Kontakt

Sie erreichen uns über die kostenlose Hotline des zentralen Service-Centers des Landes NRW.
Das Team beantwortet Ihre Anliegen – soweit möglich – direkt oder leitet Sie an den richtigen
Ansprechpartner der EnergieAgentur.NRW weiter.

0800 / 00 36 373

E-Mail: blog.erneuerbare@energieagentur.nrw

Beiträge

Was bedeutet eigentlich klimaneutral?

Mit erneuerbaren Energien zur klimaneutralen Stadt. © Stadt Paderborn
Mit erneuerbaren Energien zur klimaneutralen Stadt. © Stadt Paderborn

| Kira Crome |

Städte und Gemeinden, Unternehmen oder Produkte – wer es nicht schon ist, will es in den nächsten Jahren werden: klimaneutral. Kommunen stellen Masterpläne auf, Unternehmen werben damit. Aber was genau versteckt sich hinter dem Begriff? Und was bewirken die Maßnahmen?

Klimaneutralität ist derzeit in aller Munde. Wer „klimaneutral leben“ googelt, erhält 4.760.000 Ergebnisse. Ob Kaffeebecher oder Burger, Turnschuhe oder Gesichtscreme, Bankkonten oder Flüge – in fast allen Lebensbereichen gibt es inzwischen Alternativen, die versprechen, keine Emissionen zu verursachen. Auch ganze Städte und Gemeinden in Nordrhein-Westfalen machen sich auf den Weg zur grünen Null. Die Landeshauptstadt Düsseldorf will bis zum Jahr 2035 pro Einwohner 4,6 Tonnen CO2 einsparen. Bonn, Neuss und Paderborn wollen ihre Stadtverwaltungen klimaneutral arbeiten lassen. Die Gemeinde Rietberg will das schon in zwei Jahren erreichen. Aber was genau bedeutet das? Genauer hingeschaut zeigt sich, dass der Begriff „klimaneutral“ mit unterschiedlichen Konzepten verbunden ist.

Ein gemeinsames Ziel der Weltgemeinschaft

Klimaneutralität bis 2050, auf dieses Ziel haben sich 195 Länder im Pariser Klimaabkommen geeinigt. Es ist der Versuch, die Warnungen des Weltklimarats (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) in konkrete Maßnahmen zu übersetzen und zu verhindern, dass die globale Durchschnittstemperatur um mehr als zwei Grad Celsius ansteigt. Wäre das der Fall, könnte das eine Kettenreaktion auslösen, befürchten Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). Dann tauen Permafrostböden auf, arktisches Eis schmilzt, Regenwälder sterben, Methanhydrate im Meer lösen sich auf und die Kohlenstoffsenke des Meeres schwächt sich ab. Damit das nicht passiert, müssten alle Menschen auf dem Planeten langfristig nahezu „klimaneutral“ leben.

Keine international einheitliche Definition

Was das genau bedeutet, ist international nicht einheitlich definiert. Der Logik des Pariser Klimaabkommens folgend, ist das Ziel ein Gleichgewicht zwischen den Quellen und Senken von Treibhausgasemissionen. Um das herzustellen, müssten einerseits die durch den Menschen erzeugten CO2-Emissionen deutlich reduziert werden. Andererseits gilt es, natürliche Systeme wie Wälder und Moore, die Treibhausgase aufnehmen und binden können, zu erhalten und zu stabilisieren. Weil der ökologische Fußabdruck des Menschen Treibhausgase als zusätzliche Emissionsquelle erzeugt, wird dieses Gleichgewicht gestört. Denn bei allem was wir nutzen oder konsumieren, stoßen wir indirekt Kohlenstoffdioxid aus, erklärt Michael Bilharz vom Umweltbundesamt. „Der deutsche Pro-Kopf-Ausstoß an CO2 liegt bei rund 11,6 Tonnen, deutlich über dem EU-Wert von acht bis neun Tonnen CO2 pro Person und Jahr.“ Stromerzeugung, Wärmeversorgung und Verkehr benötigen immer noch fossile Brennstoffe. Auch in der landwirtschaftlichen Produktion entstehen Treibhausgase. Diese durch den Menschen verursachten Treibhausgasemissionen führen zu einem Nettozuwachs des CO2-Gehalts in der Erdatmosphäre. Künstliche Wege der Atmosphäre die zusätzlichen Mengen wieder zu entziehen und dauerhaft zu speichern – Fachleute sprechen von Negativemissionen –, stehen technologisch noch am Anfang.

Vermeiden, reduzieren, kompensieren

„Klimaneutralität bis Mitte des Jahrhunderts bedeutet, dass die Treibhausgasemissionen ab heute alle zehn Jahre halbiert werden müssen“, rechnen die Klimaforscher des PIK vor. Erst wenn die Klimabilanz der Erde netto – also nach den Abzügen durch natürliche und künstliche Senken – Null beträgt, wäre die Menschheit „klimaneutral“ und die globale Erderwärmung würde stabilisiert.

Drei verschiedene Strategien sollen helfen, die grüne Null zu erreichen. Die beste Option ist, klimaschädliche Emissionen komplett zu vermeiden. Für den Konsumenten heißt das zunächst, Produkte oder Dienstleistungen zu nutzen, die die Treibhausgasbilanz nicht erhöhen. Doch bedeutet das „Klimaneutral“-Etikett auf einer Sonnenbrille oder einer Postsendung immer genau das?

Ganzheitlich betrachtet sind CO2-Emissionen oftmals unvermeidbar, wenn die Produktion eines Unternehmens oder der Geschäftsbetrieb einer Kommune, Energieversorgung und Mobilität aufrechterhalten bleiben soll. Dann ist die zweite Option, den Treibhausgasausstoß auf ein Minimum zu reduzieren, beispielsweise durch den Einsatz erneuerbarer Energien, den Bezug von regionalem Ökostrom oder die Nutzung von nachwachsenden Rohstoffen zur Wärmeerzeugung oder als Treibstoff. Unternehmen entwickeln dafür Nachhaltigkeitsstrategien, Kommunen entwerfen Klimaschutzpläne, um Ziele festzulegen und Umsetzungspfade zu definieren.

Für den verbleibenden Rest bleibt nur die Möglichkeit, die angefallene Menge an klimaschädlichen Emissionen an anderer Stelle wieder einzusparen und durch Klimaschutzmaßnahmen zu kompensieren. Denn – so die gängige Argumentation – für das Klima spielt es keine Rolle, wo Treibhausgase in die Atmosphäre gelangen und wo sie reduziert werden, solange diese Praxis dazu beiträgt, dass die weltweiten Emissionen in der Summe abnehmen.

Auf das Wie kommt es an

Meist geschieht das durch Geldzahlungen an Organisationen, die damit Umweltschutzprojekte – zum Beispiel zur Wiederaufforstung – zumeist in Schwellen- und Entwicklungsländern finanzieren, die helfen sollen, den Eintrag von klimaschädlichen Treibhausgasen in die Atmosphäre zu reduzieren. Im Gegenzug erhalten die zahlenden Institutionen und Unternehmen ein Zertifikat und dürfen sich oder ihr Produkt „klimaneutral“ nennen. Ein Mechanismus, der nicht immer auf den Klimaschutz einzahlt, sagen Kritiker.

Ein Beispiel: Als erste Fluglinie will der britische Billigflieger EasyJet künftig alle CO2-Emissionen seiner Flüge für alle Passagiere mit Ausgleichszahlungen an Umweltschutzprojekte kompensieren. Automatisch und aus eigener Kasse, statt auf freiwillige Zusatzbeiträge der Reisenden beim Ticketkauf zu setzen. Etwa 30 Millionen Euro pro Jahr, umgerechnet 30 Cent pro verkauftem EasyJet-Flugticket, will das Unternehmen dafür ausgeben. „Das ist nur eine Übergangslösung bis andere Technologien zur Verfügung stehen, die die CO2-Emissionen des Fliegens radikal reduzieren“, erklärt Easyjet-Chef Johan Lundgren. Die Ankündigung klingt nachhaltiger als sie tatsächlich ist, kritisieren Umweltverbände. Denn klimaneutral werden die EasyJet-Flugreisen dadurch nicht. Zum einen schließe die Klimawirkung des Flugverkehrs über reine Kohlendioxid-Emissionsberechnung hinaus auch andere Treibhausgase ein, die auf diese Weise in die Flug-Klimabilanz nicht mit eingerechnet würden. So würde die klimaschädliche Wirkung nur teilweise ausgeglichen. Zum anderen führe die Kompensation nicht zum eigentlich notwendigen Ziel, nämlich weniger Fluggastzahlen, und damit nicht zu mehr CO2-Vermeidung.

Klima- und Umweltschutzverbände halten die finanzielle Kompensationspraxis zu kurz gesprungen. Sie spiegele nicht die realen Schadenskosten wider, wälze die Umweltkosten auf die Allgemeinheit ab und sei im Grunde nur eine Anleihe auf die Zukunft. „Reine Kompensation bringt den Klimaschutz auf lange Sicht nicht voran, denn unsere Lebens- und Wirtschaftsweise auf Kosten des Klimas zementiert sich dadurch“, kommentiert die Deutsche Umwelthilfe.

Investieren statt kompensieren

Einen anderen Weg geht die Stadt Paderborn. Sie will die Stadtverwaltung bis zum Jahr 2035 klimaneutral stellen. Das gilt auch für die städtische Fahrzeugflotte, die Kommunalbetriebe, Schulen und kommunale Liegenschaften. Mit mehr als 31.000 Tonnen schlagen die CO2-Emissionen der Stadtverwaltung samt allen Eigenbetrieben, Stadtwerken, öffentlichem Nahverkehr und Straßenbeleuchtung zu Buche. Eigenstromerzeugung und Ökostrombezug seien hier schon mit eingerechnet, erklärt Bürgermeister Michael Dreier. Wird der finanzielle Ausgleich rechnerisch mit 23 Euro pro Tonne Kohlendioxid angesetzt, kommen 720.000 Euro zusammen. Doch statt das Geld für Kompensationszahlungen für Klimaschutzprojekte anderswo auf der Welt zu verwenden, will die Stadt damit den kommunalen Energieverbrauch weiter senken und den lokalen Ausbau erneuerbarer Energien fördern. „Wir möchten diesen Sockelbetrag jährlich in einen Klimaschutzfond einlegen, um in die Umsetzung CO2-neutraler Maßnahmen der Paderborner Stadtverwaltung zu investieren“, sagt Dreier.

Doch auch hier ist die Einordnung wesentlich. Denn die von der Stadtverwaltung ermittelte Klimawirkung macht nur zwei Prozent des Kohlendioxid-Ausstoßes des gesamten Stadtgebiets aus. Der große Rest geht auf das Konto von Industriebetrieben, Unternehmen, dem Verkehr und privaten Haushalten. Die Initiative der Stadt ist ein guter Anfang, findet der Bürgermeister. „Wir sehen Klimaschutz als große Gemeinschaftsaufgabe und dabei möchten wir mit gutem Vorbild vorangehen“, sagt er, und nimmt die Paderborner mit in die Pflicht: „Jeder Bürger muss sich beteiligen und seinen Beitrag leisten.“ Dafür will die Stadt auch das Klimaschutzkonzept in Zusammenarbeit mit den Bürgern in einem umfangreichen Beteiligungsprozess weiter fortschreiben.

Auf dem Weg zur klimaneutralen Stadt

Wie Paderborn machen sich immer mehr Städte und Gemeinden auf den Weg zur Klimaneutralität. Das Vorgehen muss transparent und nachvollziehbar sein, nur dann können die Bemühungen positiv nach außen wirken. Ausgangspunkt ist die Ermittlung der klimarelevanten Emissionsmengen einer Kommune. Je nachdem, wie weit die Systemgrenzen gesteckt werden – das heißt, wie groß der Betrachtungsraum ist –, umfasst diese Bilanz auch den privaten Sektor, die Wirtschaft, die Landwirtschaft oder weitere Bereiche. Die erfassten Verbrauchsmengen werden dann mit Emissionsfaktoren belegt. Diese Bilanzen zeigen die möglichen Handlungsfelder auf und helfen, kommunale Klimaschutzmaßnahmen zu bewerten und zu priorisieren.

Noch gibt es keine standardisierten Verfahren für ihre Erstellung. Auch gibt es keine festen Regeln für den Zuschnitt der Systemgrenzen. „Die angewandten Bilanzierungsverfahren setzen sich häufig aus einer Kombination aus zwei verschiedenen Bilanzierungstypen und zwei verschiedenen Bilanzierungsprinzipien zusammen“, heißt es im Leitfaden „Sieben Schritte auf dem Weg zur klimaneutralen Kommune“, der vom hessischen Unternehmens- und Energienetzwerk deENet mit drei Modellkommunen entwickelt wurde. Unterschieden wird demnach zwischen Endenergie wie Strom, Wärme und Treibstoffe, die gemäß ihrem Bestimmungszweck genutzt werden, und Primärenergie, die in der Betrachtung auch ihre Vorketten, also Emissionen, die schon bei der Erzeugung und Verteilung von Energie entstehen, einschließt. Zudem wird zwischen Verursacherprinzip, nachdem die Emissionen den einzelnen Verursachern zugeordnet werden, und dem Territorialprinzip unterschieden, dass zum Beispiel dem Gemarkungsgebiet einer Kommune entspricht.

Für die Transformationsrechnung, wie beispielsweise die Emissionen eines fossil betriebenen Kraftwerks verteilt und wem sie zugerechnet werden, ist die Frage des gewählten Bilanzierungsverfahrens nicht unerheblich. Umgekehrt liegen für Kommunen die Klimaneutralitätshürden höher, wenn in einzelnen Sektoren wie Wärme oder Mobilität fossile Energieträger nicht durch Erneuerbare Energien-Anlagen substituiert werden können, die im eigenen Versorgungsgebiet liegen. Dann müsste Strom aus Erneuerbare Energien-Anlagen außerhalb des Stadtgebiets herangezogen werden, um die klimaschädlichen Emissionen des Wärme- und Mobilitätssektors im Stadtgebiet zu kompensieren. Der klimafreundliche Strom würde dann im Gesamtsystem doppelt gezählt und die Netto-Null-Rechnung der Kommune wäre dann eine Mogelpackung.

Null-Emissions-Gemeinden

Einen anderen Managementansatz, um gänzlich klimaneutral zu werden, verfolgt die rheinland-pfälzische Verbandsgemeinde Sprendlingen-Gensingen. Sie will bis 2030 zur „Null-Emissions-Gemeinde“ werden. „Eine Kommune ist ein System, mit Input und Output“, sagt Peter Heck, Leiter des Instituts für angewandtes Stoffstrommanagement am Umweltcampus Birkenfeld der Hochschule Trier. Sein Institut hat die Null-Emissions-Strategie konzipiert und in einem fünfjährigen, vom Bundesforschungsministerium geförderten Pilotprojekt für Sprendlingen-Gensingen und eine zweite Kommune in Rheinland-Pfalz angepasst. Ihr Grundprinzip erklärt Heck so: „Den Input der Emissionen reduzieren und den Output nutzen.“ In einem Kreislauf, der alle Emissionen der Kommune, also Abfall, Abwasser, Treibhausgas und Bodenverbrauch erfasst und zusammenführt. Dabei werden unter Emissionen jegliche negativen Effekte innerhalb der Gemarkungsgrenzen einer Kommune verstanden, also alle freiwerdenden Stoff- oder Energieströme und deren gar nicht oder nur unzureichend genutzte Potenziale. Für die Erfassung und Transformationsberechnung haben die Trierer Umweltökonomen Indikatoren für alle kommunalen Rohstoff- und Energieströme erstellt, von den verfügbaren Dachflächen für Solaranlagen über jährliche Müll- und Abwassermengen bis zur Nährstoffbilanz der landwirtschaftlichen Flächen. Diese Datengrundlage ist Basis für ein ganzheitliches Stoffstrommanagement, das Verbräuche sowie Ausstöße erfasst und reduziert. Zugleich aber dienen stoffliche Restmengen als Ressourcen für neue Produkte. Der Mehrwert aus Sicht der Forscher: Der Managementansatz fasst Klimaschutz weiter im Sinne einer effizienten, bedarfsorientierten und ressourcenschonenden Kreislaufwirtschaft. Wirtschaftlichkeit und Ökologie sollen sich auf dem Weg zur Klimaneutralität ergänzen. Ein Beispiel: Das Öko-Konto, das die Kommune eingerichtet hat, um Flächen zu kaufen und zu bepflanzen. Investoren zahlen darauf als Ausgleich für Eingriffe in die Landschaft ein. So wird Bebauung mit dem Neuschaffen von Naturraum ausgeglichen.

Heck und sein Team bauen auf dem Pilotprojekt auf und wollen für mehr Kommunen Null-Emissions-Strategien erstellen. Auch dieses Vorhaben wird vom Bundesforschungsministerium unterstützt. „Das Null-Emissions-Konzept ist inzwischen die Grundlage jeglicher Entscheidung der Verbandsgemeinde“, sagt Heike Müller, kommunale Nachhaltigkeitsmanagerin in Sprendlingen-Gensingen. Auf diese Weise werde das Ziel Klimaneutralität zu einem Weg aus vielen kleinen Schritten.