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Windenergie: Studie sieht keinen Einfluss auf das Insektensterben

Insekten, wie dieser Falter, gehören zu einem gesunden Ökosystem. © Capri23auto/Pixabay

| Kira Crome |

Windenergieanlagen sind nicht für das Insektensterben verantwortlich. Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler des Karlsruher Naturkundemuseums. Die Entomologen konnten mithilfe von Fallen an der Gondel und am Fuße des Turms nachweisen, dass die Menge der Insekten in 100 Metern Höhe ausgesprochen gering war. Am Boden dagegen fanden sich so viele, wie anderswo auch. Die Erkenntnisse seien kein Beleg dafür, dass die Windenergienutzung ein Treiber des Insektensterbens sei.

Der Frühling kommt und mit ihm erwacht die Natur. Überall sprießt und blüht, krabbelt und summt es. Bienen verlassen ihren Stock, Käfer und Falter erwachen aus ihrer Winterstarre. Insekten sind die artenreichste Tiergruppe und bilden das Fundament eines gesunden Ökosystems. Langzeituntersuchungen, einzelne Studien und Rote Listen zeigen indes: Die Anzahl und Artenzahl der kleinen Nützlinge sind rückläufig. Rund 80 Prozent der Biomasse an Fluginsekten sind in Teilen Deutschlands verschwunden, hatte der Entomologische Verein Krefeld in einer aufsehenerregenden Studie im Oktober 2017 gemeldet. Zwar wurde die Arbeit wegen methodischer Mängel kritisiert, etwa weil sie sich lediglich auf zwei Untersuchungsräume in ganz Deutschland bezieht. Sprengkraft hatte sie dennoch: Erstmals konnten die Krefelder Insektenkundler über 27 Jahre hinweg gesammelte Datenreihen zur Bestandsentwicklung ganzer Gruppen von Insekten auswerten – und die sind bis dahin weltweit noch nie erhoben worden. Seitdem ist das Insektensterben ins öffentliche Bewusstsein gerückt und steht auf der Agenda von Umweltschutz und Politik.

Welche Rolle spielen Windenergieanlagen?
Bei der Ursachenforschung für den Insektenschwund gerät auch die Windenergienutzung in den Blick. Eine Modellrechnung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) aus dem Jahr 2018 hatte den Insektenschwund mit dem Bau von Windparks in Zusammenhang gebracht. Demnach würden täglich etwa fünf bis sechs Milliarden Fluginsekten während der warmen Jahreszeit die großen Rotoren der Anlagen durchqueren, was einer Gesamtmasse von mindestens 1.200 Tonnen an Insekten entspräche. Die Aussage wurde in der Fachwelt wie in der Windenergiebranche heftig diskutiert. Die Debatte zeigt: So eindrucksvoll die Daten klingen, so schwer sind sie zu bewerten. Problematisch ist vor allem die zugrunde gelegte Datenlage. Die theoretische Berechnung basiert auf Durchschnittswerten aus der Forschungsliteratur zur Insektendichte in der Höhenlage zwischen 20 und 220 Metern. Konkrete Messergebnisse zur tatsächlichen Menge des Insektenschlags an Windenergieanlagen wurden nicht erhoben oder dargestellt, kritisierte etwa das Bundesamt für Naturschutz in einem Faktenpapier. Ein Manko sei zudem, dass die Studie nicht zwischen fliegenden und am Boden lebenden Arten unterscheide. Auch stelle sie keinen Bezug zum Gesamtbestand her. Überdies sei ein Rückgang von Insekten weltweit erkennbar – auch in Regionen, in denen es keine oder nur wenige Windenergieanlagen gebe.

Eine Stellungnahme des DLR wenige Monate später hat die Debatte zwischen Gegnern und Befürwortern der Windenergienutzung wieder beruhigt. Studienautor Franz Trieb erklärte darin, eine Einordnung der geschätzten Insektenverluste an Windenergieanlagen sei gar nicht möglich. Dafür fehle es schlicht an Vergleichsdaten. „Die Größe der Gesamtpopulation ist unbekannt“, sagte Trieb. Auch gäbe es keine vergleichbaren Zahlen, um die berechneten Verluste mit anderen negativen Einflüssen wie dem Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft, der Urbanisierung oder des Klimawandels vergleichen zu können. Trieb stellte klar: „Man kann deshalb aus der Studie weder schließen, dass die Windenergie Hauptverursacher des Insektenschwunds ist, noch dass sie daran unbeteiligt ist.“

Welche nachtaktiven Insekten umschwärmen Windenergieanlagen – und wie viele?
Aussagen zur Wechselwirkung zwischen Windenergie und Insektenschwund erfordern empirisch angelegte Forschungsvorhaben. Einen Beitrag dazu liefert eine kürzlich veröffentlichte Studie des Bio- und Geowissenschaftlichen Instituts beim Staatlichen Naturkundemuseum Karlsruhe. Untersucht wurde, welche Insektenarten im Jahresverlauf die Rotoren von Windenergieanlagen umschwärmen – und in welchen Mengen. Dafür brachten die Biologen Lichtfallen an einer Windenergieanlage bei Karlsruhe an – sowohl an der Gondel als auch am Fuße des Turms. Die Auswertung der gesammelten Daten zeigte, dass in 100 Metern Höhe nur geringe Mengen an nachtaktiven Insekten gezählt wurden. In der Referenzfalle am Boden war die Menge der gezählten Tiere im jahreszeitlichen Verlauf nahezu normal verteilt. Um die geringen Fangzahlen zu überprüfen und Zufälligkeiten auszuschließen, wurden auf der Windenergieanlage zusätzliche Klebefallen während der Sommermonate Juni und Juli angebracht. Außerdem wurden die Beprobungszeiträume in den Folgemonaten verlängert. Diese Kontrollmaßnahmen konnten die geringe Insektenaktivität in Rotorhöhe im Vergleich zum Boden bestätigen. Aus der Zahl der Insekten, die während der beiden Sommermonate in die Klebefallen gegangen sind, schließen die Autoren, dass auch tagsüber nur geringe Mengen fliegender Insekten die Windenergieanlagen umschwärmen. Denn um diese Zeit ist die Insektendichte in Bodennähe am höchsten.

„Die Erkenntnisse lassen den Schluss zu, dass Windenergieanlagen keine Bedeutung für das aktuelle Phänomen des Insektenschwundes zukommt“, urteilen die Karlsruher Biologen. Aufschluss gab die Studie auch über die verschiedenen Arten, die an der Windenergieanlage gezählt wurden – mit deutlichen Unterschieden. Die Artengruppen unterschieden sich in der Höhe deutlich von denen am Boden. So waren in Nabenhöhe viele Kleininsekten wie Wanzen und Zikaden aus der Gruppe der Gleichflügler sowie Kurzflügler aus der Familie der Käfer zu finden. Am Boden wurden hauptsächlich Nachtfalter gezählt.

Weitere Forschungsarbeiten nötig
Nach wie vor gibt es in den Daten zum Gefährdungsstatus einzelner Insektenarten große Lücken. Zum Teil, weil einzelne Arten schwierig zu bestimmen sind; zum Teil fehlt es an Fachleuten, die ihre Bestände fortlaufend dokumentieren. Noch immer kann die Forschung nicht alle Fragen zu Ursachen und systemischen Zusammenhängen des Insektenschwunds eindeutig beantworten. Studien schreiben der intensiven Landwirtschaft und der Nutzung von Pestiziden eine maßgebliche Rolle zu. Tiefergehende Erkenntnisse verspricht das vom Bundesforschungsministerium geförderte Projekt „DINA – Diversität von Insekten in Naturschutzgebieten“, das 2019 begann. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen vier Jahr lang, welche Faktoren zum Insektensterben beitragen und wo angesetzt werden muss, um den Trend umzukehren. Derzeit bringt die Bundesregierung ein Insektenschutzgesetz auf den Weg.

Die Karlsruher Biologen empfehlen, auch die Forschung an Windenergieanlagen zum Insektenleben auszuweiten. „Zukünftig sollten vergleichbare Erhebungen simultan an mehreren Standorten und unter verschiedenen Standortbedingungen erfolgen, um die Ergebnisse auf eine breitere Datenbasis zu stellen und Vergleiche zu ermöglichen“, schreiben die Studienautoren in ihrem Fazit. Letztlich müssten auch unterschiedliche Anlagentypen betrachtet werden. Denn Windenergieanlagen mit und ohne Getriebe heizen sich während des Betriebs in unterschiedlichem Maße auf und emittieren entsprechend unterschiedlich Abwärme, die in Nabenhöhe entweicht und Insekten anlockt.