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Führt mehr Beteiligung zu mehr Zustimmung zu Energiewendeprojekten?

© Mizianitka/Pixabay

| Kira Crome |

Wie genau sich finanzielle Beteiligungsmöglichkeiten, höhere Wertschöpfungseffekte und Akzeptanz gegenseitig bedingen – dieser Frage will ein neues Bundesforschungsprojekt nachgehen. Antworten sollen zehn bundesweit ausgewählte Fallbeispiele in sechs Kommunen liefern. Denn bislang weiß man noch nicht genau, wann finanzielle Beteiligung zu mehr Akzeptanz führt. Aus ihren Erkenntnissen wollen die Wissenschaftler Handlungsempfehlungen für planende Kommunen ableiten.

Werden sie gefragt, sprechen sich die Menschen in Deutschland mehrheitlich für den Umstieg auf erneuerbare Energien aus. Umfragen bestätigen das immer wieder. Doch wenn es um konkrete Projekte vor Ort geht, sinkt die Zustimmung zu neuen Windenergie- oder Photovoltaik-Freiflächenanlagen häufig. Eine Lösung dafür ist, Standortgemeinden und Anwohner im Umfeld neuer Projekte an den Anlagen mitverdienen zu lassen. Die Idee dahinter scheint einfach: „Mehr Beteiligung führt zu mehr Akzeptanz“, sagt Robert Brandt, Geschäftsführer der Agentur für Erneuerbare Energien (AEE). Aber stimmt das tatsächlich?

Das Beispiel der Gemeinde Lichtenau im Kreis Paderborn zeigt, wie die Windenergienutzung in der Region im Laufe der Jahre seit der Inbetriebnahme erster Anlagen Anfang der 1990er Jahre zusätzliche positive Wertschöpfungseffekte geschaffen hat. Anlagenbetreiber zahlen ein Prozent ihrer Einnahmen aus der Stromerzeugung in den Fonds einer Bürger- und Energiestiftung ein, der Sportvereine sowie Kultur- und Bildungseinrichtungen im Ort unterstützt. Jährlich kommen so bis zu 300.000 Euro zusammen. Die Einrichtung eines Technologiezentrums für Unternehmen, die im Bereich Windenergie und Klimaschutz aktiv sind, zog entsprechende Nachwirkungen für den Wirtschaftsstandort nach sich. Auch die Bürgerenergie boomt: Dreiviertel aller Windenergie- und Photovoltaikanlangen sind inzwischen in der Hand von Bürgerenergiegenossenschaften. Insgesamt ist Lichtenau ein Beispiel dafür, wie es gelingt, einen bedeutenden Teil der Wertschöpfung der erneuerbaren Energien vor Ort zu halten – und die Menschen daran zu beteiligen. Aber wie lassen sich solche Erfolgsbeispiele verallgemeinern und wie lässt sich das erfolgreiche Zusammenwirken von wirtschaftlichen Vorteilen für die Region, Teilhabemöglichkeiten und Akzeptanz nachweisen?

Bundesforschungsprojekt untersucht Wechselwirkungen
Das Bundesforschungsprojekt ReWA – kurz für: Regionale Wertschöpfung, Akzeptanz, Beteiligung – geht dieser Frage nach. Beteiligt sind das Institut für Zukunftsenergie- und Stoffstromsysteme (IZES) und das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) mit dem AEE. „Wir hoffen, dass dieses häufig bemühte Narrativ, mehr Beteiligung fördert mehr Akzeptanz, der Untersuchung standhält“, sagt Brandt. „Spezifische Wirkungsmechanismen von finanzieller Beteiligung auf die Akzeptanz und deren Abhängigkeit von lokalen Rahmenbedingungen sind nämlich noch unzureichend differenziert belegt.“

Bislang ist wenig darüber bekannt, wie sich die mit der Transformation des Energiesystems verbundenen Prozesse auf die Gesellschaft genau auswirken und wie sie von den Menschen wahrgenommen werden. Zwar werden in Forschung und Praxis unterschiedliche Konzepte für mehr Teilhabe erprobt. Dennoch wissen Fachleute noch nicht genau, welche Ansätze warum funktionieren oder weniger erfolgreich sind. „Die Forschung in diesem Bereich ist wichtig, um sozioökonomische Herausforderungen zu verstehen, Konflikte aufzudecken und zu lösen“, heißt es zum siebten Energieforschungsprogramm des Bundeswirtschaftsministeriums, das dieser gesellschaftlichen Perspektive seit 2018 erstmals system- und technologieübergreifend Raum gibt.

10 Erneuerbare-Energien-Projekte dienen als reale Fallgeber
Im ersten Forschungsjahr haben die ReWA-Wissenschaftler anhand eines umfangreichen Kriterienrasters zehn Fallbeispiele aus sechs Kommunen in Deutschland ausgewählt, die im Laufe des zweiten Forschungsjahres näher untersucht werden. Die Fallbeispiele decken Wind-, Solar- und Bioenergie-Projekte ab und bieten ein breites Spektrum, wie die Menschen vor Ort finanziell von den Anlagen profitieren können. Das reicht von der indirekten finanziellen Beteiligung wie etwa über vergünstigte Energielieferungen oder kostenlose Anschlüsse, über die Fremdkapitalbeteiligung, beispielsweise anhand von festverzinsten Darlehensverträgen, bis hin zur Eigenkapitalbeteiligung mit festem Zins- oder Gewinnanspruch, mit oder ohne Stimmrecht. Unter den ausgewählten Fallbeispielen befindet sich auch die nordfriesische Gemeinde Reußenköge, deren Bürgerwindpark inzwischen zu den weltweit größten Windparks in Bürgerhand zählt. Weitere Kommunen sind Lommatzsch in Sachsen, Schlöben in Thüringen, Hünfelden in Hessen, Uttenreuth in Bayern und Tuningen in Baden-Württemberg.

Wann führen wirtschaftliche Effekte und finanzielle Beteiligung zu mehr Akzeptanz?
Die im Bundesforschungsprojekt beteiligten Kommunen liefern den Forschungspartnern notwendige Daten, um die regionalökonomischen Effekte wie neue Arbeitsplätze, Unternehmensgewinne oder kommunale Steuereinnahmen, die sich aus Planung, Errichtung und Betrieb von erneuerbaren Energien ergeben können, zu ermitteln. „Verschiedene finanzielle Beteiligungsformen können für mehr oder weniger hohes Engagement der Bevölkerung und den Kommunen in der Energiewende stehen, führen aber auch zu unterschiedlich hohen Wertschöpfungseffekten in den Regionen“, sagt Steven Salecki vom IÖW. Klären wollen die Wissenschaftler aber vor allem, ob und in welcher Weise die entstandenen wirtschaftlichen Effekte auch bei den Menschen vor Ort ankommen und wie sie sie wahrnehmen. „Voraussetzung für eine Akzeptanzwirkung ist die Verknüpfung von wahrgenommenem Nutzen und dem lokalen EE-Projekt. Daher untersuchen wir, ob die Effekte für die Bevölkerung sichtbar sind und wie sie dem EE-Projekt zugeschrieben werden”, sagt Irina Rau vom IZES. Dazu befragt das Forscherteam Vertretern der Stadt- und Gemeindeverwaltungen, Projektentwickler und Akteure aus der Kommunalpolitik, aber auch Bürgerinnen und Bürgern der Kommunen.

Handlungsempfehlungen für Kommunen zum Projektende
Erste Zwischenergebnisse werden in der zweiten Jahreshälfte 2021 erwartet. Aus ihren Erkenntnissen wollen die Forschungspartner Handlungsempfehlungen für Kommunen ableiten. Sie sollen aufzeigen, wie neue erneuerbare Energieanlagen so geplant werden, dass sie den bestmöglichen wirtschaftlichen Effekt für eine Region erbringen. Außerdem wollen die Wissenschaftler empfehlen, wie die Wertschöpfungspotenziale eines Wind- oder Solarparks in der Nachbarschaft so kommuniziert werden sollten, dass die Menschen vor Ort sie auch wahrnehmen.