Kontakt

Sie erreichen uns über die kostenlose Hotline des zentralen Service-Centers des Landes NRW.
Das Team beantwortet Ihre Anliegen – soweit möglich – direkt oder leitet Sie an den richtigen
Ansprechpartner der EnergieAgentur.NRW weiter.

0211 / 837–1001

E-Mail: blog.erneuerbare@energieagentur.nrw

Beiträge

Windenergie: Können schwarze Rotorblätter Vögel schützen?

© MarkoGrothe/Pixabay
Es gibt eine Reihe von technischen Ansätzen, um Vögel vor Kollisionen mit Windenergieanlagen zu schützen. © MarkoGrothe/Pixabay

| Kira Crome |

Ein Feldversuch an Windenergieanlagen in Norwegen zeigt: Ist ein Rotorblatt schwarz gestrichen, hilft das Vögeln, dem Rotor auszuweichen. Vor allem Seeadler meiden die Anlagen. Obwohl die Studie über einen langen Zeitraum lief, waren die Fallzahlen jedoch insgesamt gering. Die Forscher empfehlen deshalb größere Studien an anderen Orten und mit anderen Farben durchzuführen, um die beobachteten Effekte zu überprüfen.

Lichtgrau. So heißt der Farbton, in dem die Rotorblätter vieler Windenergieanlagenhersteller gestrichen sind. Matte Grautöne sorgen für möglichst wenig Kontraste und Lichtreflexe, damit sich die großen Rotoren möglichst unauffällig in die Umgebung einbetten. Was die optische Beeinträchtigung für Mensch und Landschaftsbild mindern soll, kann Vögel gefährden. Es gibt inzwischen eine Reihe von technischen Ansätzen, um Vögel vor Kollisionen mit Windenergieanlagen zu schützen. Radar- oder Kamerabasierte Systeme können heranfliegende Vögel erkennen und verscheuchen oder die Anlage im Notfall kurzzeitig abschalten. Forscher des Norwegian Institute for Nature Research (NINA) in Trondheim haben in einem Langzeit-Feldtest untersucht, ob es helfen würde, die Rotorblätter für Vögel besser sichtbar zu machen.

Der Feldtest fand in einem Windpark auf der Insel Smøla an der Küste Mittelnorwegens statt. Mit 68 Anlagen, verteilt auf einer Fläche von 18 Quadratkilometern, zählt er zu den größten Windparks Norwegens. Weil dort immer wieder schützenswerte Vögel, vor allem Seeadler und Moorschneehühner, tot aufgefunden wurden, ist der Windpark immer wieder in Kritik geraten. Ein Jahr nach Fertigstellung des Windparks begann 2006 eine wissenschaftliche Begleitforschung, um die Auswirkung der Anlagen auf die Vogelwelt zu untersuchen. Dafür wurde der Park mithilfe von Spürhunden systematisch nach Schlagopfern abgesucht. Bis zum Jahr 2016 zählten die Forscher insgesamt 464 Totfunde, verteilt auf 20 verschiedene Vogelarten. Anlass für die Frage, ob eine kontrastreichere Farbgebung der Rotorblätter die Wahrnehmbarkeit des Hindernisses verstärken und die Schlagopferzahlen reduzieren könnte.

Schwarz statt lichtgrau
Studien im Laborumfeld an der Universität Maryland aus dem Jahr 2003 hatten angedeutet, dass das helfen könnte. Experimentelle Untersuchungen mit amerikanischen Buntfalken, die dem hierzulande vorkommenden Turmfalken ähneln, hatten nahegelegt, dass die Tiere den Bewegungsschleier, der mit hohen Drehzahlen von Rotoren auftritt, besser wahrnehmen können, wenn die Kontrastwirkung durch unterschiedliche Farben verstärkt wird. Das norwegische Forscherteam hat diese These im Windpark Smøla unter realen Bedingungen überprüft.

Für ihre Untersuchung ließen die Wissenschaftler in dem Windpark an vier Windenergieanlagen jeweils eines der drei Rotorblätter schwarz streichen. Vier benachbarte Anlagen blieben als Kontrollgruppe farblich unverändert. Drei Jahre lang dokumentierten die Wissenschaftler, wie viele Vögel mit den acht Anlagen kollidierten und verglichen die Zahlen mit denen der mehrjährigen Voruntersuchungen. Die Erkenntnisse wurden jetzt im Fachmagazin Ecology and Evolution veröffentlicht.

Datenauswertung zeigt größten Effekt beim Seeadler
Im Vergleich zur Kontrollgruppe habe es an den vier farblich veränderten Windenergieanlagen insgesamt 70 Prozent weniger Schlagopfer gegeben, lautet das Ergebnis der Studie. Über die drei Versuchsjahre hinweg wurde das Gelände um die acht Testanlagen 1.275 Mal begangen, dabei wurden – abzüglich der Moorhuhn-Funde, die nicht in die Höhe der Rotoren fliegen – insgesamt 40 Schlagopfer gefunden. Besonders auffällig seien die Daten für den Seeadler, berichten die Autoren. Waren während der Begehungen vor dem Farbanstrich noch sechs Seeadler tot gefunden worden, wurden nach dem Farbanstrich keine Seeadler-Schlagopfer mehr registriert. Die Autoren führen das auf den schwarzen Anstrich eines der Rotorblätter zurück. Er ließe gerade Greifvögel, die besonders scharf sehen können, die Bewegungsunschärfe des Rotors besser wahrnehmen. Seeadler hätten überdies ein größeres Gesichtsfeld und seien möglicherweise deshalb besser in der Lage, die schwarzgestrichenen Rotorblätter zu erkennen. Allerdings wurden an den Kontrollanlagen im gleichen Zeitraum der Versuchsphase ebenfalls keine verunglückten Seeadler gefunden. Lässt sich aus solch einer Datenlage eine Minderungswirkung durch den schwarzen Farbanstrich statistisch nachweisen?

„Nur bedingt“, sagt Reinhard Klenke, ehemals wissenschaftlicher Mitarbeiter am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig mit Blick auf die norwegischen Versuchsdaten. Im Mittel wurden im Untersuchungszeitraum 3,64 Totfunde pro Jahr und 0,45 pro Turbine gefunden. Das sei eine relativ geringe Zahlenbasis, sagt Klenke. „Die beobachteten Effekte bei einer so kleinen Stichprobe, auch wenn die Untersuchung über längere Zeit lief, können immer noch rein zufällig bedingt sein.“

Weitere Forschungen nötig
Dass die Feldversuch-Ergebnisse die Wirksamkeit der Maßnahme nicht sicher bestätigen können, räumen auch die Autoren selbst ein. Nicht nur die Anlagen- und Fallzahlen seien sehr klein; auch die jährlichen Schlagopferzahlen schwankten beträchtlich zwischen den Jahren. „Obwohl wir einen signifikanten Rückgang der Kollisionsraten von Vögeln festgestellt haben, kann die Wirksamkeit durchaus standort- und artspezifisch sein“, sagt Forschungsleiter Roel May vom NINA im Gespräch mit der BBC. Er rät dazu, die Erkenntnisse aus dem Feldversuch in größeren Studien, anderen Standorten in Europa und auch mit anderen Farben zu wiederholen.

Von solchen Forschungsarbeiten könnte auch die Genehmigungspraxis im Hinblick auf den hierzulande besonders von der Windenergienutzung betroffenen Rotmilan profitieren. „Diesbezüglich fehlen bislang verlässliche Vergleichsgrößen, die nur durch mehrjährige Untersuchungen an zahlreichen deutschen Standorten ermittelt werden könnten“, teilt das Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende mit.

Auch ist nicht klar, ob die Ergebnisse aus Norwegen auf die landschaftlichen, regionalen Strukturen und die Arten im hiesigen Raum übertragbar sind.

Würde die Forschung zur Wirksamkeit der Farbgebung von Rotorblättern für den Vogelschutz weiter ausgeweitet, müssten die technischen Auswirkungen eingeschlossen werden, sagt Stephan Barth vom Zentrum für Windenergieforschung Forwind der Universitäten Oldenburg, Hannover und Bremen. Das Material, das für die Konstruktion von Rotorblättern verwendet wird, muss in den großen Höhen starken Kräften standhalten. Stehen die Anlagen in südlicheren Gebieten als Norwegen, müsse insbesondere in Regionen mit sehr starker Sonneneinstrahlung untersucht werden, „ob die dann – durch den dunkleren Farbanstrich – zu erwartenden starken Aufheizungen des Rotorblatts einen nachteiligen Einfluss auf die Verbundwerkstoffe der Rotorblattkonstruktion und deren mechanischen Eigenschaften haben“.

Was Vögel schützt, könnte Anwohner beeinträchtigen
Schließlich bleibt noch die Frage, welchen Effekt der Wechsel von lichtgrau zu schwarz auf die optische Wirkung von Windenergieanlagen in der Nähe von Wohnsiedlungen hat. Würde ein Rotorblatt der zumeist asynchron laufenden Anlagen schwarz gestrichen, könnte das der gesellschaftlichen Akzeptanz neue Probleme bereiten. „Eine breite Anwendung in dicht besiedelten Regionen wäre vor diesem Hintergrund sicherlich eine zusätzliche Herausforderung“, gibt Barth zu Bedenken.