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WinWind: Ein sozialverträglicher Windenergieausbau in Europa

© WinWind
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| Tomke Lisa Menger |

Das EU-Horizon-2020-Projekt „WinWind“ hat seit Oktober 2017 die Rahmenbedingungen für die Akzeptanz von Windenergievorhaben in verschiedenen europäischen Regionen untersucht. Nun trafen sich die Projektpartner ein letztes Mal auf der Abschlusskonferenz „Achieving a Win-Win(d)“ in Berlin, um mit Gästen über sozialverträgliche Windenergieprojekte zu diskutieren.

Gegner der Windenergie werden oft pauschal als „NIMBYs“ bezeichnet. Sie seien zwar für die Technologie, wollten sie jedoch nicht in ihrer Nähe haben („Not In My Backyard“). Doch die Situation ist komplizierter. „Die Gründe für Widerstand müssen entwirrt werden“, sagt Maria Rosaria Di Nucci, Koordinatorin des WinWind-Projekts an der Freien Universität Berlin. Daher sollte mit dem Projekt untersucht werden, welche Faktoren hinderlich oder förderlich für die Akzeptanz von Windenergie sind.

Ende März endet das WinWind-Projekt, das vom Forschungszentrum für Umweltpolitik der Freien Universität Berlin koordiniert wurde. Die Projektpartner kamen aus sechs europäischen Ländern: Deutschland, Spanien, Italien, Lettland, Norwegen und Polen. Dort wurden jeweils Regionen identifiziert, die bisher vergleichsweise wenig Windenergie zugebaut haben, sowie Modellregionen, die einen großen Erfahrungsschatz mit Windenergieprojekten aufweisen. In Deutschland wurden als Zielregionen Sachsen und Thüringen sowie als Modellregionen Brandenburg und Schleswig-Holstein ausgewählt.

Die Arbeit vor Ort fand vor allem in Ländertischen (sogenannten „Stakeholder Desks“) statt. Dort kamen die lokalen Projektpartner sowie Akteure wie zum Beispiel Projektentwickler, Verbände und Behörden aus den jeweiligen Ländern zusammen, um das Projekt zu begleiten und den Stakeholder-Dialog im regionalen Kontext zu koordinieren. Es wurden Informationen für die Analyse gesammelt, Wissensaustausch angeregt sowie Best-Practice-Beispiele und Lösungsvorschläge diskutiert. Neben den Treffen der Ländertische fanden Workshops zu regional besonders bedeutsamen Themen statt.

Faktoren und Hemmnisse für die Akzeptanz von Windenergie
Ergänzt wurden die Diskussionen in den Ländertischen durch eine Umfrage unter den Stakeholdern. Die Teilnehmer setzten sich aus Behörden, Planern, Projektentwicklern, regionalen Entscheidungsträgern, Vertretern von Verbänden der erneuerbaren Energien und von Energieagenturen, Genossenschaften und weiteren relevanten Akteuren zusammen. Sie sollten die verschiedenen Faktoren sowie Lösungsansätze für die Akzeptanz der Windenergie vor Ort bewerten und Möglichkeiten und Grenzen des nationalen und länderübergreifenden Best-Practice-Transfers abschätzen. Die als Konsultation bezeichnete Umfrage war nicht als eine statistisch repräsentative Befragung gedacht, sondern als beratende Stakeholder-Befragung, die an die Diskussionen in den Ländertischen anknüpfen sollte.

Laut Einschätzung der Umfrageteilnehmer sind die einflussstärksten akzeptanzfördernden Faktoren die Einsparung von Treibhausgasen, die Generierung von lokalen Gewinnen und Einkommen, Anlagen in lokalem Besitz sowie Information und Transparenz. Als hinderlich für Akzeptanz bewerteten die Stakeholder vor allem die reellen oder wahrgenommenen Eingriffe in die Umwelt (z. B. in das Landschaftsbild), den Abstand zu den Anlagen sowie Auswirkungen auf Biodiversität und Wildtiere.

Beispiele guter Praxis ausgewählt
In den untersuchten Regionen wurden 30 Good-Practice-Beispiele identifiziert. Aus diesen wurden zehn Best Practices ausgewählt, die besonders gut auf andere Kontexte übertragen werden können. Fünf dieser Best Practices bildeten anschließend die Grundlage für entsprechende Transferworkshops, in denen die Best-Practice-Fälle Akteuren in anderen Regionen vorgestellt wurden. Die Best Practices reichen von finanziellen Beteiligungsmaßnahmen wie Bürgerenergiegesellschaften in Spanien und Deutschland sowie Steuervorteile in Italien bis hin zu Kommunikations- und Planungsmaßnahmen in Norwegen und Lettland.

Sowohl die Best-Practice-Fälle als auch die Stakeholder-Konsultationen zeigten, dass ein fairer Planungsprozess und eine gerechte Verteilung von Gewinnen und Risiken ein Schlüssel zur lokalen Akzeptanz von Windenergievorhaben seien, so die Schlussfolgerungen des Projekts. Auch Vertrauen in die handelnden Akteure spiele eine wichtige Rolle in diesem Zusammenhang. Auf der Abschlusskonferenz in Berlin wurden diese Faktoren noch einmal deutlich herausgestellt und diskutiert: Die verschiedenen Panels befassten sich unter anderem mit den Möglichkeiten der lokalen finanziellen Teilhabe und Siegeln für faire Windenergie. Es wurde außerdem ein aus den Ergebnissen des Projekts abgeleiteter Code of Conduct vorgestellt, der sich an die Leitlinien des Siegels „Faire Windenergie in Thüringen“ anlehnt, aber an verschiedene Kontexte angepasst werden kann. Zudem wurde auf der Konferenz auch die Diskrepanz zwischen einer sich stark artikulierenden Minderheit, die gegen den Windenergieausbau protestiert, und einer „schweigenden Mehrheit“ thematisiert, die sich weder für noch gegen die Projekte einsetzt, sich aber laut Umfragen größtenteils nicht von Windenergieanlagen gestört fühlt oder diese sogar befürwortet. Es sei daher oft eigentlich die politische Akzeptanz, die fehle.

Die Ergebnisse des WinWind-Projekts zu den Rahmenbedingungen für lokale Akzeptanz wurden kurz und übersichtlich in einem Handbuch zusammengefasst. Es enthält Empfehlungen sowohl für politische Entscheidungsträger als auch für Projektierer. Zudem werden derzeit weitere Politikempfehlungen formuliert und es soll ein Transferleitfaden veröffentlicht werden, um dabei zu helfen, Lösungsansätze von einer auf andere Regionen zu übertragen.

Den Transfer fortführen
Wie bei allen Projekten, die nur einen begrenzten Zeitraum gefördert werden, stellt sich auch bei WinWind die Frage, wie die Ergebnisse verstetigt werden können. Dies ist auch Di Nucci bewusst: „Wir wünschen uns, dass die Transferaktivitäten weitergehen und die Kontakte erhalten bleiben.“ Erste Schritte dafür wurden auf der Abschlusskonferenz in die Wege geleitet. Drei Memoranda of Understanding wurden unterzeichnet, in denen Projektpartner und Stakeholder aus Deutschland, Polen und Lettland vereinbarten, die Transferprojekte, die im Rahmen des WinWind-Projekts initiiert wurden, auch nach dessen Ende weiterzuführen.