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Smarte Hilfe: Online-Beteiligung mithilfe von KI einfacher moderieren

© StockSnap/Pixabay

| Kira Crome |

Mit Online-Beteiligungsangeboten wollen Kommunen Entscheidungsprozesse bei der Stadtplanung ihren Bürgern zugänglicher machen. Die Moderation solcher digitalen Dialoge ist oft aufwändig. Forscher der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf schaffen Abhilfe: Sie entwickeln ein Assistenzsystem, das eingehende Teilnehmerbeiträge prüft und vorsortiert. Es basiert auf Künstlicher Intelligenz, die automatisch die Diskussionsqualität von Online-Kommentaren erkennen kann.

Die Stadt Arnsberg setzt auf Online-Beteiligungsmöglichkeiten. Auf einer eigens im Internet eingerichteten Plattform können die Arnsberger Bürgerinnen und Bürger an Umfragen teilnehmen, sich in die Stadtplanung einbringen oder in Live-Sprechstunden mit dem Bürgermeister ihre Meinung äußern. „Besonders in Zeiten, in denen persönliche Kontakte rar sind, ist die Plattform ein einfaches, oft zeitunabhängiges und niederschwelliges Angebot, sich einzubringen“, sagt Bürgermeister Ralf Paul Bittner. „Wir haben mittlerweile in vielen Projekten sehr gute Erfahrungen gemacht. Die Resonanz wird von Mal zu Mal größer.“

Wie die Arnsberger Stadtverwaltung denken immer mehr Städte und Gemeinden darüber nach, ihre Angebote zur Bürgerbeteiligung ins Digitale zu verlagern und klassische Präsenz-Konzepte mit Online-Formaten zu ergänzen. Der Vorteil: Entscheidungsprozesse werden so transparenter und erreichen Bevölkerungsgruppen, die Einladungen zu Vor-Ort-Veranstaltung nicht folgen können oder wollen. Immerhin: Fast dreieinhalb Stunden verbringt der Durchschnittsdeutsche inzwischen täglich im Internet, wie die aktuelle ARD/ZDF-Online-Studie zeigt. Demnach wächst die Internetnutzung und wird auch für die ältere Bevölkerung zum Standard. So überrascht es nicht, dass auch das Berliner Institut für Partizipation (bipar) in einer Erhebung feststellt, digitale Beteiligungsformate seien grundsätzlich dazu geeignet, Beteiligungsprozesse zu verstetigen. Wie die Bipar-Umfrage zur Lage der Bürgerbeteiligung während der Corona-Pandemie aber zeigt, sind digitale Beteiligungsangebote in den Gemeinde- und Stadtverwaltungen noch rar gesät. Rund zwei Drittel der Antwortenden gaben an, dass solche Angebote in ihrer Kommune nicht bestünden.

Mit Online-Kommentaren richtig umgehen
Ein Grund unter anderem dafür ist: Die Online-Beteiligung stellt viele Kommunen vor große Herausforderungen. Häufig fehlt das technische Know-how, die Betreuung der eingehenden Beiträge ist arbeitsintensiv und kostet Zeit. Vielfach fürchten Stadt- und Gemeindeverwaltungen den Aufwand, weil zum Beispiel die personellen Ressourcen dafür knapp sind. Eine Rolle spielt auch die sich wandelnde Sprach- und Debattenkultur im öffentlichen Raum der Online-Medien. Studien zeigen, dass „inzivile“ Kommentare, also Beiträge, die unangemessene Sprache, Beleidigungen oder falsche Tatsachenbehauptungen enthalten, zunehmen. „Wir sehen in unseren Untersuchungen, dass bei manchen Themen bis zu jeder dritte oder vierte Beitrag in irgendeiner Form inzivil ist – und sei es nur, dass alles in Großbuchstaben geschrieben wird“, sagt Marc Ziegele. Der Kommunikations- und Medienwissenschaftler an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf beschäftigt sich mit deliberativen Diskussionen in sozialen Medien. „Dieser Effekt ist in der kommunalen Online-Bürgerbeteiligung zwar relativ klein. Aber die Angst vor einer Eskalation der Debattenkultur auf einer Beteiligungsplattform im Internet ist sicherlich da.“

Moderation als Schlüssel für eine gute Debattenkultur
Um die Hürden der Online-Beteiligung zu senken und den Umgang mit eingehenden Beiträgen zu erleichtern, entwickelt Ziegele zusammen mit Forschungspartnern im Projekt KOSMO, kurz für: KI-gestützte kollektiv-soziale Moderation von Online-Diskursen, eine Lösung, die die Betreuung von Online-Bürgerdialogangeboten im Internet erleichtert. „Schlüssel für eine gute Debattenkultur auf einem Online-Portal ist eine gute Moderation“, sagt Lena Wilms, Sozialwissenschaftlerin an der Heinrich-Heine-Universität und Mitarbeiterin im Projekt KOSMO. „Aus wissenschaftlichen Studien wissen wir, dass Online-Diskurse qualitativ hochwertiger sind, wenn sie moderiert werden.“ Insbesondere die interaktive Form, bei der sich der Moderator für alle sichtbar aktiv einbringt, erhöht die Anreize, sich zu beteiligen. „Es werden Fragen von Teilnehmenden beantwortet oder Beiträge kommentiert oder auch Zusatzinformationen geliefert – im Grunde genauso, wie man es aus der Präsenz-Moderation kennt.“ Der Vorteil: Online-Diskussionen lassen sich auf diese Weise besser steuern. Nebenbei steigt die inhaltliche Qualität und der Meinungsaustausch wird insgesamt konstruktiver. Passive Diskussionsbeobachter oder Mitleser lassen sich womöglich so eher motivieren, sich einzubringen oder zu reagieren.

Um diese Moderationsarbeit zu erleichtern, schaffen die KOSMO-Forschungspartner Abhilfe. Sie entwickeln eine virtuelle Assistenz, die die Moderation und das Management eingehender Kommentare unterstützt. Das Softwaretool basiert auf Künstlicher Intelligenz, das Sprache erkennen und die inhaltliche Qualität von Beiträgen bewerten kann. „Es erkennt beleidigende, in der Sache falsche oder wenig argumentative Kommentare und sortiert sie in einem Dashboard entsprechend für die Moderierenden vor“, erklärt Wilms. Solche intelligenten Assistenzsysteme schaffen bei der Steuerung der Online-Diskussion Luft: Die Masse der eingehenden Beiträge wird übersichtlicher und der Aufwand, jeden einzelnen Kommentar zu prüfen, wird durch die proaktive Unterstützung verschlankt.

Virtuelles Assistenz-Tool für Kommunen
In den großen Medienhäusern werden solche kommerziellen Lösungen schon seit längerem für das Community Management eingesetzt. Die KOSMO-Forschungspartner entwickeln ein Tool, das auf einer Open-Source-Software basiert und auf die Bedürfnisse von Verwaltungen und Kommunen zugeschnitten ist. Eine erste Version gibt es bereits, die derzeit von Praxispartnern in Anwendungstests erprobt wird. „Die Erkenntnisse sind sehr hilfreich für uns, um das System anwenderfreundlich weiterzuentwickeln“, sagt Wilms. Die größte Arbeit steckt jedoch in der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz, die die Inhalte erkennt, bewertet und für die Moderation vorsortiert.

„Spracherkennung mithilfe Künstlicher Intelligenz geht weit über den reinen Abgleich mit einer Filter-Wortliste hinaus“, erklärt Ziegele. „Dafür braucht es einen Grundstock an Trainingsdaten, die aus Texten und Beiträgen zum Thema erstellt werden.“ Diese werden händisch mit Null oder Eins markiert, je nachdem, ob sie eine Beleidung enthalten oder nicht. So entsteht ein Trainingsdatensatz, mit dem der Algorithmus lernt. „Das heißt, er erkennt gewisse Muster und übt sich darin, die menschliche Entscheidung nachzuempfinden.“ Das ist in Bereichen von Ironie oder Sarkasmus für Spracherkennungsintelligenzen besonders schwierig. Einmal trainiert, kann der Algorithmus dann das Erlernte auch auf neue Daten, die er noch nicht kennt, anwenden.

Trainingsdatensätze aus der Beteiligungspraxis gesucht
Derzeit befindet sich die KOSMO-KI noch im Training. Im Jahr 2023 soll das Softwaretool ausentwickelt sein. Bis dahin suchen die Forschungspartner noch Kommunen, die aus ihren Online-Beteiligungsprojekten Trainingsdatensätze zur Verfügung stellen können. Perspektivisch soll der KOSMO-Assistent dann auch Leitfäden und Moderationshilfen enthalten, die aufzeigen, was gute Moderation ausmacht und die den Umgang mit Beiträgen erleichtern.

Mehr über das KOSMO-Projekt, Künstliche Intelligenz bei der Spracherkennung und die Moderation von Online-Diskussionen erfahren Sie in der 25. Episode des Podcast der EnergieAgentur.NRW.