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Best Practice Bürgerenergie

Dorfgemeinschaft in Siegen-Wittgenstein betreibt E-Carsharing

Viel altes Fachwerk, viel Natur und ein Bach der mitten durch die Ortschaft fließt. Grund ist ein beschauliches Dorf und einer der zwölf Ortsteile der Stadt Hilchenbach im Kreis Siegen-Wittgenstein. Das Dorf liegt etwas abseits von allem, rund 350 Menschen leben hier. Man kennt sich, redet miteinander und probiert Neues aus. Was dabei herauskommt, ist auf dem Dorfplatz zu sehen - wenn es nicht gerade unterwegs ist. Dort befinden sich der Stellplatz und die Ladesäule des dorfeigenen E-Autos.

E-Mobilitätsmarkt Hilchenbach-Grund. Hans-Jürgen Klein, Pressesprecher Stadt Hilchenbach.
E-Mobilitätsmarkt Hilchenbach-Grund. Hans-Jürgen Klein, Pressesprecher Stadt Hilchenbach.
Auslöser für die Anschaffung des E-Mobils war eine gemeinsame Aktion von RWE und Nissan. „Wir hatten über die Stadt Hilchenbach die Möglichkeit, solch ein E-Auto vier Monate lang zu testen“, erinnert sich Jörg Heiner Stein, Mitarbeiter der Stadtverwaltung und Mitinitiator des Trägervereins. Eine solche Chance ließen sich die „Grünger“, wie sich die Einwohner selbst bezeichnen, nicht entgehen. „Ein Nachbar stellte seine freie Garage zur Verfügung und verwaltete das Ausleihen“, erinnert sich Stein. „Jeder, der wollte, konnte sich in eine Liste eintragen und losfahren.“

Präsentation Dorf-E-Auto. Hans-Jürgen Klein, Pressesprecher Stadt Hilchenbach.
Präsentation Dorf-E-Auto. Hans-Jürgen Klein, Pressesprecher Stadt Hilchenbach.
Das Stadtgebiet von Hilchenbach ist über 80 Quadratkilometer groß. Grund wird zwar von einer Schulbuslinie und dem Bürgerbus angefahren, oberhalb des Dorfes, etwa zwei Kilometer entfernt, liegt auch ein Bahnhof. Doch größere Einkäufe oder Arztbesuche sind nur mit einem Auto zu erledigen. Rund 60 Dorfbewohner nutzten das Angebot und probierten das E-Auto aus. Als die viermonatige Testzeit abgelaufen war, setzten sich die Grünger an einen Tisch und überlegten, ob sie sich nicht gemeinsam ein Elektroauto anschaffen sollten. Eine Rentnerin, die selbst nicht mehr fahren konnte, stellte erst einmal ihr Auto, einen alten Golf, zur weiteren gemeinsamen Nutzung zur Verfügung. „Das hat über den Winter gut funktioniert“, erzählt Stein. In seinem Wohnzimmer fanden sich im März schließlich 15 Grünger ein und gründeten einen Verein, um ein E-Auto für die gemeinsame Nutzung anzuschaffen. Der alte Golf sollte verkauft werden und der Erlös als Startfinanzierung dienen.

Die Umsetzung des Projektes gestaltete sich schwieriger als gedacht. „Es war eine richtige Odyssee“, erinnert sich Stein lachend. „Finanzamt, Versicherung, Amtsgericht - und eine Spendenbescheinigung dürfen wir, obwohl eingetragener Verein, trotzdem nicht ausstellen.“ Daneben musste entschieden werden, welches Auto denn eigentlich angeschafft werden sollte. Martin Becker, Biobauer in Grund, wollte das E-Auto auch für den Warentransport nutzen und dafür auf die Anschaffung eines neuen Transporters verzichten. „Der Nissan war dafür zu klein, deshalb haben wir uns für einen Mercedes 250e entschieden“, so Stein. Nicht nur Becker, sondern auch Stein selbst schafften sich aufgrund der Nutzungsmöglichkeiten des Dorfautos keinen neuen Wagen an.

Seit dem 14. September 2016 ist das E-Auto nun in Gebrauch und wird fast täglich genutzt. Über einen digitalen Kalender, der per Internet abgerufen werden kann, tragen die Vereinsmitglieder ein, wann sie den Wagen nutzten wollen. „Meist ist er nachmittags oder am Wochenende unterwegs“, so die Erfahrung von Stein. Ein Dorfbewohner traute sich sogar bis nach Dortmund. „Das ist ganz schön spannend geworden“, erzählt Stein schmunzelnd. Vier Ladesäulen fuhr der Fahrer an, aber alle waren so zugeparkt, dass er nicht aufladen konnte. Schließlich konnte das Fahrzeug durch einen privaten Kontakt auf dem Hof von RWE am Strom angeschlossen werden. „Die Distanz ist kein Problem, auch Köln könnte angefahren werden“, so die Erfahrung von Stein.

Rund zehn Vereinsmitglieder nutzten das Dorfauto regelmäßig. „Zusätzlich zur Buchung im Kalender führen wir ein Fahrtenbuch, einfach zur Sicherheit“, so Stein. Seinen Stellplatz hat das Auto mitten in der Ortschaft. Und seit November wird er dort auch über eine Ladesäule mit Strom versorgt. „Das war schon eine weitere Odyssee bis es mit dem Stromanschluss geklappt hat“, sagt Stein etwas nachdenklich. „Besser wäre es gewesen, zuerst für den Strom zu sorgen und dann das Auto anzuschaffen. Wir waren einfach ahnungslos, auf was man einfach achten muss.“

Und wie geht es weiter? „Jetzt muss sich das Auto erst einmal etablieren“, erklärt Stein. Rückblickend bezeichnet er die Anschaffung als Mammutprojekt. „Das war ein langer Prozess, das kann man nicht jedes Jahr schaffen.“ Das hält die Grünger jedoch nicht davon ab, an eine Überdachung für das Auto mit Solarzellen nachzudenken. „Grundsätzlich haben wir noch viele Ideen“, so Stein. „Und Potenzial für nachhaltige Projekte ist noch reichlich vorhanden.“

Der Verein
Aus gutem Grund e.V. wurde im April 2016 gegründet, um für die Ortschaft Hilchenbach-Grund ein E-Auto zur gemeinsamen Nutzung anzuschaffen. Der Vereinsbeitrag beträgt 24 Euro pro Jahr, pro Stunde kostet die Benutzung vier Euro, 25 Euro pro Tag. Damit sind sämtliche Kosten abgedeckt. Das Fahrzeug sowie die Ladesäule finanzieren sich durch Werbeeinnahmen. Für sein Engagement in Sachen Nachhaltigkeit wurde der Verein innerhalb des Projekts „Dorf ist Energie(klug)“ der Südwestfalenagentur ausgezeichnet. Obwohl für die Anschaffung des E-Autos gegründet, verzichtete der Verein ganz bewusst auf die Bezeichnung Carsharing im Namen, da die Vereinsziele weiter gefasst sind. Denn laut Satzung soll in Hilchenbach-Grund die Entwicklung weg von fossilen Energieträgern hin zur Nachhaltigkeit gefördert werden.

Jörg Heiner Stein
Aus gutem Grund e.V.
02733 288216
www.facebook.com/Das-Dorf-E-Auto-Grund-1573740359547188/

Sie erreichen die EnergieAgentur.NRW außerdem werktags von 8 bis 18 Uhr über die Hotline unter 0211 - 8371930.