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Schwarze Rotorblätter: Eine in Deutschland anwendbare Idee?

Wie sähen Windenergieanlagen aus, wenn sie ein schwarzes Rotorblatt hätten? Eine Simulation im Auftrag des Kompetenzzentrums Naturschutz und Energiewende (KNE) zeigt, was eine Studie in Norwegen getestet hat. © Lenné3D GmbH

| Kira Crome |

Im Sommer letzten Jahres hatte eine Studie aus Norwegen nahegelegt, dass ein schwarz gestrichener Flügel einer Windenergieanlage Vögeln hilft, dem Rotor auszuweichen. Lassen sich die Erkenntnisse auf Deutschland übertragen? Diese Frage haben Experten vergangene Woche in zwei Fachgesprächen des Kompetenzzentrums Naturschutz und Energiewende und des Bundesamtes für Naturschutz diskutiert. Das Fazit: Vieles spricht dagegen.

Ein schwarz gestrichener Flügel am Rotor einer Windenergieanlage könnte Vögeln helfen, dem Hindernis auszuweichen. So lautete das Ergebnis einer Studie des Norwegian Institute for Nature Research (NINA), die im vergangenen Juli veröffentlicht worden ist. Schauplatz des Langzeit-Feldtests war ein Windpark auf der norwegischen Insel Smøla. Mit 68 Anlagen, verteilt auf einer Fläche von 18 Quadratkilometern, zählt er zu den größten Windparks Norwegens. Für den Naturschutz bei der Windenergienutzung war die Studie interessant, weil in diesem Gebiet neben Moorschneehühnern, Bekassinen und anderen Arten besonders viele Seeadler brüten. Die Erkenntnisse aus der statistischen Auswertung der über zehnjährigen Datenerfassung erregte großes Aufsehen: Die durchschnittliche jährliche Kollisionsrate wurde durch die Maßnahme über alle Vogelarten hinweg um 72 Prozent reduziert.

Insgesamt sind in die Untersuchung Daten aus elf Jahren eingeflossen. Erhoben wurden sie im Zuge der wissenschaftlichen Begleitforschung nach Inbetriebnahme des Windparks 2006 und des eigentlichen Feldversuchs zwischen 2013 und 2016. Erfasst wurden sie mithilfe eines sehr breiten Methodensets. Der Feldversuch lief an vier Testanlagen, an denen jeweils eines der drei Rotorblätter schwarz angestrichen wurde. Vier benachbarte Anlagen blieben als Kontrollgruppe farblich unverändert. Drei Jahre lang dokumentierten die Wissenschaftler, wie viele Vögel mit den acht Anlagen kollidierten und verglichen die Zahlen mit denen der mehrjährigen Voruntersuchungen.

Zu wenig Fallzahlen für statistische Aussagekraft
Für Schlagzeilen sorgten hierzulande vor allem die Daten für den Seeadler. Waren vor dem Farbanstrich an den vier Testanlagen sechs Seeadler tot gefunden worden, wurden nach dem Farbanstrich keine Seeadler-Schlagopfer mehr registriert. Die Autoren führen das auf die Wirksamkeit der Maßnahme zurück. Ob die Datenlage diesen Schluss so zulässt, wurde nach Erscheinen der Studie kritisch diskutiert. Als problematisch sehen Experten vor allem die kleine Fall- und Anlagenzahl an. Aus einer so kleinen Stichprobe lasse sich nur schwer eine statistisch gesicherte Aussage treffen. Heißt: Die beobachteten Effekte könnten auch rein zufällig bedingt sein. Hinzu kommt, dass beim Seeadler während des Feldtests an den vier Kontrollanlagen ebenfalls keine Tiere umkamen. Im Zuge der Voruntersuchungen war dort lediglich ein toter Seeadler gezählt worden. Damit ließ sich nicht abschließend belegen, ob die Vögel die Anlagen mit dem schwarzen Rotorblatt meiden und stattdessen in den Gefahrenbereich der konventionell gestrichenen Anlagen geraten und ob durch einen solchen Verdrängungseffekt das Kollisionsrisiko an den benachbarten Anlagen erhöht werden kann. Offen blieb auch, warum die jährlichen Schlagopferzahlen über alle Arten hinweg zwischen den Jahren beträchtlich schwanken.

Prinzipiell seien die norwegischen Erkenntnisse positiv zu werten, lautete die Einschätzung von Fachleuten. Allerdings seien weitere Forschungsanstrengungen nötig, um signifikante Zusammenhänge zwischen dem Verhalten einzelner Arten und Anlagenfaktoren herstellen zu können. Auch die Autoren selbst hatten darauf hingewiesen, dass ihre Erkenntnisse nicht verallgemeinerbar seien. Es brauche größere Studien an anderen Standorten in Europa mit anderen Artenvorkommen. Helfen die norwegischen Daten der Genehmigungspraxis hierzulande weiter und würde ein solcher Feldtest dem Artenschutz bei der Windenergienutzung in Deutschland – vor allem beim Rotmilan – überhaupt dienlich sein?

Übertragbarkeit auf hiesige Landschaftsräume fraglich
Diese Fragen hat das Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende (KNE) und das Bundesamt für Naturschutz (BfN) vergangene Woche in einem Fachgespräch mit fast 30 Expertinnen und Experten und einer Diskussionsveranstaltung mit über 130 Teilnehmenden diskutiert. Das Ergebnis: Untersuchungen wie die groß angelegte PROGRESS-Studie in Deutschland schaffen zwar immer mehr Einsichten in die Problematik. Noch aber kann die Wissenschaft nicht genau erklären, warum, wann genau und unter welchen Bedingungen Vögel an Windenergieanlagen verunfallen. Die Ergebnisse aus Norwegen helfen da auch nur begrenzt weiter.

Ungewöhnlich ist, dass die Standortbedingungen in dem Feldversuch-Windpark ein weitaus höheres Konfliktpotenzial nahelegen als die Studie nachweisen kann. In dem Windpark stehen viele Anlagen, 68 an der Zahl, recht dicht beieinander. Zugleich ist in dem Gebiet mit 50 Revieren eine vergleichsweise sehr hohe Brutdichte von Seeadlern verzeichnet. Weil dort keine Bäume wachsen, brüten sie – anders als Greifvögel in unseren Regionen – am Boden. Weil die Anlagen nicht die Höhen und Ausmaße wie hierzulande erreichen, wären weitaus mehr Schlagopfer zu erwarten, sagt der Gutachter Marc Reichenbach. Doch die Population auf dem Archipel ist insgesamt über den elfjährigen Untersuchungszeitraum stabil. Ein Indiz dafür, dass die Gründe für Kollisionen mit Windenergieanlagen woanders liegen können als in der Sichtbarkeit der Anlagen für Vögel. Dafür bräuchte es aber mehr Erkenntnisse über das Ausweichverhalten.

Wie wirken rot-weiß-rote Blattspitzen auf das Ausweichverhalten von Vögeln?
„Die Anlagendimensionen, das Artenspektrum und auch die Brutsituation weichen in Norwegen deutlich von den Rahmenbedingungen in Deutschland ab“, fasst die KNE-Expertin Elke Bruns die Diskussion zusammen. Die Erkenntnisse lassen sich nicht ohne Weiteres auf die landschaftlichen, regionalen Strukturen und die Arten im hiesigen Raum übertragen. Geprüft werden müsste erstens, ob die hierzulande gängige rot-weiß-rote Farbgebung an den Rotorblattspitzen, die eine große Windenergieanlage als Hindernis kennzeichnen, bereits eine visuelle Wirkung auf Vögel hat. Fraglich wäre zweitens, wieviel wirksamer im Vergleich dazu dann ein schwarz angestrichener Flügel wäre.

Diese Forschungsfrage könnte für das hiesige Artenspektrum wertvolle Erkenntnisse über das Ausweichverhalten kollisionsempfindlicher Arten liefern, lautet ein Fazit der Experten. Profitieren könnte die Genehmigungspraxis letztlich insofern, als das Ausweichverhalten für die Beurteilung der Kollisionswahrscheinlichkeit von Bedeutung ist. Einem entsprechenden Forschungsvorhaben in Deutschland stehen jedoch noch zahlreiche offene Fragen entgegen. „Ein zeitnaher Nachweis einer Wirksamkeit der Maßnahme ‚schwarzes Rotorblatt‘ in Deutschland ist deshalb nicht zu erwarten“, sagte Kathrin Ammermann, Leiterin des Fachgebiets Naturschutz und Erneuerbare Energien am BfN. „Denkbar wäre die Konkretisierung möglicher Untersuchungen über eine Machbarkeitsstudie.“ Zu klären wäre, ob unter den gegebenen rechtlichen Bedingungen ein Wirkungsnachweis mit vertretbarem Aufwand und in vertretbarer Zeit überhaupt durchführbar wäre.

Schwarzes Rotorblatt könnte Akzeptanzprobleme schüren
Drängendste Frage neben der eingesetzten Untersuchungsmethodik ist die nach geeigneten Standorten für ein solches Forschungsvorhaben. „Jedwede Maßnahme zum besseren Vogelschutz ist grundsätzlich zu begrüßen“, sagte Boris Stemmer, Professor für Landschaftsplanung und Erholungsvorsorge an der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe. „In diesem Fall ist jedoch zu befürchten, dass der bessere Schutz der Avifauna mit erheblichen negativen Wirkungen auf das Wahrnehmen und Erleben von Natur und Landschaft erkauft wird.“ Im Gegensatz zum Landstrich, in dem der untersuchte Windpark in Norwegen liegt, ist Deutschland viel dichter besiedelt. Demzufolge müssen die optischen Auswirkungen schwarz angestrichener Rotorblätter hierzulande anders betrachtet werden. Eine Simulation zeigt, wie das aussehen könnte.

Auch wenn die Variante mit einem schwarzen Rotorblatt Standorte ermöglichen könnte, die bisher aus Artenschutzgründen nicht nutzbar waren, könne daraus nicht gefolgert werden, dass dadurch die Akzeptanz der Energiewende maßgeblich verbessert werde. „Denn die naturschutzfachlich wertvollen Bereiche sind häufig auch für das Landschaftserleben besonders wichtig“, so Stemmer. Jan Hildebrandt vom Institut für ZukunftsEnergie- und Stoffstromsysteme führte dazu aus, dass Akzeptanz in der Bevölkerung nicht allein von der Landschaftsbildveränderung abhänge. Dieser Aspekt könne von anderen Akzeptanzfaktoren überlagert werden. Insofern bestünde nicht zwingend ein direkter Zusammenhang.

Technische Fragen stellen sich ebenfalls
Würde die Forschung zur Wirksamkeit der Farbgebung von Rotorblättern für den Vogelschutz weiterverfolgt, müssten auch technische Fragen berücksichtigt werden, erklärte Bernhard Stoevesandt vom Fraunhofer Institut für Windenergiesysteme. „Rotorblätter sind strukturell hochbelastete Bauteile. Schwarze Rotorblätter sind eine bisher ungeklärte technische Herausforderung, da die Erhitzung durch Sonnenstrahlung sich signifikant auf die Struktur auswirken könnte.“ Sollte das Konzept in der Breite angewendet werden, bliebe noch viel zu klären.

Im Ergebnis der beiden Fachgespräche waren sich die Expertinnen und Experten einig: Es ist unwahrscheinlich, dass sich in Deutschland in naher Zukunft schwarze Rotorblätter drehen werden. Der Ansatz sei es aber allemal wert, weiter erforscht zu werden.