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LEE NRW-Studie: Die Bürgerenergie muss weiblicher werden

© Free-Photos/Pixabay

| Kira Crome |

In Bürgerenergiegesellschaften sind Frauen nach wie vor unterpräsentiert. Das ist das Ergebnis eines Forschungsprojekts des Landesverbands Erneuerbare Energien NRW und der World Wind Energy Association. Dafür gibt es mehrere Gründe, wie die Studie zeigt. Aus den Erkenntnissen wollen die Forschungspartner nun Handlungsempfehlungen ableiten.

Es ist ein einfacher Gedanke: Wenn die Bürgerenergie ein gesellschaftliches Projekt ist, dann muss sie auch die Gesellschaft möglichst breit abbilden. Doch wie es um die Geschlechtergerechtigkeit bei der Beteiligung an Bürgerenergieprojekten tatsächlich bestellt? Dieser Frage ist ein gemeinsames Forschungsprojekt des Landesverbands Erneuerbare Energien NRW und der World Wind Energy Association nachgegangen. Das Forschungsteam hat dafür rund zwei Dutzend Bürgerenergiegesellschaften in Nordrhein-Westfalen sowie mehr als 300 Anteilseignerinnen befragt. Das Ergebnis ist ernüchternd: Der Bürgerenergie fehlen die Bürgerinnen.

In den NRW-weit aktiven Bürgerenergiegesellschaften liegt der Frauenanteil bei 29 Prozent. Im Vergleich zu einer Untersuchung vor einigen Jahren ist das zwar ein Anstieg. Damals waren es noch 20 Prozent. „Wir sind froh, dass sich zuletzt mehr Frauen für Bürgerenergie-Gruppen engagiert haben“, kommentiert Claudia Gellert, stellvertretende Vorsitzende des LEE NRW, die Studienergebnisse. Zufriedenstellend seien die Erkenntnisse jedoch nicht. „Das in der Studie dokumentierte Plus ist aber noch deutlich steigerungsfähig.“

Wo bleiben die Frauen?
Frauen sind laut Umfragen die größeren Unterstützerinnen der Energiewende, wie eine Umweltbundesamtstudie zeigt. Sie stehen der Nutzung erneuerbarer Energien und dezentralen Energielösungen offen gegenüber. Auch die Bürgerenergie-Studie belegt, dass der persönliche Beitrag zum Klimaschutz das wichtigste Motiv (90 %) für Frauen ist, sich für die Energiewende von unten zu engagieren. Finanzielle Motive spielen dagegen eine nachrangige Rolle (43 %). Demnach scheint es folgerichtig, dass Erneuerbare Energien-Projekte wirksamer wären und eine größere Reichweite entwickeln könnten, wenn sie mehr Frauen einbinden würden, argumentiert Gellert: „Wir brauchen in diesen Initiativen wesentlich mehr Frauen mit ihren Lebenserfahrungen, Ideen und Know-how, um die Energiewende gesellschaftlich auf breitere Füße zu stellen.“

Wie groß das Potenzial ist, zeigt der Blick auf die Geschlechterverteilung in Führungspositionen: 19 Prozent der Bürgerenergie-Geschäftsführungen werden von Frauen gelenkt, in den Aufsichtsräten beträgt der Frauenanteil 21 Prozent. Nur bei Vorstandsposten sind Frauen stärker vertreten: Hier stellen sie 35 Prozent. Und auch das ist interessant: Höhere Frauenanteile in der Führungsebene ziehen mehr Frauen nach. „Bürgerenergiegesellschaften mit vielen Frauen in Führungsgremien verzeichnen insgesamt einen überdurchschnittlichen Frauenanteil von 40 Prozent und höher“, sagt Studienleiterin Madeline Bode vom LEE NRW. Dieser Nachzieh-Effekt spiegelt wider, was Untersuchungen in anderen Wirtschaftssektoren auch ausmachen: „Frauen in Top-Führungspositionen haben eine Sogwirkung für weibliche Führungskräfte“, erklärt Nicole Voigt, Analystin und Managing Director der Boston Consulting Group.

Mangel an Zeit und Kapital bremsen Frauen aus
Wie also gelingt es, mehr Frauen für die Bürgerenergie zu gewinnen? „Die Gründe für die Diskrepanz im Geschlechterverhältnis sind leider immer noch die klassischen Dinge wie zum Beispiel fehlende Zeit, gerade bei jüngeren Frauen. Vor allem aber haben Frauen weniger Kapital“, sagt Bode. Indiz dafür sind die verschiedenen Gesellschaftsformen: Bei eingetragenen Genossenschaften halten Frauen 33 Prozent der Anteile, bei den GmbHs dagegen finanzieren nur 14 Prozent Frauen mit. Dazu passt, dass Frauen vor allem in kleinen Bürgerenergiegesellschaften mit weniger als 40 Mitgliedern, in denen viel Engagement gefordert ist und oft auch höhere Anteile gezeichnet werden müssen, mit 7 Prozent besonders schwach vertreten sind.

Bei der Frage des Zugangs ist nicht nur das finanzielle Einstiegsinvestment ein Hemmfaktor, sondern auch die Werbung neuer Anteilseigner. Mehrheitlich geschehe das über die persönliche Ansprache oder Mund-zu-Mund-Propaganda. Besonders bei Windenergie-Projekten, die oft von Landwirten initiiert werden, hätten Frauen dabei das Nachsehen: „Wenn es dann um die Gründung einer Bürgerenergiegesellschaft geht, funktioniert das im Ländlichen meist in kleinen, männerdominierten Netzwerken: Man fragt die, die man kennt“, erklärt Bode.

Generell zeigt sich zudem: Der Frauenanteil bei Gesellschaften mit Solarenergie-Projekten ist im Schnitt höher als bei reinen Windenergie-Projekten. Der Rückschluss aber, dass technisch komplexe Projekte Frauen eher abschrecken, sei damit nicht bestätigt.

Eine weitere Erkenntnis: Wahrnehmbare weibliche Vorbilder und eine Ansprache, die Frauen in ihrer tatsächlichen Lebenswelt abholt, sind vielversprechende Ansatzpunkte, um mehr Frauen zu gewinnen. Bislang betreiben aber nur sieben Prozent der befragten Bürgerenergiegesellschaft überhaupt eine gezielte Steigerung des Frauenanteils. 82 Prozent haben das Thema Diversität noch gar nicht im Blick. Eine wichtiger Kommunikationskanal, der bislang noch wenig genutzt wird, sind Social Media. Über diesen Weg könnten vor allem jüngere Zielgruppen erreichen werden, argumentieren die Studienautoren.

Handlungsempfehlungen für eine offenere Bürgerenergie
Aus den Erkenntnissen will die LEE NRW-Studie in einer Folgestudie Ansätze für Lösungen finden und Handlungsempfehlungen entwickeln. Diese sollen Bürgerenergiegesellschaften helfen, mehr Frauen als Mitglieder zu gewinnen. Auf diese Weise werde den unternehmens- und klimapolitischen Entscheidungen in der Bürgerenergie ihre männliche Prägung genommen, argumentiert eine Studie zur geschlechtergerechten Energiewende des Bündnis Bürgerenergie (BBEn). Der weibliche Blick mache die Energiewende insgesamt zu einem demokratischeren Projekt.

Weiterführende Information:

WEEA / LEE NRW (2021): Frauen in der Bürgerenergie. Durch Offenheit zur Vielfalt.

Dem Thema „Frauen-Power für die Energiewende“ widmet sich auch die neuste Ausgabe des Magazins innovation & energie der EnergieAgentur.NRW.