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Beiträge

Peer-to-Peer-Stromhandel – Ein Ansatz für die Post-EEG-Zeit?

© geralt/Pixabay
Beim Pilotprojekt „Brooklyn Microgrid“ wird die Blockchain-Technologie genutzt. © geralt/Pixabay

| Lisa Conrads |

Peer-to-Peer-Stromhandelskonzepte werden in der Energiewirtschaft aktuell stark diskutiert. Den englischen Begriff „peer“ kann man mit „Gleichgestellter“ oder „Ebenbürtiger“ übersetzen. Das Konzept beschreibt entsprechend direkte Vertrags- und Handelsbeziehungen zwischen gleichartigen Akteuren – in diesem Fall Prosumern [1] und Stromkunden. Große Aufmerksamkeit erhielt Anfang 2016 das Pilotprojekt „Brooklyn Microgrid“ in New York, bei dem PV-Anlagenbetreiber ihren erzeugten Strom direkt und ohne Mittelsmann an ihre Nachbarn verkaufen konnten. Seitdem sind auch in Deutschland vermehrt Aktivitäten und Plattformen entstanden, die eine ähnliche Idee verfolgen. Der Beitrag soll das Konzept einordnen und einschätzen, inwieweit Peer-to-Peer ein Ansatz sein kann für Post-EEG-Anlagen, für die ab 2021 die EEG-Förderung ausläuft.

Peer-to-Peer-Stromhandel: Welche Idee steckt dahinter?

Sogenannte Peer-to-Peer-Stromhandelskonzepte sollen es Bürgern ermöglichen, erneuerbaren Strom direkt (und im regionalen Umfeld) zu kaufen oder zu verkaufen. Betreiber von PV-Anlagen (mit Speicher) oder anderen (kleinen) dezentralen Erzeugungsanlagen schließen sich zusammen, um Strom zu “tauschen” oder direkt an Abnehmer zu verkaufen. Wenn der eine produziert, aber gerade keinen Bedarf hat, gibt er den Strom an die „Community“. Produziert er weniger als er verbraucht, bezieht er Strom aus der „Community“. Hierdurch soll eine große Transparenz geschaffen werden, woher der Strom kommt und wie er sich zusammensetzt.

In der ursprünglichen Idee des Peer-to-Peer-Stromhandels liefert ein Betreiber (überschüssigen) Strom aus der eigenen Erzeugungsanlage an einen Verbraucher ohne zwischengeschaltete Akteure wie Direktvermarkter, Energieversorgungsunternehmen o. ä. Der Strom wird dabei durch das öffentliche Stromnetz geleitet. Bestehen eigene Leitungen oder wird der Strom innerhalb des Gebäudenetzes verbraucht (beispielsweise bei der Versorgung von Mietern im gleichen Gebäude), handelt es sich um eine Direktlieferung, die anders zu behandeln ist als die Direktvermarktung, die beim Peer-to-Peer-Handel üblicherweise zugrunde liegt.

 Abbildung 1: Grundidee des Peer2Peer-Handels © EnergieAgentur.NRW

Abbildung 1: Grundidee des Peer2Peer-Handels © EnergieAgentur.NRW

Die Umsetzung der skizzierten direkten Lieferbeziehung wird durch die folgenden rechtlichen und energiemarktbedingten Anforderungen derzeit allerdings erschwert:

  • Aufgrund der dargebotsabhängigen Natur der erneuerbaren Energien schwankt die Menge erzeugten Stroms. In der Konsequenz sind Situationen möglich, in denen der Anlagenbetreiber den Liefervertrag nicht erfüllen kann. Eine mögliche Lösung für den Verbraucher wäre ein gesonderter Stromliefervertrag mit einem Energieversorger, der die Belieferung auch zu Zeiten sicherstellt, zu denen der Betreiber nicht aus der eigenen Anlage liefern kann.
  • Ebenso kann die umgekehrte Problematik aufkommen, bei der der Verbraucher weniger Strom benötigt, als vertraglich vereinbart. Eine mögliche Lösung für den Betreiber ist in diesem Fall eine gesonderte Absatzmöglichkeit über einen weiteren (flexiblen) Abnahmevertrag oder die Möglichkeit, den überschüssigen Strom (gegen EEG-Vergütung) ins Netz einzuspeisen und über einen Direktvermarkter am Strommarkt zu veräußern.
  • Verbunden mit den beschriebenen Schwierigkeiten ist die Preisgestaltung eine Herausforderung. Bislang speist der Betreiber den gesamten Strom in das Stromnetz ein und erhält vom Netzbetreiber eine Vergütung nach EEG oder lässt den Strom von einem Direktvermarkter vermarkten und erhält von diesem Strommarkterlöse sowie eine Marktprämie vom Netzbetreiber. Der Vermarktungsweg wie auch die Höhe der gesetzlich gesicherten Vergütung ist vorrangig abhängig von Alter und Größe der Anlage. Bei PV-Anlagen auf Gebäuden liegt der anzulegende Wert nach EEG aktuell [2] (Stand Oktober 2019) zwischen 8,18 und 10,58 €-cent pro kWh. Der durchschnittliche Strompreis für Privathaushalte liegt aktuell laut BDEW bei 30,43 €-cent pro kWh. Ein großer Teil dieses Strompreises wird durch verschiedene Abgaben und Umlagen sowie durch regulierte Netzentgelte verursacht. Laut BDEW liegt der Anteil des Strompreises, der auf Beschaffung und Vertrieb zurückzuführen ist, aktuell bei 7,06 €-cent. Dieser Betrag ist der Richtwert für die Stromgestehungs- und Abrechnungskosten, der zu einem konkurrenzfähigen Angebot für Haushaltskunden führt. Für die meisten dezentralen Anlagen ist der nach EEG verfügbare anzulegende Wert höher als dieser Richtwert von 7,06 €-cent. Daher sind für förderberechtigte Anlagen bislang in den meisten Fällen nur Konzepte interessant, bei denen der Betreiber weiterhin die Marktprämie nach EEG erhält.
  • Wer Strom an Letztverbraucher liefert, wird energierechtlich zum Energieversorgungsunternehmen. Ein weiteres Hindernis direkter Lieferbeziehungen zwischen Anlagenbetreiber und Verbraucher sind daher die energiewirtschaftlichen Pflichten, die mit der Stromlieferung einhergehen.

Um die aufgeführten Probleme zu lösen, sind zwei grundsätzliche Ansätze möglich.

Die untereinander notwendigen Vertragsbeziehungen können wie im Pilotprojekt „Brooklyn Microgrid“ über die Blockchain-Technologie abgebildet werden. Hierbei können sich die Vielzahl von Anlagenbetreibern und Verbrauchern im Gesamtpool direkt ausgleichen.

Abbildung 2: Grundschema des Peer2Peer-Handels mit einer Vielzahl von Betreibern und Verbrauchern © EnergieAgentur.NRW

Abbildung 2: Grundschema des Peer2Peer-Handels mit einer Vielzahl von Betreibern und Verbrauchern © EnergieAgentur.NRW

Die große Besonderheit dieses Projektes ist allerdings die Einbindung eines Microgrid, also eines separaten lokalen Stromnetzes. Beim Brooklyn Microgrid können nur Akteure teilnehmen, die an dieses Microgrid angeschlossen sind. Projekte wie das Brooklyn Microgrid oder das deutsche Forschungsprojekt pebbles haben daher Pilotcharakter und sind nicht ohne weiteres übertragbar. Bei einem für jedermann frei zugänglichen Peer-to-Peer-Netzwerk ist das vorherrschende Rollenmodell des deutschen Strommarkts mit seinen Verpflichtungen ein hinderlicher Faktor.

Bei den aktuellen Peer-to-Peer-Modellen, die kein Forschungsprojekt, sondern ein Geschäftsmodell darstellen, übernimmt daher ein Mittelsmann die Koordination und insbesondere die energiewirtschaftlichen Pflichten. Dies können Energieversorger, Direktvermarkter oder sonstige Aggregatoren sein. Andreas Brinkmann von den Wuppertaler Stadtwerken (WSW) beschreibt diese Rolle so: „Wir sind das Bindeglied zwischen Produzenten und Konsumenten und kümmern uns um die energiewirtschaftliche Abwicklung des Handels, die Abrechnung und stehen für die Ausfalllieferung gerade.“

Aktuelle Peer-to-Peer-Modelle in der Umsetzung

Wirtschaftlich attraktiv, im Sinne eines konkurrenzfähigen Strompreises bei gleichzeitigem konkurrenzfähigem Erlös, ist das Modell für Anlagenbetreiber und Verbraucher bislang in den meisten Fällen nur, wenn weiterhin das Fördersystem des EEG angewandt wird. Hiernach erhält der Anlagenbetreiber einen gesetzlich festgelegten anzulegenden Wert für den ins Stromnetz eingespeisten Strom. Die Umsetzung und Abwicklung kann dabei auf unterschiedliche Weise erfolgen.

Modell Vermittlungsplattform
Bei dem Modell der Vermittlungsplattform, welches vom Anbieter Enyway verfolgt wird, ist der Plattformanbieter kein Energieversorger oder Direktvermarkter, sondern lediglich Anbieter einer Vermittlungsplattform zwischen Stromproduzent und Stromverbraucher. In einer separaten Rolle handelt er als Dienstleister für energiewirtschaftliche Pflichten, die der Anlagenbetreiber in seiner Funktion als Energieversorgungsunternehmen zu erfüllen hat. Der Anlagenbetreiber hat hier drei Vertragsbeziehungen. Eine mit dem Plattformbetreiber, den er mit der energiewirtschaftlichen Abwicklung des Stromvertriebs beauftragt. Eine mit dem Verbraucher, den oder er mit Strom beliefert. Und eine mit einem Direktvermarkter, der sich um die Vermarktung von Überschussmengen kümmert und Strom für die Zeiten liefert, in denen die Anlage des Betreibers keinen oder nicht genügend Strom erzeugt, um seinen Lieferverpflichtungen nachzukommen. Der Anlagenbetreiber bestimmt den Preis für den von ihm gelieferten Strom selbst. Die Preisgestaltung hat jedoch nur einen Einfluss auf den marktlich bestimmten Anteil des Strompreises. Für den Anlagenbetreiber stellt sich die Frage, welchen Preis er dem Verbraucher anbieten kann, um die Kosten zu decken, die er als Energieversorger neben den durch die Marktprämie abgedeckten Stromgestehungskosten hat.

Abbildung 3: Schematische Darstellung Modell Vermittlungsplattform (Enyway) © EnergieAgentur.NRW

Abbildung 3: Schematische Darstellung Modell Vermittlungsplattform (Enyway) © EnergieAgentur.NRW

Modell Community
Beim Community-Modell, welches u. a. vom Speicherhersteller sonnen angeboten wird, kümmert sich der Plattformanbieter zugleich um Pooling, Vermarktung, Direktvermarktung der Restmengen etc. Einzelne Erzeuger und Verbraucher treten nicht in Erscheinung, der Pool bleibt anonym. Der Strom fließt in einen Gesamtpool und hieraus weiter an den Verbraucher. Der Anlagenbetreiber und der Verbraucher schließen jeweils einen Vertrag mit dem Plattformbetreiber, der dadurch zum Energieversorger des Verbrauchers wird. Zwischen Erzeuger und Verbraucher gibt es keine direkte Verbindung. Insbesondere im Fall sonnen, sind Anlagenbetreiber auch gleichzeitig Verbraucher und damit Strombezieher. Je nach Situation werden Überschüsse an die Community geliefert, oder der Strombedarf, der nicht aus der eigenen Anlage gedeckt werden kann, wird von dort bezogen.

Abbildung 4: Schematische Darstellung Community-Modell © EnergieAgentur.NRW

Abbildung 4: Schematische Darstellung Community-Modell © EnergieAgentur.NRW

Modell Energieversorger
Beim Energieversorger-Modell, welches die Wuppertaler Stadtwerke unter der Marke Tal.Markt und die Stadtwerke Soest mit der RheinEnergie unter dem Namen stromodul anbieten, ist der Plattformanbieter zugleich der Energieversorger. Dieser kauft den Strom bei den Anlagenbetreibern und bedient aus dem Pool (der um große Wasserkraftwerke ergänzt wird) die Kunden des Produkts – der Anbieter der Plattform ist also in beide Richtungen Vertragspartner. Die Stromverbraucher können über die Plattform, die von ihnen präferierten Stromlieferanten individuell zusammenstellen. Hierzu wird bei den Wuppertaler Stadtwerken die Blockchain-Technologie eingesetzt, die eine Zuordnung der Stromflüsse zwischen Erzeuger und Verbraucher ermöglicht. Diese Darstellung der Stromflüsse ist allerdings unabhängig von dem Vertrag, den beide Seiten jeweils nur mit den Wuppertaler Stadtwerken haben. Die Blockchain stellt dabei sicher, dass der viertelstündlich abgerechnete Strom jeweils nur ein Mal verkauft werden kann. Der Preis wird individuell von den Anlagenbetreibern bestimmt. Der Strompreis des Verbrauchers setzt sich entsprechend aus den bezogenen Mengen der verschiedenen Anlagen zusammen und hängt von der individuellen Zusammenstellung des Anlagenportfolios ab. Der Verbraucher zahlt den Preis entsprechend der tatsächlich genutzten Anlagen, was monatlich leicht schwankende Stromkosten mit sich bringen kann. Vertragspartner für den Lieferanten sind allerdings nicht die Betreiber der Anlagen, sondern die jeweiligen Stadtwerke als Plattformbetreiber und Energieversorger.

Abbildung 5: Schematische Darstellung Energieversorger-Modell (Tal.Markt) © EnergieAgentur.NRW

Abbildung 5: Schematische Darstellung Energieversorger-Modell (Tal.Markt) © EnergieAgentur.NRW

Alle beschriebenen Modelle werden aktuell unter Inanspruchnahme der EEG-Förderung durch die Anlagenbetreiber angewandt. Für Anlagen ohne Förderberechtigung könnten diese Angebote ebenfalls eine attraktive Vermarktungsform darstellen, die derzeit aus mangelnder Notwendigkeit aber noch nicht angeboten wird. Eine Schwierigkeit, mit der alle Plattform- und Peer-to-Peer-Ansätze jedoch kämpfen, ist die Einbindung kleiner Erzeugungsanlagen. Dies liegt am hohen Aufwand für Steuerung und Prognose kleiner Erzeugungsanlagen, bei denen die Kosten auf sehr viel geringere kWh umgelegt werden als dies bei großen Anlagen der Fall ist. Es bleibt aktuell daher abzuwarten, welche Lösungen Vermarkter und Energieversorger insbesondere auch für kleine Post-EEG-Anlagen entwickeln und welche rechtlichen Rahmenbedingungen dies unterstützen könnten.

Weiterführende Informationen:

Im Rahmen der Jahrestagung ErneuerbareEnergien.NRW – im Verbund erfolgreich am 11.12.2019 in Wuppertal werden mögliche neue Geschäftsmodelle für alte und neue Erneuerbare-Energien-Anlagen mit Juristen und Anbietern von Vermarktungslösungen diskutiert.

Zur Jahrestagung können Sie sich hier kostenlos anmelden.

[1] Der Begriff Prosumer ist eine Zusammensetzung aus den englischen Begriffen „Producer“ und „Consumer“, und beschreibt im Kontext der Energiewende einen Akteur der „Produzent“ und „Konsument“ zugleich ist. Gemeint sind damit in diesem Zusammenhang Privatpersonen oder Gewerbe- und Industriebetriebe, die eine Erneuerbare-Energien-Anlage betreiben und damit nicht mehr nur Stromkunde sind, sondern auch zum Stromproduzenten werden.

[2] Vergütungssätze unterliegen der zubaubedingten Degression. Die aktuellen Vergütungssätze werden von der Bundesnetzagentur veröffentlicht: EEG-Registerdaten und -Fördersätze