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Klimaschutz: Zurück an der Startlinie

© Albrecht E. Arnold/pixelio.de

| Kira Crome |

Die Übererfüllung des Klimaziels im letzten Jahr war eine Eintagsfliege, zeigt eine Analyse des Thinktanks Agora Energiewende. 2021 werden demnach die Effekte des Corona-Stillstands aufgezehrt und die Klimabilanz so schlecht ausfallen wie noch nie seit dem Referenzjahr 1990. Die Energie- und Verkehrswende brauche jetzt deutlich mehr Tempo. Das aktuelle Soziale Nachhaltigkeitsbarometer zeigt: Die Bevölkerung wäre dafür.

Anfang des Jahres klang das wie eine gute Nachricht: Deutschland hat das Klimaziel für das Jahr 2020 übertroffen. Nicht allein Klimaschutzmaßnahmen hatten dazu geführt. Dass die angepeilte Marke von 40 Prozent weniger klimaschädliche Treibhausgase gegenüber dem Referenzjahr 1990 gerissen wurde, lag vor allem an den Lockdowns während der Pandemie. Doch wie Berechnungen des Thinktanks Agora Energiewende zeigen, ist der Corona-Effekt beim Klimaschutz in diesem Jahr schon wieder verpufft: 2021 werden die Treibhausgasemissionen wohl nur um 37 Prozent unter dem Niveau von 1990 liegen. Damit werde die Klimazielmarke in diesem Jahr verfehlt. „Der vermeintliche Erfolg der Emissionsminderung im letzten Jahr war kein wirksamer Klimaschutz, sondern eine Eintagsfliege, bedingt durch Corona und Sondereffekte“, sagt Patrick Graichen, Direktor von Agora Energiewende. „2021 stehen wir damit wieder an der Startlinie.“

Die Agora-Experten schätzen, dass die Treibhausgasemissionen in diesem Jahr voraussichtlich um rund 47 Millionen Tonnen CO2 gegenüber dem Vorjahr ansteigen werden. Das wäre der höchste Anstieg seit dem Referenzjahr 1990. Damit werde sogar die Emissionssteigerung nach der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 und 2010 übertroffen, sagt Graichen. „Beunruhigend an diesem Anstieg ist insbesondere, dass es sich dabei nicht nur um Nachholeffekte handelt, sondern auch die strukturellen Defizite der Umsetzung der Energiewende offenlegt. Hierzu zählen insbesondere der schleppende Ausbau erneuerbarer Energien, vor allem der Windenergie an Land, sowie die in den letzten zehn Jahren weitestgehend stagnierenden Emissionen in den Sektoren Industrie und Verkehr“, so das Fazit der Analyse. Um beim Klimaschutz auf den richtigen Pfad zu kommen, müsse vor allem die Energie- und Verkehrswende nun endlich Tempo machen.

Den Bürgern geht die Energie- und Verkehrswende zu langsam
Die im Juni vom Bundestag nachgebesserten und verabschiedeten Klimaziele erfordern, dass Deutschland seine Klimaschutzanstrengungen verdreifacht. Doch nicht erst seit Beginn des Wahlkampfs wird immer wieder die Frage laut: Tragen die Menschen in Deutschland diese Veränderungen mit? Die diesjährige Umfrage des Sozialen Nachhaltigkeitsbarometers zeigt: Die große Mehrheit der Befragten (80 %) sehen den Weg zur Klimaneutralität als Gemeinschaftsaufgabe, bei der jeder Mensch einen Beitrag zum Gelingen leisten sollte. Knapp Dreiviertel (73 %) sind dafür, den Energieverbrauch in Haushalten zu reduzieren und mehr als ein Drittel wäre bereit, für den Klimaschutz höhere Steuern auf klimaschädliche Produkte zu akzeptieren. Allerdings findet mehr als die Hälfte der Befragten die Umsetzung der Energiewende zu teuer oder bürgerfern – und sie geht ihnen zu langsam.

Zu bürokratisch und zu ungerecht
Der Tenor ist nicht ganz neu. Auch in den letzten Jahren ergaben die Umfragen des Barometers ähnliche Aussagen: Die Energiewende findet nach wie vor Rückhalt bei den Bürgerinnen und Bürgern, gleichzeitig wächst die Kritik an ihrer Umsetzung. In diesem Jahr liegen die häufigsten Nennungen der Bremsklötze nahe beieinander. Jeweils gut ein Drittel der Befragten gibt an, dass Bürokratie, ein zu langsamer Ausbau von Anlagen für erneuerbare Energien sowie von Stromnetzen, zu hohe und steigende Kosten sowie unzureichende Speichermöglichkeiten der aus erneuerbaren Quellen produzierten Energie der Umsetzung der Energiewende im Weg stehen. Am negativsten werden die Kosten der Energiewende bewertet. Zwei Drittel finden sie zu teuer. Wichtig ist den Bürgerinnen und Bürgern auch, die gesellschaftlichen Auswirkungen im Blick zu behalten, damit vor allem sozial Schwache vor zu hoher Belastung geschützt und Verursacher stärker in die Verantwortung genommen werden. Fast die Hälfte findet, dass die Kosten der Energiewende zwischen den unterschiedlichen Einkommensgruppen ungerecht verteilt sind.

Mehr Ökostrom und mehr klimafreundliche Mobilität
Gefragt nach konkreten Klimaschutz-Instrumenten zeigt sich, dass Technologien für erneuerbare Energien von einer großen Mehrheit unterstützt werden, von Solar- und Windenergie über Wasserstoff bis hin zur Nutzung von Biomasse. Großen Rückhalt findet der Ausbau der Solarenergie: 90 Prozent der Befragten sprechen sich für mehr Solaranlagen auf Hausdächern aus. Ein Großteil der Befragten will sich zudem aktiv an der Energiewende beteiligen: von der Ökostrom-Nutzung bis hin zu einer Beteiligung an Erneuerbaren-Energien-Anlagen, die sich in Bürgerhand befinden.

Die Anschaffung eines Elektro-Autos können sich 47 Prozent vorstellen. Die Hälfte der Befragten will künftig mehr Wege zu Fuß oder per Fahrrad zurücklegen. Allerdings soll der Verkehrsmittelwandel bezahlbar bleiben und auf Mobilität will keiner verzichten. Eine Maut für PKW oder höhere Parkgebühren lehnt jeder Zweite ab und für jeden Vierten müsste der öffentliche Nahverkehr besser und günstiger werden, um für kürzere Fahrten das Auto stehen zu lassen. Gleichzeitig befürworten über die Hälfte der Befragten eine Abschaffung des Steuervorteils für Dieselkraftstoffe und ein Tempolimit auf Autobahnen.

Nachhaltigkeitsbarometer in Kopernikus-Projekt eingebettet
Mit dem Sozialen Nachhaltigkeitsbarometer untersuchen Sozialwissenschaftler in einer groß angelegten repräsentativen Umfrage seit 2017 jährlich, für wie gerecht die Deutschen die Energiewende halten. Im letzten Jahr wurde die Studie um den Themenbereich Verkehrswende erweitert und in das Kopernikus-Projekt „Ariadne“ eingebettet. In dem Projekt bündeln 26 Forschungspartner ihre Expertise. „Damit schaffen wir eine übergreifende Perspektive, analysieren die Wirkung von Politikinstrumenten und zeigen eine ganze Reihe möglicher Politikoptionen auf – und bieten so wichtiges Orientierungswissen für Entscheiderinnen und Entscheider auf dem Weg zu einem klimaneutralen Deutschland“, erklärt Ottmar Edenhofer, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) sowie des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC), der „Ariadne“ leitet. Erkenntnisse und Ergebnisse der Forschungsarbeiten zur Energie- und Verkehrswende werden kontinuierlich über die gesamte Laufzeit bereitgestellt, etwa in Form von Policy Briefs, Themendossiers, Hintergrundpapieren, Visualisierungen und interaktiven Plattformen.