einschließt. Deshalb geben Stromvermarkter nicht an, aus welchen Anlagen der eingekaufte Strom konkret stammt. Beworben wird der Landstrom daher mit dem einfachen Slogan: „100 Prozent regional, 100 Prozent transparent, 100 Prozent nachhaltig“.

Eine Möglichkeit, dem grün erzeugten Strom aus der Region dennoch ein grünes Etikett zu verleihen, ist der Kauf von Grünstromzertifikaten. Damit wird die grüne Qualität von Strom aus erneuerbaren Energiequellen unabhängig von der tatsächlichen Stromlieferung eingekauft. Weil das vom Umweltbundesamt geführte Register für Ökostrom-Herkunftsnachweise für EEG-Strom aus erneuerbaren Energien keine Nachweise ausstellt, sind nominelle Quellen für in Deutschland vertriebenen Ökostrom zu 90 Prozent skandinavische Wasserkraftwerke. Allerdings fließt dafür physikalisch kein Strom, der den Grünstromanteil im heimischen Netz erhöhen und den konventionellen Strom verdrängen würde. Ein Papiertiger, der der Energiewende in Deutschland nicht diene, sagen Kritiker. Mit Kosten von 0,02 bis 0,03 Cent pro Kilowattstunde außerdem zu teuer, findet man bei den Stadtwerken Steinfurt, die ihren Landstrom im günstigsten Tarif zu einem Netto-Arbeitspreis von 22,40 Cent pro Kilowattstunden anbieten. „Auch ohne ein grünes Etikett haben die meisten Kunden in Steinfurt inzwischen verstanden, dass der Landstrom aus heimischen Energiequellen stammt“, heißt es bei den Stadtwerken Steinfurt, die seit 2012 ausschließlich das Regionalstromprodukt anbieten. Inzwischen haben sie 6.000 Stromkunden.

Grüner „Bürgerstrom Osnabrücker Land“

Um ein echtes grünes Stromprodukt anbieten zu können, haben zwei Bürgerenergiegenossenschaften im Raum Osnabrück einen anderen Weg eingeschlagen. Die Osnabrücker nwerk eG, die mehrere Photovoltaikanlagen in der Region betreibt, und die Bissendorfer Energiegenossenschaft, die gut zur Hälfte an einer großen Windenergieanlage beteiligt ist, vertreiben seit Dezember 2015 gemeinsam eine regionale Strommarke in der Region. „Kleine Genossenschaften können das aus eigener Kraft nicht stemmen“, sagt Otto Wetzig, Vorstand der nwerk-Genossenschaft. Unterstützung erhalten die beiden Kooperationspartner deshalb von der Dachgenossenschaft Bürgerwerke eG, der sie als regionale Mitgliedsgenossenschaften angeschlossen sind. Dieser Verbund von derzeit 43 Bürgerenergiegenossenschaften mit 280 Erneuerbare-Energie-Anlagen organisiert im Hintergrund alle notwendigen Arbeiten des Stromvertriebs: von der Beschaffung des Stroms bis hin zur Belieferung und Abrechnung  des Endkunden. „Wir kümmern uns um den Vertrieb vor Ort, dafür verbleibt der Gewinn aus dem Verkauf zum allergrößten Teil in unseren regionalen Genossenschaften“, erklärt Wetzig das Modell. Die Idee der Vertriebskooperation: In Regionen, in denen Mitgliedsenergiegenossenschaften präsent sind, kann jede dieser Energiegenossenschaften einen individuellen Tarif mit eigener Strommarke anbieten. Die Höhe bestimmt jede Genossenschaft selbst. So kann sie wettbewerbsfähige Preise anbieten, die sich an der lokalen Preisstruktur orientieren. Die Bürgerwerke geben als Vertriebspartner lediglich einen kostendeckenden Mindestpreis vor. „Wir sind frei, unsere Marge zu bestimmen“, so Wetzig. Der „Bürgerstrom Osnabrücker Land“ liegt mit einem Brutto-Arbeitspreis von 26,3 Cent pro Kilowattstunde für Genossenschaftsmitglieder etwas unter dem Ökostromtarif der Stadtwerke Osnabrück. Die Erlöse aus dem Stromverkauf fließen an die Energiegenossenschaften vor Ort. „Kapital, mit dem wir weitere Bürgerenergie-Projekte vor Ort anstoßen können“, erklärt Wetzig.

Das grüne Plus des Bürgerstromangebots: Der Strom wird nicht über die Leipziger Strombörse eingekauft, sondern stammt im Zuge der sonstigen Direktvermarktung aus konkret benennbaren Anlagen. 15 Prozent des Stromangebots liefern Bürgerenergieanlagen, die von den Genossenschaften im Bürgerwerkeverbund selbst betrieben werden, der Rest stammt aus einem deutschen Wasserkraftwerk am Inn. 80 Kunden, vorwiegend Genossenschaftsmitglieder, haben die beiden Bürgerenergiegenossenschaften in den ersten beiden Monaten bereits gewonnen. Mittelfristig wollen die beiden Genossenschaften ihre eigenen Anlagen in das Bürgerwerke-Portfolio einbringen, um die Gleichzeitigkeit von Erzeugung und Verbrauch vor Ort voranzutreiben. „Mit dem Bürgerstromangebot wollen wir die Lücke zwischen der Produktion und dem Verbrauch von Strom aus erneuerbaren Energien schließen.“

Strom statt Repowering: WestfalenWind-Strom

Auf räumliche Nähe setzt auch das Stromvermarktungskonzept der WestfalenWind-Gruppe. Kern des Modells sind sechs ältere Windenergieanlagen im Windpark Asseln, die ihre technische Betriebszeit erreicht haben. Statt sie abzubauen und zu verkaufen, werden sie kostendeckend von einer Tochter der Betreibergesellschaft WestfalenWind GmbH weiterbetrieben. Die Westfalenwind Strom GmbH tritt als lokaler Versorger auf und vermarktet den Strom aus den Alt-Anlagen zum Selbstkostenpreis. Möglich wird das durch eine Kooperation zwischen Stromvermarktungsgesellschaft, der Windpark-Betreibergesellschaft und der Stadt Lichtenau, die im Rahmen eines Repowering-Projektes auf einen Rückbau der sechs Alt-Anlagen verzichtet. Im Gegenzug steht die im Windpark erzeugte Jahresgesamtmenge von ca. 4,5 Millionen Kilowattstunden den Lichtenauer Bürgern zur Verfügung. Weil die Anlagen weitestgehend abgeschrieben sind, ist der Preis pro Kilowattstunde niedrig: 19,8 Cent pro Kilowattstunde brutto kostet der Strom aus dem Windpark. Das ist etwa 9 Cent günstiger als im bundesdeutschen Durchschnitt. Ein Haushalt mit 3.500 Kilowattstunden Jahresverbrauch spart damit 315 Euro im Vergleich. Der Preis ist für zunächst ein Jahr garantiert. Das Kontingent, das dem Verbrauch von etwa 1.000 Haushalten entspricht, war in kürzester Zeit ausverkauft. Und das, obwohl der regional produzierte Strom durch die EEG-Förderung seine Grünstromeigenschaft verliert.

„Wir haben ein solches lokales Windstromangebot aufgelegt, weil wir mit einem günstigen Strompreis in erster Linie die Akzeptanz von Windenergieanlagen fördern möchten“, erklärt Winfried Gödde, Geschäftsführer der Westfalenwind Strom GmbH. Der kleine Versorger verkauft außerdem einen regionalen und überregionalen Windstromtarif, der von Windenergieanlagen der Mutterbetreibergesellschaft im Kreis Paderborn gespeist wird. Restmengen kauft der Anbieter von einem Grünstrom-Direktvermarkter zu. Mit dem Konzept verfolgt die WestfalenWind-Gruppe auch ein strukturelles Ziel: „Wir brauchen kurze Wege zum Verbraucher. Denn je mehr wir von unserem eigenen erzeugten Strom wohnortnah abliefern, desto weniger brauchen wir den Ausbau großer Übertragungsnetze.“ Eingesparte Netzgebühren kämen letztlich dem Verbraucher zugute.

Aus der räumlichen Nähe zwischen Erzeugung und Verbrauch erwächst dem Unternehmen aber auch ein wirtschaftlicher Vorteil: Betreiber von Windenergieanlagen, die zugleich auch als Versorger von Stromkunden auftreten, können bei einer Belieferung ihrer Endkunden in direkter Nachbarschaft die Stromsteuer (2,05 ct/kWh) einsparen, wenn Produktion und Verbrauch zeitgleich erfolgen. Die Stromsteuerbefreiung hat klare Vorteile: „Wir können Kunden mit räumlicher Nähe zum Windpark auf diese Weise einen günstigeren Strompreis liefern“, sagt Gödde. Derzeit sind das – gemessen an der Belieferungsquote – zwischen 0,5 und 1 Cent pro Kilowattstunde, die das Unternehmen an seine Kundengruppen weitergibt. Gerade für Alt-Anlagen, deren Leistung zwei Megawatt Leistung nicht übersteigt, rechnet sich dieses Modell. Allerdings ist die Stromsteuerbefreiung derzeit in der politischen Landschaft im Rahmen der regulatorischen Ausgestaltung umstritten – ihr Fortbestand ist daher nicht gesichert.

Die Beispiele zeigen, dass die Vermarktung von regional erzeugtem Strom aus erneuerbaren Energien in dem schnelllebigen regulatorischen Rahmen viel Kreativität verlangt. Denn der direkten Lieferung von grünem Strom ohne Umwege von den Anlagen vor Ort zum Endverbraucher nebenan stehen viele Hürden im Weg. Verschiedene Regionalstromanbieter entwickeln dennoch innovative Vermarktungsmodelle mit dem Ziel, den Grünstromanteil im Netz zu erhöhen sowie Erzeugung und Verbrauch zusammen zu bringen. Die Erzeuger und Vermarkter setzen dabei vor allem auf die Glaubhaftigkeit ihres Angebots, regionale Identität und eine echte Förderung der lokalen Energiewende.

Stand: März 2016

Dipl.-Kauffrau (FH) Lisa Conrads
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