Naturschutz und erneuerbare Energien gehen zusammen

27. Mai 2019 | Kira Crome

 © EnergieAgentur.NRW

Naturschutz und Klimaschutz sind möglich, sagt eine Forschungsprojektauswertung des Bundesamtes für Naturschutz. © BfN/Ulf Hauke

Das Klima schützen und erneuerbare Energien ausbauen, die Landschaft erhalten und die Tierwelt bewahren – ein unlösbarer Konflikt? Nein, sagt das Bundesamt für Naturschutz (BfN). Ein Einklang zwischen Naturschutz und Energiewende ist möglich. Lösungen zeigt der Erneuerbare Energien Report 2019 auf, der die Erkenntnisse aus mehr als 40 Forschungsprojekten des BfN zum Thema zusammenfasst.

Überall auf der Welt gibt es heute 20 Prozent weniger Tier- und Pflanzenarten als zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Drei Viertel der Landfläche sind entscheidend durch den Menschen verändert. Das zeigt der Anfang Mai 2019 veröffentlichte Report des Weltbiodiversitätsrat (IPBES). Die bisher umfassendste internationale wissenschaftliche Bestandsaufnahme der biologischen Vielfalt auf der Erde macht klar: Es gibt einen eindeutigen Zusammenhang zwischen menschlichem Einfluss und negativen Folgen in der Natur. Kein Ökosystem ist unbeeinflusst vom Menschen. Vor allem die veränderte Landnutzung, aber auch der Klimawandel wirken sich – neben anderen Faktoren – direkt und indirekt negativ auf die biologische Vielfalt aus. „Einen Königsweg, um die Dienste der Natur, die unsere Gesellschaften in Anspruch nehmen, intakt zu halten, präsentiert der Bericht nicht“, sagt Jens Jetzkowitz, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung in Berlin und Leitautor des Berichts. „Von Land zu Land und Region zu Region werden unterschiedliche Maßnahmen erfolgreich sein, um die drängendsten Gefährdungen für biologische Vielfalt und Ökosystemdienstleistungen zu beseitigen.“ Noch aber würden Schutzbemühungen zur Bewahrung natürlicher Lebensräume häufig ins Leere laufen. Vor allem bei der Flächeninanspruchnahme mahnt der Bericht eine globale Trendwende an.

Grünes Dilemma
Damit rückt neuerlich ein Dilemma der Klimaschutzbemühungen in den Fokus der Debatte: Erneuerbare Energien dienen einerseits dem Klimaschutz und damit dem Schutz der Artenvielfalt, die vom Klimawandel bedroht ist. Andererseits führt die Flächeninanspruchnahme für neue Infrastrukturen zu Zielkonflikten mit dem Naturschutz. „Erneuerbare Energien sind Lösung und Problem zugleich“, sagt Beate Jessel. „Doch ein naturverträglicher Ausbau der Erneuerbaren Energien kann gelingen“, ist die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) überzeugt. Das mache der kürzlich veröffentlichte Erneuerbare Energien Report des BfN deutlich. Die dem Bundesumweltministerium nachgeordnete Behörde unterhält einen eigenen Forschungsschwerpunkt „Naturschutz und Erneuerbare Energien“. Ziel ist es, die Auswirkungen der erneuerbaren Energiegewinnung im Einzelnen zu untersuchen, die relevanten Wirkmechanismen zu beschreiben und daraus Erkenntnisse für die Planungspraxis auf allen Planungsebenen zu beschreiben. Mehr als 40 Forschungs- und Entwicklungsvorhaben sind diesem Forschungsfeld zugeordnet. Erstmals hat das Amt diese Projekte in einem eigenen Bericht systematisch analysiert und die gewonnenen Erkenntnisse zusammengetragen.

BfN wertet Forschung zur naturverträglichen Energiewende aus
Der Überblick aus der BfN-Forschung zeigt auf, wie aus Sicht der vielfältigen Forschungserkenntnisse die Umstellung der Energieversorgung in Einklang mit dem Natur- und Artenschutz gebracht werden kann. Im Fokus der Auswertung stehen die Aspekte der Flächeninanspruchnahme durch Erneuerbare-Energien-Anlagen, das Schutzgut Landschaft, das bei der Planung und Genehmigung von Anlagen zu berücksichtigen ist, und das Aufhalten des Rückgangs der Biodiversität, das als Ziel in der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt festgeschrieben ist.

Einklang von Naturschutz und Energiewende ist möglich
„Der größte Teil der gesellschaftlichen Herausforderung ‚Energiewende‘ liegt noch vor uns“, konstatiert der Bericht. Bei konstantem Verbrauch müsste die erneuerbare Energieerzeugung mehr als versiebenfacht werden, um die erforderliche Dekarbonisierung des Energiebereichs zu erreichen. Schon jetzt aber seien schon viele Landschaften in Deutschland durch erneuerbare Energien „überprägt“. Um Klimaschutz und Naturschutz in Einklang zu bringen und das Gelingen der Energiewende dennoch zu ermöglichen sei es deshalb weiterhin zentral, „vorrangig Energieeinsparungen und Effizienzmaßnahmen voranzutreiben und damit den Energiebedarf an sich zu begrenzen“, sagt Jessel. Der Bericht fordert in erster Linie einen sparsamen Umgang mit der begrenzten und begehrten Ressource Fläche. Statistisch gesehen werden heute etwa 66 Hektar Fläche pro Tag versiegelt. Allerdings werden Erneuerbare Energien-Anlagen in der Flächenverbrauchsstatistik nicht hinzugezählt, obgleich auch durch sie Acker- und Grünlandflächen in Anspruch genommen und teilweise versiegelt werden. Bis zum Jahr 2030 soll die tägliche Flächeninanspruchnahme auf nur noch 30 ha pro Tag reduziert werden. Das Flächensparziel, argumentiert das BfN, müsse deshalb auf die entsprechend genutzten Flächen angewendet werden. Ein wichtiger Baustein dafür sei die Sektorkopplung: Käme mehr erneuerbar gewonnene Energie im Wärme- und Verkehrsbereich zum Tragen, steigere das die Effizienz nachhaltig.

Die Energiewende naturverträglich zu gestalten bedeute auch, im ländlichen Raum auf flächeneffiziente Technologien und eine sorgfältige Standortwahl zu setzen und gleichzeitig auch städtische Räume verstärkt in die Energiegewinnung einzubeziehen. Hier setzt der Bericht vor allem auf den Ausbau der Photovoltaik. „Wir sollten stärker als bisher bestehende Dachflächen vor allem in den großen Ballungsräumen für Solaranlagen nutzen“, sagt die BfN-Präsidentin. „Ein vermehrter verbrauchsnaher Ausbau kann so zum Schutz der freien Landschaft beitragen.“ Zudem sollten bei der Gestaltung von entstehenden Energielandschaften das Landschaftsbild und das Landschaftserleben künftig besser in der Planung und Genehmigung von Erneuerbare-Energien-Anlagen berücksichtigt werden. Auch sollten die Bürger künftig mehr und früher bei Planung von entsprechenden Projekten in ihrer Umgebung mitreden dürfen. Oft sei eine gelingende Bürgerbeteiligung allein der Schlüssel, damit Anwohner und lokale Akteure die Veränderung von Landschaft annehmen.

Schließlich müssten landschaftliche Qualitäten und damit das Schutzgut Landschaft in den strategischen Überlegungen für den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien frühzeitiger und stärker berücksichtigt werden, fordert der Bericht. Dazu seien unter anderem auch Instrumente zur bundesweiten räumlichen Verteilung von Anlagen zu diskutieren.

Weiterführende Information:
Bundesamt für Naturschutz (2019): Erneuerbare Energien Report. Die Energiewende naturverträglich gestalten.