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Vorbild-Effekt: Solaranlagen auf Nachbardächern sind ansteckend

Wo es schon viele PV-Anlagen gibt, entstehen noch mehr, sagen Forscher des PIK. © Mainova AG

| Kira Crome |

Die Solarwirtschaft verzeichnet einen Boom auf privaten Dächern. Im letzten Jahr hat sich die Nachfrage nach PV-Dachanlagen nahezu verdoppelt. Wissenschaftler des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung weisen nach, dass der Vorbild-Effekt ein relevanter passiver Faktor für die Kaufentscheidung ist. Kurz: Da, wo es viele Solaranlagen auf Dächern gibt, entstehen noch mehr.

„Nie zuvor wurden auf privaten Dächern mehr Photovoltaikanlagen errichtet als im letzten Jahr“, meldete kürzlich der Bundesverband Solarwirtschaft (BSW). 2020 habe sich die Nachfrage nach der klimafreundlichen Eigenstromerzeugung im Vergleich zum Vorjahr nahezu verdoppelt. 184.000 neue Dachanlagen hat der Verband im letzten Jahr registriert, ein Volumen von insgesamt knapp fünf Gigawatt Leistung. Den Rekordzubau treiben vor allem Eigenheimbesitzer. Doch was genau beflügelt die wachsende Bereitschaft, in eine eigene Photovoltaikanlage zu investieren? Die Ursachen sind vielschichtig: Nach Einschätzung des BSW spielt ein deutlich gestiegenes Umweltbewusstsein eine Rolle, aber auch gesunkene Solartechnikpreise und steigende E-Auto-Anschaffungen. Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) haben nun herausgefunden: Nichts ist für den Entschluss, auf dem eigenen Dach selbst Solarstrom zu erzeugen, offenbar so entscheidend wie das, was die Nachbarn nebenan vormachen.

Vorbilder beeinflussen das Energieverhalten

„Es ist im Prinzip so: Wenn man ein Solarpanel vom eigenen Fenster aus sieht, dann beschließt man mit größerer Wahrscheinlichkeit, auch eines auf das eigene Dach zu stellen“, sagt Leonie Wenz, Datenwissenschaftlerin am PIK. Dass Vorbilder die Entscheidungen über die eigene Energieversorgung beeinflussen, ist eigentlich keine neue Erkenntnis. Soziale Normen oder das, was unsere Freunde, Familie, Nachbarn machen, wirkt ansteckend. Bislang konnte die Forschung aber noch nicht eindeutig klären, was diesen Effekt genau auslöst.

„Um Anreize für das Erreichen von Klimaschutzzielen zu schaffen, ist es wichtig, die Mechanismen zu verstehen, die individuelle Klimaentscheidungen wie die Installation von Solaranlagen beeinflussen“, erklärt die Komplexitätsforscherin. Welche Vorbild-Effekte klimarelevante Verhaltensänderungen begünstigen, hat sie mit einem Forschungsteam am Beispiel der Stadt Fresno im US-Bundesstaat Kalifornien anhand von Geodaten untersucht.

Hochlauflösende Daten mithilfe Künstlicher Intelligenz analysiert

„Wir kombinierten Zensusdaten für jeden Bezirk mit hochauflösenden Satellitendaten, die alle Solarpanels in Fresno identifizieren können“, erklärt Kelsey Barton-Henry vom PIK, Mit-Autorin der Studie. „Dann haben wir verschiedene Algorithmen für maschinelles Lernen trainiert, um den Zusammenhang zwischen dem sozioökonomischen Umfeld der Menschen und der Wahrscheinlichkeit, dass sie ein Solarpanel haben, zu finden.“

Das Ergebnis hat selbst die Studienautoren überrascht: „Man könnte meinen, dass andere Faktoren relevanter sind, zum Beispiel das Einkommen oder der Bildungshintergrund oder die Mund-zu-Mund-Propaganda innerhalb des gleichen sozialen Netzwerks wie etwa in einem Schulbezirk. Wir haben daher all diese verschiedenen Möglichkeiten miteinander verglichen, und das Ergebnis hat uns verblüfft“, sagt Wenz. Herausgestellt hatte sich: Wieviele Solarpanele wie weit weg vom eignen Haus sind – das bestimmt die Wahrscheinlichkeit, ob man ebenfalls eine solche Anlage auf dem Dach hat. Dieser passive Vorbild-Effekt ist laut den Studienautoren wohl wesentlich ausschlaggebender als andere sozioökonomische und demografische Variablen.

Der Vorbild-Effekt wirkt bis zu 200 Meter weit

Ansteckend wirkt das Vorbild der Nachbarn, die schon eine Solaranlage auf dem Dach haben, aber nur im näheren Umkreis. „Der Ansteckungseffekt nimmt exponentiell ab, je weiter die nächstgelegenen Solaranlagen von einem Haus entfernt sind“, heißt es in der Studie. „Die Wahrscheinlichkeit, ein Solarpanel auf dem Dach zu haben, halbiert sich in etwa über die Länge eines Fußballfeldes.“ Der Einfluss der Nachbarn auf die Entscheidung, selbst Solarstrom zu erzeugen, reicht demnach nur über eine Entfernung von bis zu 210 Metern. Er lässt mit zunehmender Entfernung nach. Ab einem Radius von 500 Metern konnten die Forscher kaum noch einen Ansteckungseffekt feststellen.

Ihre Forschungsergebnisse könnten für politische Maßnahmen zum Klimaschutz relevant sein, so die Studienautoren. „Wenn mehr Solaranlagen zu mehr Solaranlagen führen, kann das zu einem Kipppunkt führen – einem guten diesmal“, sagen die Klimawissenschaftler. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass ein Säen von Solaranlagen in Gegenden, in denen es nur wenige gibt, ein Stadtviertel und letztlich die Region überzeugen kann“, schließen die Studienautoren.