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Best Practice Bürgerenergie

BürgerEnergie Rhein-Sieg bringt genossenschaftliches E-Carsharing-Projekt in NRW ins Veedel

Carsharingauto mit Vorstand in Siegburg.
Foto: Meike Böschemeyer
Carsharingauto mit Vorstand in Siegburg.
Foto: Meike Böschemeyer
Die BürgerEnergie Rhein-Sieg eG hat in Nordrhein-Westfalen ein E-Carsharing Projekt gestartet. Der Startschuss fiel im Bornheimer Stadtteil Sechtem (Rheinland). Die Genossenschaft, die bereits seit 2011 vor allem in der Errichtung und dem Betrieb von PV-Anlagen tätig ist, leistet mit diesem Geschäftsfeld einen wichtigen Beitrag zur Mobilitätswende. Dabei setzt die BürgerEnergie Rhein-Sieg auf einen innovativen Ansatz bei der Suche nach geeigneten Standorten, der sie von etablierten Carsharing-Anbietern unterscheidet.

Derzeit beherrschen vor allem große gewerbliche Anbieter den Carsharing-Markt in Deutschland, die an stark frequentierten Standorten Autos zum Teilen anbieten. Die BürgerEnergie Rhein-Sieg möchte jedoch weniger die klassischen Carsharing-Standorte anwerben, sondern Wohnquartiere/Veedel und Dörfer in Betracht ziehen. Konkret formuliert es Thomas Schmitz (Vorstandsvorsitzender) so: „Wir glauben, dass das Auto zum Teilen dorthin gehört, wo es wirklich gebrauch wird: direkt in das Quartier. Hier ist man Zuhause, hier trifft man die Entscheidung, mit welchem Mobilitätsangebot man sich auf den Weg machen will“. Ziel der Genossenschaft ist es eine echte Alternative für die Bewohner eines Quartiers zu schaffen, die auf einen eigenen PKW oder ein Zweitfahrzeug verzichten wollen. Das reduziert den Verkehr und die Lebensqualität in den Stadtvierteln wird erhöht.

Doch wie lässt sich ein Carsharing-Projekt in Wohnquartieren wirtschaftlich umsetzen? Die Menschen vor Ort müssen direkt angesprochen werden und sich aktiv bei der Etablierung des Carsharing-Standortes beteiligen: „Wir möchten den Wunsch nach einem Carsharing Auto im eigenen Viertel bei den Leuten wecken. Und sie dazu bewegen, sich selbst dafür zu engagieren und sich dann dafür einzusetzen, dass ein solches Fahrzeug in ihr Quartier hineinkommt“ erläutert Thomas Zwingmann (Vorstand). In dieser intrinsischen Motivation der Bewohner liegt der Schlüssel für das E-Carsharing-Konzept der BürgerEnergie Rhein-Sieg.

Innovatives Vorgehen bei der Standortsuche und bürgernahes Marketing

In einem ersten Schritt hat die Energiegenossenschaft daher für den gesamten Rhein-Sieg-Kreis und die Stadt Bonn Standortanalysen nach Kriterien wie Siedlungsstruktur und verkehrliche Anbindung durchgeführt. Ziel war es Quartiere herauszufiltern, die sich als zukünftiger Carsharing-Standort eignen würden. Insgesamt konnten so 750 Quartiere im Rhein-Sieg-Kreis und Bonn und identifiziert werden, bei denen einen Fahrzeug in einem Radius von 200 bis 300 m für die Bewohner fußläufig erreichbar wäre. „Nur dann, wenn der Nutzer das Angebot tagtäglich sieht, bindet er es in seine Überlegungen ein“, ist man sich bei der Rhein-Sieg eG sicher.

Potentialkarte für Carsharingfarzeuge in Siegburg.
Grafik: OpenStreetMap / BE Rhein-Sieg eG
Potentialkarte für Carsharingfarzeuge in Siegburg.
Grafik: OpenStreetMap / BE Rhein-Sieg eG
Die Karten wurden zunächst auf der Internetseite der Genossenschaft veröffentlicht und dann direkt an Städte und Kommunen weitergegeben, damit sich interessierte Bürger über die Eignung ihres Wohnquartiers informieren können. Seit Mai 2018 ist der erste PKW der Genossenschaft auf „Werbetour“. Die Genossenschaft stellt ihre Idee bei Kommunen, auf Mobilitätsveranstaltungen und direkt bei den Anwohnern auf Stadtteilfesten vor. Interessierte Bürgerinnen und Bürger können sich dann bei der BürgerEnergie Rhein-Sieg melden, die wiederum alle Interessierten aus einem Quartier zusammenführt und das weitere Vorgehen mit ihnen zusammen plant. Ziel ist schließlich – in Abstimmung mit den Städten und Gemeinden sowie dem örtlichen Stromnetzbetreiber – den Quartiersbewohnern sowohl einen E-PKW als auch eine Ladestation zur Verfügung zu stellen. Durch die intensive Beteiligung der zukünftigen Nutzerinnen und Nutzer vermeidet die Genossenschaft, dass am tatsächlichen Bedarf „vorbei geplant“ wird und senkt damit die wirtschaftlichen Risiken, die durch die hohen Investitionen an den Carsharing-Standorten entstehen.

Pilotprojekt in Sechtem seit Dezember 2018

Ladezugang an Renault ZOE.
Foto: Meike Böschemeyer
Ladezugang an Renault ZOE.
Foto: Meike Böschemeyer
Im Bornheimer Stadtteil Sechtem ist das erste Carsharing-Projekt der BürgerEnergie Rhein-Sieg in der zweiten Jahreshälfte 2018 umgesetzt worden. Im Juli 2018 fand ein erstes Treffen mit engagierten Bewohnern statt, die auf einen Zeitungsartikel der Genossenschaft aufmerksam wurden. Bereits beim zweiten Treffen waren 15 Personen von dem Angebot überzeugt, weil die Bewohner das Projekt in der Nachbarschaft selbständig beworben hatten. Dank der schnellen Genehmigung durch die Stadt, konnte das Fahrzeug schon im Dezember 2018 auf seinem Standort im Beisein des Bürgermeisters eingeweiht werden. Der Renault ZOE kann seitdem per App „MOQO“ von den Teilnehmern gebucht werden, die sich vorher bei der Genossenschaft melden müssen. Als Dienstleister für Buchung und Abrechnung ist Digital Mobility Solutions GmbH (Aachen) verantwortlich. Die ehemalige Buchungsplattform „fleetbutler“ sorgt dafür, dass die Nutzer in einer geschlossenen Nutzergruppe geführt werden können.

Die Kunden können aus drei Tarifstufen (S – M - L) wählen, wobei sowohl für Gelegenheitsfahrer als auch für Vielfahrer ein passendes Angebot dabei ist. Das Geschäftsmodell ist für die Genossenschaft rentabel, sobald der PKW eine bestimmte Kilometerzahl pro Jahr gefahren wird: „Damit sich das Projekt wirtschaftlich rechnet, muss jedes Fahrzeug auf eine jährliche Fahrleistung von 8.000 bis 10.000 Kilometer kommen“ so die beiden Vorstände. Insgesamt wurden 30.000 Euro von der Energiegenossenschaft in das E-Carsharing-Projekt in Sechtem investiert. Die Kosten wurden durch einen Einkaufsrabatt im Rahmen einer Einkaufsgemeinschaft und durch die staatliche Förderung für Ladesäulen reduziert.

Kooperationen unter Energiegenossenschaften vereinfachen die Umsetzung des neuen Geschäftsfeldes

Die Idee für das Carsharing-Projekt der BürgerEnergie Rhein-Sieg entstand bereits im Jahr 2017. Doch bevor die beiden Vorstände mit der Umsetzung der E-Carsharing-Idee beginnen konnten, musste zunächst der Aufsichtsrat überzeugt werden: „Sie haben viele Fragezeichen gesehen: wie das rechtlich abzuwickeln ist und ob sich das wirtschaftlich darstellt“. Hinderlich war zusätzlich, dass es bisher keine vergleichbaren Carsharing-Angebote gibt: „Wir können es nicht mit einem Carsharing am Bahnhof vergleichen. Und wenn wir jetzt Standorte in mehreren Dörfern oder Stadtvierteln hätten, könnten wir es auch nicht mit anderen Stadtvierteln vergleichen, weil sich jede Community anders zusammensetzt“ erklärt Thomas Schmitz.

Fehlende Erfahrungswerte wurden und werden durch Kooperationen und Vernetzungen mit anderen Energiegenossenschaften aufgefangen, auch außerhalb von NRW. So ist die BürgerEnergie Rhein-Sieg auch über die Landesgrenzen hinweg aktiv und tauscht sich dort intensiv mit Energiegenossenschaften aus Wiesbaden und Mainz  aus, organisiert im Landesnetzwerk BürgerEnergieGenossenschaften Rheinland-Pfalz e.V.. Die BürgerEnergie Rhein-Sieg möchte zukünftig auch auf die Unterstützung der neu gegründeten Dachgenossenschaft „The Mobility Factory SCE“ zurückgreifen, um Teil einer europäischen Carsharing-Bewegung zu werden. „The Mobility Factory SCE“ stellt den Mitgliedsgenossenschaften diverse Dienstleistungen und eine IT-Infrastruktur für das E-Carsharing zur Verfügung.

BürgerEnergie Rhein-Sieg eG blickt zuversichtlich in die Zukunft

Aktuell versuchen die Vorstände der BürgerEnergie Rhein-Sieg weitere Standorte zu akquirieren: „Wir sind heute eigentlich immer noch auf Werbetour, um das Projekt bekannt zu machen und um auch die Ängste davor zu nehmen“. Der Einsatz lohnt sich: in Witterschlick gibt es erste Pläne, einen weiteren E-Carsharing-Standort in einem Neubaugebiet umzusetzen. Außerdem nimmt die Bekanntheit des Vorhabens stetig zu, sodass die Vorstände auch zu Veranstaltungen außerhalb des Rhein-Sieg-Kreises eingeladen werden. Die zukünftige Entwicklung des Carsharing-Projektes stuft Thomas Schmitz daher als sehr aussichtsreich ein - auch wenn die vollständige Etablierung noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird: „Das ist ein Projekt, das mittelfristig angelegt ist. Und das am Anfang sicherlich nur ganz langsam wachsen wird, aber dann mittelfristig deutlich schneller“.

Hintergrund

Die BürgerEnergie Rhein-Sieg eG wurde 2011 in Siegburg gegründet. Zu den rund 130 Mitgliedern gehören neben Bürgerinnen und Bürgern (85%), Vereinen, Parteien und Stiftungen auch sieben Kommunen und der Rhein-Sieg-Kreis, die die genossenschaftliche Idee zur Realisierung von Projekten zur Nutzung Erneuerbarer Energien in der Region unterstützen. Zu den Kommunen zählen die Städte Hennef, Troisdorf, Siegburg, Lohmar, Sankt Augustin, die Gemeinde Much und die Bundesstadt Bonn. Die Errichtung und der Betrieb von EE-Anlagen gehören ebenso zu den Betätigungsfeldern der Genossenschaft wie der Stromvertrieb, die Anlagenüberwachung und seit neuestem E-Carsharing. Weitere Geschäftsfelder wie Nahwärmenetze sind in der Planung und sollen in der nahen Zukunft umgesetzt werden.

Eingestellt am 07.06.2019

Dipl.-Geogr. Lars Ole Daub
Finanzierungs- und Geschäftsmodelle
EnergieAgentur.NRW
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daub@energieagentur.nrw
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