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Wie Aktionstage für mehr Klimaschutz und die Energiewende motivieren

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Die Vereinten Nationen riefen 1947 den ersten Welttag ins Leben. © konferenzadhs/Pixabay

| Kira Crome |

Keine Woche vergeht ohne einen Thementag. Manche stehen im Zeichen von Klimaschutz und Energiewende. So auch im Juni: In die erste Woche fielen die Aktionstage Nachhaltigkeit, am 5. Juni war Weltumwelttag und am 15. Juni wurde der Global Wind Day begangen – auch wenn wegen der Abstandsregeln nicht alle Aktionen stattfinden konnten. Aber woher kommen die Welt- und Aktionstage und was bewirken sie?

Eine Stunde lang das Licht ausschalten – weltweit am gleichen Tag um 20:30 Uhr Ortszeit. Die „Earth Hour“ soll auf Ressourcenverschwendung hinweisen und die Menschen zum Nachdenken bringen. Der internationale Aktionstag findet seit 2007 statt, initiiert vom World Wildlife Fund (WWF). Millionen Menschen in aller Welt setzen an dem Tag ein Zeichen für mehr Klima- und Umweltschutz. Trotz der Einschränkungen in diesem Jahr nahmen nach Angaben des WWF weltweit erstmals 190 Länder und Regionen teil. In Deutschland beteiligten sich in diesem Jahr 373 Städte, die markante Bauwerke in Dunkelheit tauchten. Flankiert wird das Lichter löschen mit zahlreichen Aktionen, die Verbände, Unternehmen und Initiativen organisieren. Weltweit inspiriert die Aktion zum Einsatz für den Umwelt- und Klimaschutz.

Für den Erhalt unserer Umwelt und den Klimaschutz reicht ein Aktionstag allein im Jahresverlauf nicht aus: Im März ist Weltartenschutztag, am 22. April Earth Day (Tag der Erde) und im Mai Tag der Sonne. Es gibt den Energiespartag im März und auch die Erneuerbaren Energien haben hierzulande ihren eigenen Aktionstag im April. Der Juni startet mit den Tagen der Nachhaltigkeit und dem Weltumwelttag. Den 15. Juni hat die Windenergiebranche für sich reserviert. Ende Juni findet die Europäische Nachhaltige Energien Woche statt. Fast jeder Kalendertag ist mit irgendeinem einem Aktionstag besetzt. Darunter auch kuriose Tage wie der Weltknuddeltag oder der Tag der verlorenen Socken.

Wer hat’s erfunden?

Als Erfinder des Welttag-Konzepts gelten die Vereinten Nationen. 1947 riefen sie den ersten Welttag ins Leben. „Welttage werden von der Generalversammlung der Vereinten Nationen oder von den Generalkonferenzen ihrer Sonderorganisationen auf Vorschlag der Mitgliedstaaten beschlossen“, erklärt die Deutsche UNESCO-Kommission. Die Vorschläge können von Organisationen, Verbänden oder Kirchen kommen. Ihr Zweck: Aufmerksamkeit für ein bestimmtes ökologisches oder soziales Anliegen wecken. „Sie sollen an Leistungen der Völkergemeinschaft erinnern, Anlass zur Reflexion über weltweite Probleme geben, die öffentliche Aufmerksamkeit auf wichtige Zukunftsthemen lenken und möglichst viele Menschen zu mehr Engagement motivieren“, heißt es weiter.

Mehr als 100 Welttage im Jahresverlauf gehen auf die Vereinten Nationen und ihre Unterorganisationen zurück. Dazu kommen nationale Aktionstage, die von der Europäischen Union, Bundesministerien oder Stiftungen ausgerufen werden, um ein bestimmtes Thema in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Findige Köpfe in Verbänden, Organisationen und PR-Agenturen haben das Welttag-Konzept für sich entdeckt – und initiieren eigene Aktionstage. Meist sind sie in ganze Kampagnen eingebettet; sei es, um besser zu schlafen, gesünder zu essen, das Auto stehen zu lassen und mehr Rad zu fahren oder effizienter zu heizen.

Irgendein Aktionstag ist immer

„Viele Thementage entwickeln in jedem Jahr eine virale Eigendynamik“, beobachtet die PR-Expertin Melanie Tamblé. So brachte es die „Earth Hour“ in diesem Jahr nach WWF Angaben zu über 3 Milliarden Social Media-Beiträgen; die Hashtags hätten sich in 37 Ländern auf Twitter und der Google-Suche verbreitet. Es sei der erfolgreichste Online-Event in seiner Geschichte gewesen, bilanzierten die Kommunikationsverantwortlichen. Doch wie nachhaltig sind solche Aktionstage tatsächlich? Was bewirken sie für den Klimaschutz und ändern Menschen ihr Verhalten?

Der Künstler Hermann Josef Hack beispielsweise kritisierte den „Earth Hour“-Aktionstag im vergangenen Jahr als „publikumswirksame Effektveranstaltung“. Die Gefahr sei, dass die Menschen meinten, sie hätten schon einen Beitrag zum Schutz des Klimas getan, wenn sie ein paar Minuten das Licht ausknipsten.

Mehr als bloßes Ritual

„Die umweltpsychologische Forschung hat gezeigt, dass das Wissen über den Klimawandel in den seltensten Fällen der ausschlaggebende Faktor für Handeln ist“, sagt Thorsten Grothmann, Ökologieökonom an der Universität Oldenburg. Damit Menschen ihre eigene Komfortzone verlassen, ihre Haltung – etwa zur Nutzung Erneuerbarer Energien-Technologien – überdenken und sich in ihren Gewohnheiten umstellen, spielen mehr Faktoren eine Rolle. „Einflussreicher ist die Wissensvermittlung darüber, was man tun kann, um das Klima zu schützen. Wir brauchen also mehr Kommunikation über das Klimahandeln, weniger über den Klimawandel“, so Grothmann.

Eine besondere Rolle spielen dabei die wahrgenommenen sozialen Normen, also Vorstellungen darüber, was andere tun oder was andere von uns erwarten. Der Einfluss von Normvorstellungen auf unser Handeln werde außerhalb der Psychologie meist unterschätzt, erklärt Grothmann. Deshalb müsse die Kommunikation viel mehr gute Vorbilder zeigen, die Klimaschutz konkret vorleben. „Reden wir weniger darüber, wie viele Menschen beispielsweise immer noch in den Urlaub fliegen, statt den Zug zu nehmen“, rät der Wissenschaftler. Das werde nämlich meist schlicht als normative Information verstanden, nach dem Motto: „Wenn die Mehrheit immer noch fliegt, dann ist das wohl die Norm und ich kann das daher weiterhin tun.“

Vom Wissen zum Handeln

„Menschen sind dann bereit, klimafreundlich zu handeln, wenn sie Alternativen zu ihren bisherigen Routinen kennenlernen“, sagt Immanuel Stieß, Forschungsleiter Energie und Klimaschutz im Alltag am Institut für sozial-ökologische Forschung. „Schon die Handlungen kleiner Gruppen können Gesellschaften verändern. Der Grund sind Rückkopplungen und Verstärkungen, die in anderen Teilen der Gesellschaft als Reaktion auf diese Veränderungen auftreten.“ Auf dieses Prinzip setzt das Konzept des Welt- oder Aktionstages.

Zeigen, wie es geht – darauf setzt zum Beispiel der bundesweite Tag der Solarparty, den das Bündnis Bürgerenergie (BBEn) im letzten Jahr initiiert hat. Die Idee: Eigentümer einer PV-Dachanlage sollen ihre Nachbarn, Freunde und Verwandte in den heimischen Garten oder auf die Dachterrasse einladen, um ihnen am praktischen Anschauungsbeispiel zu zeigen, wie die persönliche Energiewende funktioniert. „Mit Solarpartys wollen wir den nachbarschaftlichen Informationsaustausch zur Nutzung von Sonnenstrom in den eigenen vier Wänden anreizen und so den Grundstein für viele neue Projekte legen“, erklärt Malte Zieher, BBEn-Vorstand, das Konzept. So könnten neben der individuellen Eigenversorgung auch Mieterstrom-Konzepte und gemeinschaftliche Eigenversorgungsmodelle die bürgernahe Energiewende vorantreiben.

Wahrnehmen, was die anderen tun, ist ein zweiter Faktor, der Menschen dazu bewegt, die eigene Komfortzone zu verlassen und ihr Verhalten zu ändern. „Die Klimakrise ist für uns schwer zu verarbeiten, da sie abstrakt, massiv und auch für viele gefühlt weit weg ist“, sagt Gerhard Reese, Professor für Umweltpsychologie an der Universität Koblenz-Landau. „Umso wichtiger ist es, sich bewusst machen, dass andere auch schon aktiv sind und sich mit Verhaltensalternativen auseinandersetzen.“

Wie das auf Quartiersebene funktioniert, zeigt der Tag des guten Lebens in Köln. Zum siebten Mal findet der Aktionstag statt – immer in einem anderen Stadtviertel und mit wachsendem Andrang. „Mit jeweils über 200 Aktionen und bis zu 140.000 Besucherinnen und Besuchern in den letzten Jahren hat er sich als Teil der Kölner Stadtgesellschaft etabliert“, sagt Sonja Langner. „Der Tag des guten Lebens ist einerseits ein autofreier Sonntag in einem bestimmten Kölner Stadtviertel und gleichzeitig ein partizipatives Projekt.“ Gestaltet wird das Aktionstag-Programm von den Menschen im Quartier, Vereinen und Institutionen. Themen sind unter anderem alternative Mobilität, Energie und Umwelt.

„Nichtstun bedeutet nicht, dass wir mit dem, was wir jetzt tun, weitermachen können“

Vertrauen darauf, dass man selbst etwas ändern kann. So umschreibt die umweltpsychologische Forschung den dritten Faktor, der Menschen zu klimafreundlichem Handeln bewegt. „Viele Menschen verändern ihr Verhalten nicht, weil ihnen die Auswirkungen des eigenen Verhaltens zu klein erscheinen – es fehlt an Selbstwirksamkeit“, erklärt Reese. „Daher ist es wichtig, dieses Gefühl von Wirksamkeit (‚Ich kann etwas erreichen für den Klimaschutz.‘) auf eine kollektive Ebene zu bringen (‚Wir können gemeinsam mehr Klimaschutz erreichen!‘).“

Ob Tag der Erneuerbaren Energien, Global Wind Day oder Weltumwelttag – immer geht es darum, Wissen zu vermitteln, Handlungsalternativen aufzuzeigen und für neue Wege zu werben. „Würden wir angesichts der Szenarien, die die Klimaforschung zeichnet, einfach nichts tun, hätte das auch Konsequenzen. Unser Leben verändert sich trotzdem“, sagt Linda Steg. Die niederländische Umweltpsychologin an der Universität Groningen hat als eine der Hauptautorin am Weltklimabericht mitgeschrieben. „Nichtstun bedeutet nicht, dass wir mit dem, was wir jetzt tun, weitermachen können.“ Es müsse in sehr kurzer Zeit noch viel getan werden, um die Klimaziele einhalten zu können. „Je länger wir warten, desto schwieriger wird es, desto weniger Wahlmöglichkeiten werden wir haben und desto teurer wird es werden“, warnt sie.

Steg hat in einer umfangreichen Literaturstudie den umweltpsychologischen Forschungsstand zur Änderungsbereitschaft der Menschen für mehr Klimaschutz zusammengetragen. Aus 106 Forschungsarbeiten zum Thema hat sie 13 Faktoren zusammengetragen, die eine Verhaltensänderung unterschiedlich stark motivieren können. Zu den drei bereits genannten Faktoren kommt ein vierter hinzu, der auch bei der Vorbereitung von Aktionstagen für die lokale Energiewende Programm bestimmend sein könnte: Überzeugt sein, dass eine bestimmte Handlung wirklich zielführend ist und etwas nützt. Je eher die Menschen der Meinung sind, dass bestimmte Anpassungsmaßnahmen wirksam sind, desto eher sind sie bereit, sich auf diese einzulassen.

Für Projekte, Institutionen und Organisationen, die sich für Klimaschutz und die Energiewende einsetzen, bieten weltweite, nationale oder lokale Aktionstage die Möglichkeit, die eigene Arbeit in den größeren thematischen Kontext zu stellen und zu zeigen, was das „große Ganze“ ist. PR-Experten empfehlen: Anlässlich von Aktionstagen lassen sich Geschichten erzählen, Vorbilder zeigen, Experten interviewen, Vor-Ort-Besuche organisieren. Veranstaltungen unterschiedlichster Formate, medial aufbereitet, erzeugen eine Eigendynamik, die zu einer höheren öffentlichen Wahrnehmung führt – und das wesentlich effizienter, direkter und wirksamer, als es ohne den spezifischen Anlass möglich gewesen wäre.

Ausgewählte Welt- und Aktionstage rund um Klimaschutz und erneuerbare Energien:

  • 3. März, Tag des Artenschutzes
  • 21. März, Tag der Wälder
  • 22. April, Tag der Erde
  • 24. April, Tag der Erneuerbaren Energien
  • 3. Mai, Tag der Sonne
  • 9. Mai + 10. Oktober, Weltzugvogeltag
  • 22. Mai, Tag der Biodiversität
  • 24. Mai, Deutscher Mühlentag
  • 3. Juni, Europäischer Tag des Fahrrads
  • 5. Juni, Tag der Umwelt
  • 15. Juni, Global Wind Day
  • 22. Juni, Europäische Woche Nachhaltiger Energien
  • 4. Juli, Internationaler Tag der Genossenschaften
  • 27. September, Tag der Flüsse
  • 31. Oktober, Welttag der Städte