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Studie: Kraniche weichen Rotorblättern besser aus als angenommen

Kurzschnabelgänse meiden dänischen Windpark, haben Ornithologen herausgefunden. © Henrik Haaning Nielsen
Kurzschnabelgänse meiden dänischen Windpark, haben Ornithologen herausgefunden. © Henrik Haaning Nielsen

| Kira Crome |

Eine Untersuchung in einem dänischen Windpark, der nahe einem für den Vogelzug wichtigen Naturreservat liegt, liefert neue Einsichten in das Verhalten von Vögeln in und um Windenergieanlagen. Kraniche und Kurzschnabelgänse weichen den Rotoren aus oder überfliegen die Gefahrenzone. Das zeigt die Dokumentation der Kollisionszahlen. Die Studie gilt als die bislang umfassendste in Dänemark.

Die Vereinbarkeit von Naturschutz und Windenergienutzung war in den letzten Wochen einmal mehr Thema. Die Umweltministerkonferenz hat getagt. Ein Thema auf der Agenda: ein neues Papier einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe zum Artenschutz bei der Planung und Genehmigung von Windenergieanlagen. Damit wollen die Landesumweltminister bundesweit einheitliche Standards für die Anwendung des Artenschutzrechts schaffen. Die Energiewirtschaft, die Windenergiebranche sowie Umwelt- und Naturschutzverbände bemängeln seit Langem eine klar geregelte Rechtsgrundlage, zum Beispiel bei der Beurteilung eines „signifikant erhöhten Tötungsrisiko“ für windenergiesensible Vogelarten im Umfeld von neuen Anlagenstandorten. Bislang fehle dafür ein praxistauglicher Bewertungsrahmen, der für Behörden und Gerichte verbindlich gelte, heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme der Branchenverbände BDEW, BNE, BWE und VKU zum Auftakt der Tagung in Wiesbaden. Der Bund hatte die Bundesländer aufgefordert, beim Artenschutz einheitliche Regelungen zu schaffen. Ins Stocken geratene Windenergieprojekte sollen wieder Fahrt aufnehmen können – naturverträglich. Am Ende der Beratungen beschloss die Umweltministerkonferenz, den Prozess zur Entwicklung rechtssicherer Bewertungsmaßstäbe im Dialog mit Verbänden und Energiewirtschaft weiterzuführen. Im Dezember wollen die Minister dann einen Beschluss fassen.

Unterdessen steuern dänische Ornithologen in der Diskussion über das Kollisionsrisiko von Vögeln an Windenergieanlagen neue Erkenntnisse aus einem Windpark in Notjütland bei. Demnach weichen Zugvögel den großen Rotoren besser aus, als bislang angenommen worden ist.

Kurzschnabelgänse meiden Windparks, Kraniche weichen Rotoren aus
Schauplatz der Studie war der Windpark „Klim Wind Farm“. 22 Windenergieanlagen erzeugen hier erneuerbare Energie. Mit fast 70 Megawatt installierter Leistung ist der im Jahr 2015 repowerte Windpark der größte Onshore-Windpark Dänemarks. Beauftragt wurde die Studie von dem Windparkbetreiber und Energiekonzern Vattenfall. Nicht nur aus reinem naturschutzfachlichem Interesse, sondern auch um zu prüfen, ob die Bedingungen der Umweltgenehmigung für den Anlagenbetrieb eingehalten werden. Dazu gehört, dass die Anzahl der Schlagopfer die festgelegte Mortalitätsrate nicht überschreiten darf. Denn in unmittelbarer Nachbarschaft des Windparks liegt ein internationales Natura 2000-Vogelschutzgebiet. Hier machen viele Zugvögel wie Kurzschnabelgänse und Kraniche auf ihrem Zugweg Rast. Bevor sie ihre Schlafplätze verlassen, gehen sie auf den nahegelegenen Feldern auf Nahrungssuche – und kreuzen dabei den Windpark.

Durchgeführt wurde die Untersuchung über zwei längere Zeiträume hinweg, im Jahr 2016 und im Jahr 2019. Ziel war es, anhand der Schlagopferfunde unter elf ausgewählten Anlagen im Windpark zu berechnen, wie viele Vögel mit den Rotorblättern kollidieren und festzustellen, wie viele Vögel in den Gefahrenbereich hineinfliegen. Dafür wurde die Anzahl der Vögel im Untersuchungsgebiet mittels Laserferngläsern, Teleskopen und Radar kartiert. Auf diese Weise können Entfernungen und Flughöhen erfasst und gemessen werden, um aus den Daten eine 3D-Flugbahn jedes Vogels zu erstellen.

Das Ergebnis: Die Zahl der Schlagopfer oder der Funde von Überresten, die Gänsen zugeordnet werden konnten, lag unterhalb der modellierten Sterblichkeitsrate für die Art der Kurzschnabelgänse. In beiden Untersuchungszeiträumen wurden keine toten Kraniche gefunden, heißt es in der Studie. Und weiter: „Kurzschnabelgänse vermieden die Turbinen weitgehend, indem sie den Windpark vollständig umfliegen, während Kraniche zwischen den Turbinen im Park hindurchfliegen, ohne mit ihnen zu kollidieren.“ Das könnte die geringe Zahl der Totfunde im Untersuchungsgebiet erklären, obwohl es in der Gegend eine große Anzahl von Gänsen und Kranichen gebe, vermuten die Autoren.

Modell berechnet Ausweichreaktion für Vogelarten
Wie viele Vögel den Windenergieanlagen ausweichen, wird mithilfe eines mathematischen Modells auf Grundlage der hochgerechneten Schlagopferzahlen und der in dem Gebiet registrierten Populationsgrößen errechnet. Typischerweise werden in dem Naturschutzgebiet 20.000 bis 30.000 Gänse und mehrere Hundert Kraniche gezählt. Demnach bescheinigt die dänische Studie beiden Zugvogelarten eine sogenannte Ausweichreaktion von 99,9 Prozent.

Kurzschnabelgänse meiden den Windpark, zeigen die radarbasierten Flugbahndaten. © Vattenfall

Kurzschnabelgänse meiden den Windpark, zeigen die radarbasierten Flugbahndaten. © Vattenfall

„Die Ergebnisse bestätigen, dass Vögel erstaunlich gut darin sind, um die Windturbinen herum oder darüber hinweg zu fliegen“, sagt Jesper Kyed Larsen, Leiter des Bereichs Biowissenschaften bei Vattenfall. Der Windparkbetreiber wertet die Erkenntnisse aus der Studie positiv, nicht nur wegen der geringen Schlagopferzahlen. Die Ergebnisse unterstrichen, dass Windenergienutzung und Naturschutz miteinander vereinbar seien.

Noch durchläuft die Studie den in der Wissenschaft üblichen Peer-Review zur fachlichen Vertiefung. Sie soll dann in der avifaunistischen Fachzeitschrift DOF BirdLife in Dänemark erscheinen. Ob die Ergebnisse aus Dänemark auch auf die landschaftlichen, regionalen Strukturen in Deutschland und das Verhalten der Arten im hiesigen Raum übertragbar sind, bleibt jedoch offen.