Neue Studie: Öffentlichkeitsbeteiligung macht sich bezahlt

27. Februar 2019 | Steffen Kawohl

Die Bürger gezielt zu beteiligen, kann Planungsalternativen aufzeigen und ein Vorhaben inhaltlich verbessern. © 422373/Pixabay

Die Bürger gezielt zu beteiligen, kann Planungsalternativen aufzeigen und ein Vorhaben inhaltlich verbessern. © 422373/Pixabay

Eine Studie hat die Öffentlichkeitsarbeit entlang großer Infrastrukturprojekte unter die Lupe genommen – aus Sicht der Vorhabenträger. Ein Ergebnis der Befragung von 97 Großprojekten: Die Investition in freiwillige Kommunikation lohnt sich. Trotzdem ist in Sachen guter Kommunikation noch Luft nach oben, wenn es darum geht, die Bürger über ein Vorhaben zu informieren und auf dem Laufenden zu halten.

Leitfäden zur Beteiligung weisen immer wieder daraufhin, wie wichtig es ist, die Öffentlichkeit frühzeitig und intensiv über ein geplantes Projekt zu informieren und sie auf dem Laufenden zu halten. Wollen Vorhabenträger dieser Empfehlung gerecht werden, benötigen sie dafür Zeit, Geld und Personal. Der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) empfiehlt in seiner Richtlinie 7001 zur Öffentlichkeitsbeteiligung, einen Prozent des gesamten Budgets eines Vorhabens für die begleitende Öffentlichkeitsarbeit aufzuwenden. Projektträger stehen vor der Frage, ob sich dieser zeitliche, finanzielle und personelle Aufwand tatsächlich lohnt.

Eine Antwort liefert die Studie der Universität Hohenheim, die sich mit Kommunikation und Beteiligung bei Infrastrukturprojekten befasst. Große Bauprojekte schüren häufig Widerstände bei den Bürgern vor Ort. Ein Grund dafür kann sein, dass es häufig an einer frühen, dialogorientierten Öffentlichkeitsarbeit mangelt: „Zu spät, zu intransparent und von oben herab“, sagt Studienautor Frank Brettschneider, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim.

Die Studienautoren befragten Projektleiter von 97 Infrastrukturprojekten. Bisherige quantitative Studien hätten in erster Linie auf die Zufriedenheit der Beteiligten oder der Öffentlichkeit abgestellt, nicht aber auf die Zufriedenheit der Investoren selbst, so Brettschneider. Ein Viertel aller untersuchten Projekte kam aus dem Energiesektor, wie zum Beispiel der Windpark Bühlertann in Baden-Württemberg, der Windpark Sommerland in Schleswig-Holstein oder das Pumpspeicherkraftwerk bei Ensch an der Mosel. Die weiteren Vorhaben stammten aus den Bereichen Verkehr, Stadtentwicklung sowie Landwirtschaft und Naturschutz.

Kommunikation fördert Vertrauen und Akzeptanz bei den Bürgern
Die Umfrage bestätigt, dass der Nutzen von Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit ihre Kosten übersteigt. Die Investition lohne sich vor allem, um Konflikte zu vermeiden. „In fast drei Viertel der Projekte ist der Nutzen der freiwilligen Kommunikation größer als die Kosten dafür“, resümiert Brettschneider. Die eingesetzten Maßnahmen reichten von der klassischen Pressemitteilung (91 %) über Informationsveranstaltungen (83 %) bis zum Einsatz von Visualisierungstechniken (66 %) und die Einrichtung von Projekt-Websites (65 %). Maßstäbe für den Erfolg der Kommunikationsarbeit seien nach Ansicht der Befragten eine verbesserte Transparenz und eine höhere Glaubwürdigkeit. Dadurch sei die Akzeptanz und das Vertrauen der Bürger gegenüber den Projekten gestiegen. „Kritische Themen konnten dadurch frühzeitig gelöst werden. Auch wurde Gerüchten und Ängsten entgegengewirkt“, fasst Brettschneider zusammen. Außerdem habe die freiwillige Verständigung mit der Öffentlichkeit nach Angaben von rund Zweidrittel der Befragten den Projektverlauf positiv beeinflusst. Bei Infrastrukturprojekten rund um den Ausbau erneuerbarer Energien und des Stromnetzes bestätigten sogar 84 Prozent der befragten Projektleiter, dass ihr Projekt deshalb zügig umgesetzt werden konnte.

Beteiligung versachlicht die Diskussion
Ein weiteres Ergebnis: Allein auf die Information der Öffentlichkeit zu setzen, reicht aber nicht aus. Förderlich sei vor allem eine dialogorientierte Kommunikationsarbeit. Davon profitieren Vorhabenträger mehrfach: Einerseits werde durch die gezielte Beteiligung der Bürger und anderer relevanter Interessengruppen eine Versachlichung der Diskussion erreicht. Andererseits können durch die eingebrachte Expertise Planungsalternativen aufgezeigt und das Projekt inhaltlich optimiert werden: Bei einem Drittel der Projekte konnten durch das Wissen der Beteiligten inhaltliche Verbesserungen erreicht werden. Dabei spielt der Einsatz der richtigen Formate eine entscheidende Rolle, mahnen die Studienautoren. „Ein Beteiligungsprozess alleine reicht aber nicht“, sagt Ulrich Müller, Geschäftsführer von wikopreventk und Mitautor der Studie. „Der Prozess muss auch durch Kommunikation nach außen verankert werden. Die Öffentlichkeit kann über die Legitimität des Vorgehens nur urteilen, wenn sie das Vorgehen kennt.“ Beteiligung und Kommunikation müssten deshalb strategisch geplant werden und Hand in Hand gehen.

Autoren sehen noch Verbesserungspotential
Die Studie attestiert den Vorhabenträgern noch Nachholbedarf: Lediglich die Hälfte der Projektträger hatte ein vollständiges Kommunikationskonzept erarbeitet. Viele Projektwerber würden noch immer in die Kommunikation ihres Vorhabens stolpern, kritisiert Müller. Dies verwundere vor dem Hintergrund des ansonsten so hohen Professionalisierungsgrades.

Denn auch das zeigt die Umfrageauswertung: Knapp die Hälfte der Vorhabenträger haben im Projektverlauf auf bestimmte Ereignisse und Entwicklungen während der Öffentlichkeitsarbeit reagiert und einzelne oder gleich mehrere geplante Kommunikationsmaßnahmen an die Bedürfnisse angepasst. Die Erkenntnisse entsprächen den Erfahrungen in der Praxis. „Der momentane Trend ist, dass frontale Formate und Großveranstaltungen verringert und persönliche Gespräche intensiviert werden“, sagt Müller.

Luft nach oben bei den Kosten
Die Wissenschaftler interessierte auch die finanzielle Seite. Bei den untersuchten Projekten machten die Kosten für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit in mehr als der Hälfte der Projekte (56 %) weniger als 0,1 Prozent der gesamten Projektausgaben aus. „Mit durchschnittlich 0,1 Prozent des Projektvolumens liegt das Kommunikationsbudget weit unter dem vom VDI empfohlenen Wert von einem Prozent“, sagt Brettschneider, der zugleich Vorsitzender des VDI-Richtlinienausschusses für die Richtlinie 7001 ist. Dass hier künftig noch mehr getan werden könnte, machten die Umfrageergebnisse deutlich: Die Mehrheit der befragten Projektleiter (73 %) werteten den Nutzen der begleitenden Kommunikationsarbeit und Öffentlichkeitsbeteiligung höher als den Aufwand und die Kosten. Bei Vorhaben im Energiebereich war diese Erfahrung mit 83 Prozent sogar noch verbreiteter. „Kommunikation und Beteiligung sind also nicht nur gesellschaftlich sinnvoll, sie zahlen sich auch für die Projektverantwortlichen aus“, resümiert Brettschneider.

Um die eigene Öffentlichkeitsarbeit und Beteiligung der Bürger bei einem geplanten Vorhaben der Energiewende zu verbessern, gibt die EnergieAgentur.NRW Kommunen und Unternehmen verschiedene Hilfsmittel an die Hand. Wer nach Ideen sucht, die Öffentlichkeit in die Planung von Projekten einzubeziehen, dem bietet die Methodensammlung Informationen zu geeigneten Formaten. Um die Öffentlichkeits- und Pressearbeit systematischer und zielgerichteter anzugehen, gibt der Beitrag Zehn Tipps für eine gelungene projektbegleitende Öffentlichkeitsarbeit konkrete Handlungsempfehlungen.

Weiterführende Informationen:

Studie: Bau und Infrastrukturprojekte: Erfolgsfaktor „Projekt-Kommunikation“