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Tourismus und Erneuerbare-Energie-Anlagen

© Sauerland Tourismus
Tourismusforscher empfehlen, über Erneuerbare Energie-Projekte in der Urlaubsregion zu informieren und sie ins Marketing einzubinden. © Sauerland Tourismus

| Kira Crome |

Wer einen Urlaub bucht, wünscht sich meist naturnahe Erholung in reizvoller Landschaft. Viele Bürgermeister und Tourismusmanager fürchten deshalb, Windenergieanlagen, Solarparks und Biogasanlagen könnten Urlaubsgäste abschrecken. Aktuelle Umfragen zeigen jedoch: Erneuerbare Energie-Anlagen haben ein positives Image und fügen sich sinnvoll in klimaschutzfreundliche Tourismuskonzepte ein. Immer mehr deutsche Urlaubsregionen vermarkten ihre Erneuerbare Energie-Projekte als attraktive Reiseziele. Etwa im Sauerland: Die Stadt Schmallenberg bietet seinen Gästen eine 31 Kilometer lange Radroute, die über das ganze Spektrum der regenerativen Energietechnologien informiert. Auch NRW-Umweltminister Remmel hat die Strecke jüngst besucht.

Sie sind ein Wirtschaftsfaktor im ländlichen Raum, ein Beitrag zum Umbau der Energieversorgung und Klimaschützer Nummer eins: Erneuerbare Energie-Anlagen sind im Landschaftsbild präsent. Kritiker fürchten deshalb, dass besonders schöne Urlaubsregionen wie die deutschen Küsten und Mittelgebirge, die zu beliebten Reisezielen zählen, künftig an Attraktivität verlieren werden. Ob Touristen tatsächlich Urlaubsorte meiden, weil sie sich an den dortigen Windenergieanlagen oder Solarparks stören, ist umstritten. Umfragen und Marktforschungsstudien können einen solchen Trend nicht bestätigen. Allein im letzten Jahr war Deutschland mit einem Marktanteil von 30 Prozent das beliebteste Urlaubsreiseziel – trotz steigender Zubauraten von Windenergie-, Biogas- und Photovoltaikanlagen.

Das Kieler Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa (NIT) hat in diesem Jahr Urlaubsgäste in Schleswig-Holstein befragt, welche Erneuerbare Energie-Anlagen sie wahrnehmen, wie sie sie bewerten und ob sie deshalb künftig woanders hinfahren wollen. Die Ergebnisse und Handlungsempfehlungen setzen sich aus drei Teilstudien zusammen: einer Analyse der allgemeinen Gästebefragung Schleswig-Holstein, die um eine Sonderfrage zu möglichen Gründen, das Reiseziel nicht wieder zu besuchen, erweitert wurde; eine Auswertung der jährlich durchgeführte Reiseanalyse der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) mit mehr als 7.500 Teilnehmern, die um eine Sonderfrage zur Wahrnehmung von Landschaftsbildmerkmalen bei Urlaubsreisen im vergangenen Jahr erweitert worden war, und einer Fokusgruppenbefragung in drei schleswig-holsteinischen Urlaubsorten. Das Fazit: „Urlauber in Schleswig-Holstein finden Erneuerbare-Energie-Anlagen nicht immer schön, aber gestört fühlen sich nur wenige“, sagt Projektleiter Kai Ziesemer vom NIT.

Gästebefragung: Urlauber weniger kritisch als befürchtet

Mehr als die Hälfte der Befragten haben Windenergieanlagen in der Umgebung wahrgenommen, aber nur jeder sechste Urlauber empfand die Bauwerke als störend. Ein Wert, der den Forschern zufolge gleichauf mit der gefühlten Beeinträchtigung durch Industrieanlagen an Häfen oder Autobahnen liegt. Die wenigsten Urlaubsgäste haben sich an den Windrädern so sehr gestört, dass sie deshalb nicht noch einmal wiederkommen wollen: Die Meidungsabsicht schwankt zwischen einem Prozent an der Ostsee und zwei Prozent an der Nordsee. „Die Rate liegt genau auf dem Niveau, das wir schon in der Gästebefragung Schleswig-Holstein im Jahr 2011 für Landschaftsbildveränderungen gemessen haben“, kommentiert Ziesemer die Werte. Wenn Urlauber nicht wiederkommen wollen, seien eher die Lust, auch mal andere Ecken kennenzulernen (12 %), das Wetter (11 %) oder das Preis-Leistungs-Verhältnis (6 %) der Grund.

Eine Umfrage unter Urlaubsgästen in Schleswig-Holstein hat gezeigt: Wenn Urlauber das Reiseziel wechseln, ist das nicht in erster Linie auf Windenergieanlagen im Umfeld zurückzuführen. © NIT 2014, Einflussnahme Erneuerbare Energien und Tourismus in Schleswig-Holstein

Eine Umfrage unter Urlaubsgästen in Schleswig-Holstein hat gezeigt: Wenn Urlauber das Reiseziel wechseln, ist das nicht in erster Linie auf Windenergieanlagen im Umfeld zurückzuführen. © NIT 2014, Einflussnahme Erneuerbare Energien und Tourismus in Schleswig-Holstein

Windenergieanlagen symbolisieren Zukunftsorientierung

Die tiefergehende Fokusgruppenbefragung, bei der die Tourismusforscher jeweils 30 Urlauber in Büsum, Schleswig und Grömitz in Gruppeninterviews nach ihrem Empfinden des Landschaftsbildes befragt haben, zeigt, dass Windenergieanlagen ein positives Image haben: „Ein Windrad sagt auch immer: Hier wird sauberer Strom produziert, ohne Abgase, ohne Umweltbelastung“, wird ein Gast zitiert. Urlauber reagieren aber durchaus sehr sensibel, wenn die Energieanlagen zu nahe am Aufenthaltsort stehen oder so groß sind, dass sie das Landschaftsbild dominieren, oder wenn sich Monotonie im Landschaftsbild einstellt, so die Forscher. Ihr Tipp: „Eine Information zu Nutzen und Effizienz der vorhandenen Anlagen kann zumindest für einen Teil der Gäste die Akzeptanz deutlich erhöhen“, heißt es in der Studie. Werden die Konzepte und Ziele der erneuerbaren Energienutzung erläutert, vermittelt das Innovation und Zukunftsorientierung.

„Mitnahme-Effekte“ nutzen

Das bestätigt auch die Reiseanalyse 2014 der neutralen Interessengemeinschaft der Tourismusforschung FUR, die als detaillierteste Untersuchung des deutschen Reisemarkts gilt: Nachhaltigkeit ist für die Mehrheit der Urlauber ein wichtiges Thema. Für eine Million Reisende war den Marktforschern zufolge Nachhaltigkeit das wichtigste Entscheidungskriterium. Für weitere sechs Millionen war der Aspekt einer von mehreren auschlaggebenden Kriterien bei der Reisegestaltung. Bewusstes und umweltfreundliches Reisen liegt im Trend. Den Tourismus-Managern vor Ort schreiben die Marktforscher vor allem „richtige Informationen“ und „ein breites, passendes und auffindbares Angebot für nachhaltigen Tourismus“ ins Pflichtenheft.

„Ein Windrad sagt auch immer: Hier wird sauberer Strom produziert, ohne Abgase, ohne Umweltbelastung.“

Sightseeing in Solarparks und energieautarken Dörfern

Dass die Nutzung erneuerbarer Energien auch für Touristen eine spannende Sache sein kann, hat sich landauf und landab bereits herumgesprochen. Immer mehr Städte und Gemeinden vermarkten ihre Erneuerbare Energie-Projekte als Reisezielattraktionen und betten sie in ihre „grünen“ Tourismuskonzepte ein. Ein Imagegewinn, glaubt auch Autor Martin Frey, dessen Baedeker-Themenreiseführer „Deutschland – Erneuerbare Energien erleben“ kürzlich in zweiter, erweiterter Auflage erschienen ist. Der Reiseführer listet mehr als 190 innovative und beispielhafte Ausflugsziele auf, die quer durch die Republik zu interessanten Klimaschutz- und Erneuerbare Energie-Projekten führen: vom Windpark an der Küste über Energie-Erlebnis-Pfade im Binnenland bis zur Alpenhütte mit autarker erneuerbarer Energieversorgung, von der weltweit ersten Solardraisine im Odenwald bis zur Besucherkanzel hoch oben auf einer Windenergieanlage in Aachen. Auf 194 Seiten sind die Projekte nach Bundesländern geordnet und im Atlasteil markiert. Zwischendrin erklärt Frey, wie die Anlagen funktionieren.

Allerdings sind es nicht nur die großen, weithin sichtbaren Bauwerke, an denen sich die Energiewende manifestiert. Es sind die vielen unauffällige, kleinen Projekte, die nicht sofort ins Auge stechen, die sich gut eignen, um zu zeigen, wie erneuerbare Energien funktionieren und was sie zum Umbau des Energiesystems beitragen. Das dachte man sich auch in der Klimakommune Schmallenberg im Sauerland. Hier hat die Stadt einen 31 Kilometer langen Themenradweg angelegt, mit dem sie ihren Gästen verschiedene Technologien für die nachhaltige Versorgung Schmallenbergs mit Strom und Wärme vorstellt. Jedes Jahr kommen mehr als eine Million Gäste nach Schmallenberg. Die Region vermarktet sich zunehmend als Gesundheits- und Naturregion. „Da lag es für uns als Klimakommune nahe, die Themen Energie und Fahrradfahren zu verbinden“, erklärt der Schmallenberger Bürgermeister Bernhard Halbe.

Schmallenberg: Destination Erneuerbare-Energie-Tour

Die Erneuerbare-Energie-Tour führt zu 16 verschiedenen Stationen. Infotafeln informieren über verschiedene Formen der Strom- und Wärmeerzeugung aus erneuerbaren Energien in der Umgebung: Wasserkraft, Solarthermie, Photovoltaik, Umweltwärme, Holz, Biogas und Windenergie. Auch Wärmenetze und Stromverteilnetze sind ein Thema. NRW-Umweltminister Johannes Remmel, der sich jüngst vor Ort über das Projekt informiert hat, lobte das Konzept als innovatives Beispiel, um Klimaschutz erlebbar zu machen. „Nur wer gut informiert ist, will sich auch beteiligen – Schmallenberg geht hier einen vorbildlichen Weg“, sagte Remmel, nachdem er einen Teil der Strecke mit dem Fahrrad erkundet hatte.

An jeder Station gibt es ausführliche Erläuterungen der jeweiligen Technik und ihres besonderen Beitrags zur Energieversorgung. Um die komplexen Themen, die Vielfalt und Kombinationen der erneuerbaren Energietechnologien zu beschreiben, werden Fachausdrücke und physikalische Details anschaulich erklärt. „Hier werden die Fakten nicht in komplizierter Fachsprache erklärt, sondern lebensnah und gut verständlich“, findet auch der Umweltminister bei seiner Erkundung der Strecke.

Zudem kann man mit dem Smartphone per QR-Code auf speziell aufbereitete Informationen im Internet zugreifen. „Wir sind die einzige Tour, die alle erneuerbaren Energietechnologien zeigt“, erklärt Klimaschutzmanager Helmut Hentschel, „auch die unspektakulären, weniger bekannten wie zum Beispiel die Nutzung von Umweltwärme.“ An verschiedenen Terminen begleitet der Klimaschutzmanager interessierte Energietouristen auf der Tour und öffnet einen Blick hinter sonst verschlossene Türen: „Wir besichtigen beispielsweise eine Turbine im Wasserkraftwerk und gehen in ein Blockheizkraftwerk hinein“, so Hentschel. Wer sich allein auf den Weg macht, kann seine Tour – ob ganz mit dem Fahrrad oder in kleineren Etappen zu Fuß – über den Routenplaner mit GPS-Daten zu Hause in Ruhe vorbereiten.

Mit derlei Konzepten verbinden sich Klimaschutzkonzepte von Kommunen mit dem Gedanken eines „sanften“ Tourismus. Damit wird Energietourismus zu einem wichtigen Standortfaktor, der ganz nebenbei für Klimaverträglichkeit und nachhaltiges Handeln wirbt.

Download Kurzfassung der Einflussanalyse Erneuerbare Energien und Tourismus in Schleswig-Holstein, NIT 2014