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Beiträge

Wandern unter dem Windrad

© Ortsgemeinde Mörsdorf, Ingo Börsch
Tourismus und Windenergie schließen sich nicht aus © Ortsgemeinde Mörsdorf, Ingo Börsch

| Kira Crome |

Immer mehr Kommunen werben für ihr Klimaschutzengagement und binden Energiewende-Projekte in ihr Besuchermarketing ein. Urlaub, Erholung und erneuerbare Energien gehen zusammen, sagen Bürgermeister und Tourismusmanager. Auf das Wie kommt es an, sagt die Tourismusforschung.

Ein Geheimtipp ist sie längst nicht mehr: Die Geierlay-Brücke, deren schmale Konstruktion einer tibetanischen Seilbrücke nachempfunden ist, bringt einen Hauch von Himalaya in die waldigen Höhen des Hunsrücks. 360 Meter weit spannt sie sich über das Moselseitental bei Mörsdorf. Bei ihrer Einweihung 2015 war sie die längste Hängeseilbrücke nördlich der Alpen. Ihre 62 Tonnen Eigengewicht werden von sechs, nur wenige Zentimeter dicken Spiralseilen getragen. Ein Wanderweg führt darüber hinweg. Ein wenig Nervenkitzel ist schon dabei, wenn man den Mörsdorfer Bach in luftiger Höhe, hundert Meter hoch über der Talsohle, auf leicht schwankenden Planken überquert. Der Blick fällt nicht nur auf Berg und Tal, sondern auch auf mehrere Windenergieanlagen. Sie waren Stein des Anstoßes für das prestigeträchtige Projekt, erzählt Marcus Kirchhoff. „Nur durch die Windenergieanlagen im Ort haben wir es geschafft, die Hängeseilbrücke in Mörsdorf zu bauen“, sagt der Bürgermeister der Gemeinde.

Sechs von insgesamt elf Anlagen in zwei Windparks bei Mörsdorf stehen auf kommunalem Grund. Die Pachteinnahmen ermöglichten letztlich die Verwirklichung der ungewöhnlichen Idee, die mehr Besucher in die Wanderregion locken und ihnen ein einzigartiges Naturerlebnis bieten soll. 1,2 Millionen Euro hat das ehrgeizige Bauprojekt gekostet; gefördert mit Mitteln des Landes Rheinland-Pfalz, des Europäischen Fonds für die ländliche Entwicklung und durch Spenden der umliegenden Ortsgemeinden sowie der Verbandsgemeinde Kastellaun. „Entscheidend aber war, dass die Gemeinde das Projekt mit den Einnahmen aus der Windkraft dauerhaft tragen kann“, erklärt Kirchhoff. „Kurz gesagt: Ohne Windkraft keine Brücke.“

Geierlay-Brücke, die zweitlängste Hängeseilbrücke nördlich der Alpen, wurde teils durch den benachbarten Windpark finanziert. © Ortsgemeinde Mörsdorf, Ingo Börsch

Geierlay-Brücke, die zweitlängste Hängeseilbrücke nördlich der Alpen, wurde teils durch den benachbarten Windpark finanziert. © Ortsgemeinde Mörsdorf, Ingo Börsch

Ein Dorf schreibt Energiegeschichte
Inzwischen gehört die Attraktion in Mörsdorf zum Hunsrück wie die Glaskuppel über dem Reichstag in Berlin. An schönen Tagen staut es sich regelrecht auf der schmalen Brücke. Über eine Million Besucher haben die Brücke in den ersten vier Jahren überquert. Sie spülen Geld in die Kassen von Unterkünften, Cafés, Restaurants und Einzelhändlern der Region. Dafür sorgen auch das regionale Tourismusmarketing und die Anbindungen an das dichte Wanderwege-Netz. Ein eigens zum Thema Windenergie angelegter Rundweg „Energiegeschichten“ führt an Windenergieanlagen vorbei zur Geierlay-Brücke. Schautafeln schildern, wie hier vor Ort Energiewende mit regionaler Wertschöpfung und Klimaschutz vereint werden.

Für die Agentur für Erneuerbare Energien (AEE) ist der Erfolg ein Beleg dafür, dass Tourismus und der Ausbau erneuerbarer Energien mit Erholung und Naturerleben Hand in Hand gehen. Sie hat Mörsdorf jüngst als Energie-Kommune des Monats ausgezeichnet. Mit ihrem Konzept, das auch die Nachbarkommunen beteiligt, treibe die Gemeinde die lokale Energiewende voran und stärke dabei nicht nur den Gemeinschaftsgedanken, sondern schaffe zudem Mehrwert für andere Bereiche.

Beispiele wie diese sollen Schule machen. Kommunen könnten es den Mörsdorfern nachtun und Einnahmen aus erneuerbaren Projekten zur Finanzierung von Touristenattraktionen verwenden, oder aber Energiewende-Projekte vor Ort selbst zu Attraktionen machen. Ein 2014 eigens entwickelter Reiseführer „Deutschland – Erneuerbare Energien erleben“, der inzwischen in zweiter Auflage vergriffen und nur noch antiquarisch erhältlich ist, stellt solche Erlebnisorte zusammen. Die Strategie dahinter: „Wenn Kommunen Besuche bei Energiewende-Projekten anbieten, verbessern sie auch das Image der erneuerbaren Technologien“, heißt es in einem AEE-Papier zum Thema Energiewende und Tourismus. Kritiker dagegen fürchten, dass die Präsenz von Windenergieanlagen in Wanderregionen dem Naturerlebnis-Gedanken der Erholungsuchenden entgegensteht und dem Tourismus eher schadet als nützt.

Urlaub in Deutschland wird immer beliebter
Dabei ist der Trend zum Verreisen im Heimatland ungebrochen. Deutschland ist nach wie vor – gemessen an der Verteilung der Urlaubsreiseziele im In- und Ausland – das beliebteste Reiseziel der Deutschen, obwohl 2018 so viele Auslandsreisen verzeichnet wurden wie noch nie. Das zeigt die aktuelle Reiseanalyse (RA 2019) der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR). Von dieser Entwicklung profitiert vor allem der Camping-Tourismus, der im Vergleich zu 2018 in diesem Jahr deutlich zugelegt hat. Beliebtestes Reiseziel war in diesem Jahr Mecklenburg-Vorpommern, noch vor Bayern, Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Dabei rangiert „Natur erleben“ und „Bewegung in der Natur“ beständig unter den ersten fünf TOP-Urlaubsmotiven nach Erholungs- und Familienurlaub.

Könnten Urlauber, die Naturerlebnisse suchen und wandern möchten, durch Windenergieanlagen in der Landschaft verprellt werden und künftig andere Ziele wählen, weil die weithin sichtbaren Bauwerke das Landschaftsbild stören? Diese Frage ist in der Vergangenheit vielfach in Deutschland, aber auch Großbritannien, Tschechien und USA beforscht worden. Kein anderes Thema werde so emotional diskutiert, beobachtet Professor Heinz-Dieter Quack. Der Tourismusforscher am Institut für Tourismus- und Regionalforschung der Ostfalia-Universität Salzgitter hat Studien zum Einfluss von Erneuerbare-Energien-Anlagen auf Tourismus aus den letzten zehn Jahren in einem systematischen Vergleich ausgewertet. Sein Fazit: Windenergieanlagen sind landschaftsprägend. „Die Annahme aber, dass sich Windenergieanlagen von vornherein negativ auf den Tourismus auswirken, ist aus tourismuswissenschaftlicher Sicht so nicht haltbar“, sagt Quack. „Es gibt praktisch keinen einzigen empirischen Beleg, dass jemand nicht kommt oder vorzeitig abreist, nur weil Windenergieanlagen am Urlaubsort stehen.“

Einen solchen Zusammenhang kann auch Jan Lembach, Bürgermeister der Gemeinde Dahlem in der Nordeifel, nicht erkennen. In der Region Naturpark Eifel am Rande des Nationalparks stehen über 150 Windenergieanlagen. Die Besucherzahlen haben sich seit 2007 mehr als verdoppelt. Im letzten Jahr verzeichnete allein der Nationalpark Eifel einen neuen Rekord mit über 911.000 Gästen. Die sechs Dahlemer Ortsgemeinden rund um den Kronenburger See mit rund 40 Gastgeberbetrieben und mehreren Ferienparks profitieren von der anhaltenden Nachfrage. Eine eigens angestellte Besucherbefragung aus dem Jahr 2012 zeigt: „91 Prozent der Befragten würden im Falle eines weiteren Ausbaus der Windenergie nicht auf einen Besuch in der Eifel verzichten und wiederkommen“, sagt Lembach.

Windenergieanlagen – ein typisches Bild?
Seit der Befragung ist die Zahl der Windenergieanlagen in der Eifel gestiegen. In der Gemeinde Dahlem werden neben dem bestehenden Windpark Dahlem I-III fünf weitere Windenergieanlagen im Kammerwald gebaut. Der Zuwachs, der derzeit aus Gründen des Artenschutzes auf Eis liegt, bereitet Bürgermeister Lembach aus touristischer Sicht keine Sorgen. „Windenergieanlagen gehören bei uns zum typischen Bild“, sagt Lembach. Auf das Maß komme es eben an. Aber was genau ist „typisch“?

Welche Vorstellung wir von Natur und intakter Landschaft haben, wird vor allem durch Werbung von Reiseveranstaltern, Destinationsmarketing und Reisemagazinen geprägt. Sie verbannt alles Alltägliche; Bauwerke wie Autobahnen, Fabriken, Kraftwerke oder Windenergieanlagen kommen darin nicht vor. „Sie marginalisiert alles, was nicht zum paradisischen Bild einer Destination passt“, erklären die Tourismusforscher Erik Aschebrand und Christina Grebe. Sie haben in ihrer empirischen Studie „Erneuerbare Energie und ‚intakte‘ Landschaft: Wie Naturtourismus und Energiewende zusammenpassen“ untersucht, wie Touristen auf Objekte in Landschaften reagieren, die nicht dem idealisierten Bild des Reiseziels entsprechen. Ihr Fazit: „Touristen sind schlichtweg daran gewöhnt, auf einer Reise nicht nur stereotype Landschaftserwartungen erfüllt zu bekommen. Sie begreifen daher Windenergieanlagen – wie Straßen oder sonstige technische Infrastruktur – als normale Bestandteile der Alltagswelt des Reiseziels.“ In der Regel werde die physische Gestaltung von Landschaft von Touristen nicht hinterfragt.

Für das Deutsche Wanderinstitut sind Windenergieanlagen kein Ausschlusskriterium für die Zertifizierung von Wanderwegen als besonders schön und naturnah. In Mörsdorf beispielsweise führt ein solcher Premiumwanderweg an den Windenergieanlagen an der Geierlay-Brücke entlang. Das Siegel garantiert dem Wanderer einen besonders hohen Erlebniswert. 600 gibt es davon in ganz Deutschland. Das Institut prüft sie alle drei Jahre auf Befragungen von Wanderern basierend auf Naturnähe, Schönheit und Landschaftseingriffe. In den zugrundeliegenden Kriterienkatalog wurden unlängst Windenergieanlagen als typisches gestaltendes Landschaftsmerkmal aufgenommen, das in die Gewichtung der Stärken-Schwächen-Analyse eingeht. In Nordrhein-Westfalen gibt es an die 30 Premium-Wanderwege.

Auf die Perspektive kommt es an
Dass Windenergieanlagen keinen messbaren Einfluss auf die Wiederbesuchswahrscheinlichkeit haben, belegen neben der Umfrage in der Eifel auch Vor-Ort-Befragungen in anderen Regionen aus der Vergangenheit. Weil aber jede dieser Studien ihr eigenes Untersuchungsdesign hat, unterschiedliche Kontextvariablen eine Rolle spielen und Landschaftsbildbewertung immer subjektiv ist, lassen sich die Aussagen zu einer Region nicht verallgemeinern, sagt Tourismusforscher Quack. „Die Auswirkungen von Windenergieanlagen auf den Tourismus sind abhängig vom jeweiligen Raumbezug, den räumlichen Gegebenheiten und der Einbettung in die Landschaft.“

Tourismusregionen mit hohem Attraktivitätsindex, also besonders reizvollen Landschaften und markanten Aussichtspunkten, besonders schönen Ortsbildern und Prädikatswanderwegen, sollten eigene Erhebungen und Marktforschungsanalysen durchführen, rät Quack deshalb. Neben der Region komme es in der Frage zudem darauf an, wer gefragt wird. „Wie intensiv Menschen Natur erleben und wie sensibel sie gegenüber Eingriffen in das Landschaftsbild sind, ist bei touristischen Zielgruppen unterschiedlich“, so Quack. Wanderer unterscheiden sich beispielsweise von Wellnessurlaubern. „Unsere Auswertung der Studienlage zeigt, dass Menschen – gerade, wenn es um Aktivitäten wie Wandern oder Mountainbike fahren geht – hohen Wert auf einen unverstellten, freien Blick legen. Ist der Horizont rundum mit Windenergieanlagen zugestellt, haben auch diejenigen, die eigentlich Fürsprecher der Energiewende sind, damit ein Problem.“

Energieerzeugung ist sichtbar
Dass sich Erneuerbare-Energien-Anlagen und Tourismus nicht ausschließen, hat auch etwas mit dem gestiegenen Umweltbewusstsein der Deutschen zu tun. Jeder zweite Urlauber legt laut der FUR-Reiseanalyse 2017 Wert darauf, dass die Reise möglichst ökologisch verträglich, ressourcenschonend und umweltfreundlich ist. Im Jahr 2014 waren es 31 Prozent. „Wer offen für Argumente des Klimaschutzes ist, lässt sich durch erneuerbare Energien am Urlaubsziel weniger stören als andere“, sagt Bente Grimm, verantwortlich für touristische Mobilitätsforschung am Institut für Tourismus- und Bäderforschung (NIT), das die Reiseanalyse jährlich erstellt. Den Tourismus-Managern vor Ort empfiehlt die Marktforscherin das lokale Engagement in Sachen Nachhaltigkeit und Klimaschutzengagement gezielt zu bewerben – seien es Energiewende-Projekte vor Ort oder klimafreundliche Energienutzung bei Gastgebern selbst. „Nachhaltigkeit kann dann den Ausschlag geben, wenn der Kunde die Wahl zwischen verschiedenen, ansonsten gleichermaßen attraktiven touristischen Angeboten hat“, sagt Grimm. „Wichtig ist aber, dass die sonstige Qualität ebenfalls stimmt und dass Nachhaltigkeit keine leere Worthülse ist, sondern mit Leben gefüllt wird.“

Spannende Attraktionen in NRW
Es sind nicht nur die auffälligen Windenergieanlagen, an denen sich die Energiewende manifestiert. Oft sind es lokale Schauplätze, die den Strukturwandel des Energiesystems verdeutlichen und Energieerzeugung der Zukunft erfahrbar machen. In Schmallenberg im Sauerland führt die Erneuerbare Energie-Tour zu 16 Stationen, die den Besuchern verschiedene Technologien von Biogas über Umweltwärme bis Wasserkraft vorstellen und erklären. Auf dem Essener Baldeneysee fährt ein Ausflugsschiff der Weißen Flotte ganz ohne Motorenlärm und Dieselgeruch: Betrieben wird das Elektroschiff „MS Innogy“ mit einer Methanolbrennstoffzelle. Bis zu 14 Stunden lang kann der Ausflugsdampfer damit über den See tuckern. Wie regenerativer Strom in der Zukunft erzeugt werden kann, erleben Besucher des Energieerlebnismuseums „Energeticon“ in Alsdorf bei Aachen. 2014 wurde das Museum eröffnet. Es erzählt auf historischem Boden, wie hier früher Steinkohle gefördert wurde und zeigt den Wandel des Aachener Reviers zur Zukunft der Energieversorgung. 30.000 bis 40.000 Besucher zählt das Energeticon pro Jahr. Neueste Attraktion ist das Grubenwasserthermie-Projekt „GrEEN“, das die Energie für Gelände und Betrieb des Museums klimafreundlich erzeugt.