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NRW-Umfrage: Energiewende wird unterstützt – auch dort, wo schon viele Anlagen stehen

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| Kira Crome |

Die Energiewende findet starken Rückhalt, zeigt die Akzeptanzforschung. Auch in Nordrhein-Westfalen befürworten Anwohner von Windenergieanlagen mit großer Mehrheit den weiteren Ausbau der Windenergie. Das haben repräsentative Umfragen im Auftrag des Landesverbandes Erneuerbare Energien NRW kürzlich ergeben. Als wirksamstes Mittel der Akzeptanz sehen die Befragten günstige Stromtarife für Windparkanrainer.

240 Meter hoch soll die neue Windenergieanlage an der Großen Heide in Everswinkel werden – fast so hoch wie die Wolkenkratzer in der Bankenstadt Frankfurt. Die münsterländische Gemeinde hatte den Standort im Zuge einer Potenzialanalyse für die Windenergienutzung als geeignet ermittelt. Der neue Anlagentyp ist darauf ausgelegt, auch bei wenig Wind effektiv zu sein. Mit 5,5 Megawatt Nennleistung würde die geplante Anlage mehr Strom erzeugen, als die vier bestehenden Anlagen auf dem Gemeindegebiet zusammen. Damit könnten rein rechnerisch etwa 4.500 Haushalte mit erneuerbarem Strom versorgt werden – etwas mehr als alle Haushalte in Everswinkel. Wird das Projekt vom zuständigen Kreis Warendorf genehmigt, könnte die Windenergieanlage eine Einsparung von 10.000 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr ermöglichen, schätzt der Projektierer. Derzeit erzeugen im gesamten Kreis 207 Windenergieanlagen Strom; 1.029 sind es im Regierungsbezirk Münster, soviel wie nirgends sonst in Nordrhein-Westfalen. Hier sind im Jahr 2019 auch die meisten neuen Windenergieanlagen ans Netz gegangen, wie die kürzlich veröffentlichten Zahlen des Landesamts für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) zeigen. Landesweit waren es 37 Neuanlagen; so wenig wie seit 20 Jahren nicht mehr.

Modellrechnungen zeigen, dass die derzeit installierte Leistung allein bei der Windenergie auf 10,5 Gigawatt verdoppelt werden müsste, damit Nordrhein-Westfalen seinen tatsächlichen Anteil am 65-Prozent-Ziel der Bundesregierung erreicht. Das entspräche einer Größenordnung von jährlich etwa 944 Megawatt oder 210 modernen Windenergieanlagen annähernd so groß wie die geplante Anlage in Everswinkel, die neu ans Netz gehen müssten. Zugleich fallen ab dem Jahr 2021 zunehmend Altanlagen aus der EEG-Förderung. Bis zum Jahr 2030 werden es rund 3.000 Stück sein, schätzt der Landesverband Erneuerbare Energien LEE NRW. Deren Leistung von insgesamt drei Gigawatt müsse dann repowert werden. „So wie es jetzt läuft, bekommen wir in den kommenden Jahren durch den Wegfall alter Anlagen keine Verdoppelung, sondern erhalten geradeso die bestehende Leistung“, sagt Reiner Priggen, Vorsitzender des LEE NRW. Mit Blick auf die Pariser Klimaschutzziele brauche der Windenergieausbau daher dringend neue Impulse.

Fünf Faktoren fördern den Rückhalt von neuen Projekten
Umfragen und regionale Befragungen von Anwohnern und Anwohnerinnen aus der Akzeptanzforschung zeigen übereinstimmend, dass Bürgerinnen und Bürger die Energiewende als gesamtgesellschaftliches Anliegen unterstützen. Anwohnerinnen und Anwohner schätzen den Klimaschutzbeitrag lokaler Windenergie- und Solaranlagen relativ hoch, zeigt eine aktuelle Studie „Akzeptanzfördernde Faktoren erneuerbarer Energien“ im Auftrag des Bundesamts für Naturschutz (BfN). Die Autoren haben fünf Faktoren ausgemacht, die beeinflussen, wie gut Ausbauprojekte vor Ort angenommen werden: „Je positiver die Befragten die wirtschaftlichen Auswirkungen vor Ort und die Energiewende insgesamt einschätzen, desto höher die Akzeptanz.“ Weitere sind das Vertrauen in die Planungsprozesse, die Vermeidung oder Minderung negativer Auswirkungen auf Natur und Mensch sowie das herrschende Meinungsbild vor Ort: „Je positiver die Befragten die Meinung im Ort einschätzen, desto positiver fällt auch ihre eigene aus “, so die Autoren.

Menschen in NRW sind für mehr erneuerbare Energien
Wie es um den Rückhalt der Windenergienutzung konkret in Nordrhein-Westfalen bestellt ist, hat der LEE NRW in einer repräsentativen landesweiten Umfrage untersuchen lassen. Das Ergebnis: Fast 90 Prozent der Bürgerinnen und Bürger in Nordrhein-Westfalen (87 %) sprechen sich dafür aus, die Energiewende so schnell wie möglich und vollständig umzusetzen. Der hohe Zustimmungsgrad erstreckt sich über alle Altersgruppen und Regionen des Landes. Angesichts der Fridays-for-Future-Bewegung wenig überraschend: Der Anteil bei den 16 bis 24-Jährigen ist besonders hoch. 92 Prozent sind in dieser Altersgruppe dafür, die Energiewende schnellstmöglich umzusetzen.

Ähnlich wie bei bundesweit durchgeführten Umfragen, nach denen Erneuerbare-Energien-Anlagen mehrheitlich auch im eigenen Wohnumfeld akzeptiert werden, zeigt sich auch in Nordrhein-Westfalen: Die überwiegende Mehrheit (84 %) von Befragten, die im Umfeld von Windenergieanlagen leben, befürworten einen zügigen Fortschritt der Energiewende und einen weiteren Ausbau der Windenergie. Das bestätigt die Erkenntnisse aus der Akzeptanzstudie des BfN: „Proteste gegen Anlagen spiegeln daher nicht automatisch die vorherrschende örtliche Meinung wider.“

Vorreiterrolle als wichtiges Identifikationsmerkmal
Eine zweite, im Kreis Paderborn durchgeführte Umfrage im Auftrag des LEE NRW zeigt, dass auch in der Region mit der höchsten Dichte an Windenergieanlagen die Technologie Rückhalt findet. 531 Anlagen sind hier in Betrieb. Landesweit ist Paderborn der erste und einzige Kreis, der mehr erneuerbaren Strom erzeugt, als verbraucht wird. Von den 1.000 zufällig ausgewählten telefonisch Befragten gab jeder zweite Teilnehmer an, in Nachbarschaft zu einer oder mehreren Windenergieanlagen zu wohnen. 82 Prozent der Befragten erklärten, der Windenergie positiv gegenüber zu stehen. Dabei sehen viele die Vorreiterrolle des 100 %-Erneuerbare Energien-Kreises Paderborn als wichtig an – teils pragmatisch (43 %) teils mit Stolz (39 %). Nur etwa jeder Hundertste gab an, dies abzulehnen. „Die Paderborner senden damit ein wichtiges Signal ins ganze Land: Wer bei der Energiewende kräftig mitanpackt, hat jeden Grund stolz auf seine Leistung zu sein“, sagt Priggen.

Positive Einstellungen durch gezielte Maßnahmen fördern
Solche positiven Emotionen finden bei der Energiewende als motivierende Kraft noch viel zu wenig Beachtung, sagt Gundula Hübner, Professorin für Sozialpsychologie an der MSH Medical School Hamburg, im Interview. „Sie entstehen dann, wenn Menschen sich mit einem Erneuerbare-Energien-Projekt identifizieren können.“ Ansätze dafür gibt es einige. „Eine Voraussetzung dafür, dass neue Windenergieprojekte von den Bürgerinnen und Bürgern angenommen werden, ist ein guter informeller Beteiligungsprozess, der möglichst frühzeitig einsetzt und Planungsverfahren transparent macht“, sagt Steffen Kawohl von der EnergieAgentur.NRW. Dies erhöhe die Chance, dass Betroffene sich wahrgenommen und eingebunden fühlen. Die LEE NRW-Umfragen bestätigen überdies, was schon länger als Akzeptanz schaffende Maßnahmen diskutiert wird: Die stärkere Beteiligung der Bürger und Kommunen an den Gewinnen von Windenergieanlagen. Für über die Hälfte der Befragten (52 %) sind günstige Stromtarife für Anwohner von Windenergieanlagen das wirksamste Mittel. Auch wenn ein Teil der Einnahmen sozialen Einrichtungen und Vereinen vor Ort zugutekommt, würde das die Einstellung hinsichtlich Windenergie positiv beeinflussen.