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Fachbeitrag: Fischliftsystem am Baldeneysee startet Testbetrieb

© Ruhrverband
Blick vom linken Ruhrufer auf das Fischliftsystem am Baldeneysee © Ruhrverband

| Steffen Kawohl |

Um die Durchgängigkeit der Ruhr herzustellen, hat der Ruhrverband am Baldeneysee ein Fischliftsystem gebaut. Die dortigen Gegebenheiten erforderten eine neuartige Lösung. Nach Bauverzögerungen hat nun der Betrieb begonnen. Eine Einfahr- und Monitoringphase soll zeigen, ob sich ein Fischlift auch an anderen Orten eignet.

Fische in einem Gewässer wandern und wechseln immer wieder zwischen verschiedenen Lebensräumen, um Nahrung zu suchen, zu laichen oder einfach, um in einen Gewässerabschnitt zurückzukehren, nach dem ein Fisch unfreiwillig von dort abgedriftet ist. Querbauwerke, wie Wasserkraftanlagen, verhindern jedoch, dass Fische und andere Lebewesen ein Fließgewässer ungehindert passieren können. Die Europäische-Wasserrahmenrichtlinie fordert, dass alle Gewässer in der Europäischen Union bis zum Jahr 2027 einen guten bzw. sehr guten ökologischen Zustand erreichen. Laut EU-Wasserrahmenrichtlinie befindet sich ein Gewässer in einem guten ökologischen Zustand, wenn die Beschaffenheit des Gewässers nur geringfügig von jenen Gegebenheiten abweicht, die ohne störenden menschlichen Einfluss herrschen würden. Dies setzt voraus, dass Fische und andere Lebewesen, aber auch das Sediment ein Gewässer flussaufwärts und flussabwärts ungehindert passieren können (Durchgängigkeit des Gewässers).

Gegebenheiten am Stauwehr erfordern unkonventionelle Lösung
Um für die Durchgängigkeit der Ruhr am Baldeneysee zu sorgen, wollte der Ruhrverband eine Fischaufstiegshilfe errichten. Normalerweise werden an der Ruhr dafür Fischtreppen gebaut. Eine Machbarkeitsstudie ergab jedoch, dass eine konventionelle Fischaufstiegsanlage an diesem Stauwehr mit einem enormen Aufwand verbunden wäre. Der Höhenunterschied zwischen Ober- und Unterwasser beträgt neun Meter. Eine solche Stauspiegeldifferenz zu überwinden, hätte eine sehr lange Fischtreppe erfordert. „Für die Fische wäre es bei diesen Gegebenheiten mit einer Fischtreppe zu anstrengend geworden“, erkärt Britta Balt vom Ruhrverband. Der Ruhrverband musste sich also etwas anderes einfallen lassen und entschied sich für eine neuartige Lösung. Gemeinsam mit der Firma Baumann Hydrotec, die in Bayern bereits eine solche Pilotanlage realisiert hatte, begann der Ruhrverband im Jahr 2014 ein Fischliftsystem zu planen, in dem die Fische in einem Transportkorb das Stauwehr flussaufwärts und flussabwärts passieren können.

Rückpumpwerk erweist sich als geeigneter Standort
Dazu wurde zunächst ermittelt, welche Stelle am Stauwehr für den Fischlift geeignet ist und welche Strömungsgeschwindigkeiten erforderlich sind. Eine Analyse der Strömungsverhältnisse und des Verhaltens der Fische zeigte schließlich, dass sich das Rückpumpwerk als Standort eignet, da es für die Tiere dort gute Einstiegsmöglichkeiten in den Fischlift gibt. „Wir brauchten das Rückpumpwerk nicht mehr, daher bot sich der Platz an der Ecke des Wehrpfeilers für den Fischlift ideal an“, sagt Balt.

Fische können jederzeit in beide Richtungen fahren
Das Fischliftsystem besteht aus zwei senkrecht aufgestellten Röhren. Der Wasserstand zwischen Ober- und Unterwasser wird ausgeglichen, indem die Röhren mit Wasser gefüllt oder entleert werden. Wenn sich die Röhre mit Wasser füllt, steigt der Liftkorb auf und befördert die Tiere so nach oben. Anschließend leert sich die Röhre, sodass der Liftkorb wieder absinkt. Damit wanderwillige Fische stets einen Lift vorfinden, der sie befördert, werden die beiden Röhren alternierend betrieben.

In den beiden Röhren des Fischliftsystems befinden sich die Fahrkörbe, die die Fische ins Oberwasser des Baldeneysees transportieren. © Ruhrverband

In den beiden Röhren des Fischliftsystems befinden sich die Fahrkörbe, die die Fische ins Oberwasser des Baldeneysees transportieren. © Ruhrverband

Abschwimmrinne des Fischliftsystems. Durch die Fenster können die Fische nach dem Ausstieg aus dem Lift beobachtet werden. © Ruhrverband

Abschwimmrinne des Fischliftsystems. Durch die Fenster können die Fische nach dem Ausstieg aus dem Lift beobachtet werden. © Ruhrverband

Unvorhergesehene Verzögerungen beim Bau
Im Mai 2018 begannen die Bauarbeiten. Der Ruhrverband rechnete damit, dass im Frühjahr 2020 bereits die ersten Fische mit dem Lift fahren können. Hochwasserereignisse sowie eine mehrmonatige Wartezeit für einen Baukran verzögerten den Bau allerdings. Hinzu kam, dass der tatsächliche Bauwerksbestand des Stauwehrs von den über 80 Jahre alten Originalplänen abwich und deswegen zusätzliche statische Nachweise erbracht werden mussten. Mit diesen zeitlichen Verzögerungen waren auch zusätzliche Baukosten verbunden. „Die zunehmende Komplexität des Vorhabens hat sich auch in den Kosten niedergeschlagen“, erklärt Balt. Neben den Ausgaben für die statischen Nachweise und die dafür notwendigen Messeinrichtungen, habe auch zu Buche geschlagen, dass bei der öffentlichen Ausschreibung des Bauprojektes nur ein geringes Bieterinteresse zu verzeichnen gewesen sei. Die ursprünglich veranschlagten Kosten von 4,5 Millionen Euro hätten sich so auf rund 6,8 Millionen Euro erhöht. Mit dem Land Nordrhein-Westfalen als Fördermittelgeber wurden zusätzlich anfallende Kosten stets abgestimmt, so Balt. Dadurch habe sich nichts daran geändert, dass das Land NRW 80 Prozent der Kosten für den Bau des Fischlifts übernimmt.

Einjährige Einfahrphase beginnt
Nachdem die Bauarbeiten für den Fischlift abgeschlossen und die technischen Bauteile, die Steuerungs- und Fernwartungstechnik, die Monitoringsysteme sowie das Datenmanagement getestet wurden, beginnt mit der heutigen offiziellen Inbetriebnahme des Fischliftsystems eine einjährige Einfahrphase. „Fische verhalten sich im Sommer anders als im Frühjahr oder Winter, daher müssen wir den gesamten Jahreskreislauf bei der Einstellphase einbeziehen“, erklärt Balt. Um das jahreszeitlich bedingte Wanderverhalten der Fische sowie weiterer Lebewesen in der Ruhr zu berücksichtigen und damit der Steuerungsalgorithmus künftig unterschiedliche Wasserstände und Abflüsse der Ruhr einrechnen kann, wird die automatische Steuerung des Fischliftsystems in dieser Phase verfeinert.

Testergebnisse sind auch für andere Standorte interessant
Auf die Einfahrphase folgt dann eine rund zweijährige Monitoringphase, die den Erfolg des Projektes nachweisen und Auskunft geben soll, ob ein Fischlift auch an anderen Standorten mit ähnlichen Rahmenbedingungen erfolgversprechend ist. An Fließgewässern in ganz Deutschland, an denen ähnliche Gegebenheiten wie am Stauwehr des Baldeneysees herrschen, blicke man mit Interesse auf das Fischliftsystem des Ruhrverbands, so Balt. Der Ruhrverband selbst plant in naher Zukunft, die Durchgängigkeit der Ruhr am Kettwiger Stausee wieder herzustellen. Die Ergebnisse des Monitorings sollen dann zur Beurteilung beitragen, ob ein Fischliftsystem an dieser Stelle eine gangbare Möglichkeit wäre.

Infopoint informiert über Funktionsweise des Fischliftsystems
Wer sich über das Fischliftsystem informieren möchte, kann dies an einem Infopoint auf der Wehrbrücke in unmittelbarer Nähe des Lifts tun. Dort bringt der Infopoint den Besucherinnen und Besuchern die Funktionsweise des Fischlifts näher und sie erfahren, welche Fischarten in der Ruhr Zuhause sind, warum Fische wandern müssen und welche verschiedenen Arten von Fischaufstiegen es gibt. Neben einem über fünf Meter langen interaktiven 3D-Geländemodell, das die untere Ruhr vom Hengsteysee bis zur Mündung in den Rhein in Tag- und Nachtansicht zeigt, und einem 1:10-Modell des Fischliftsystems bietet der Infopoint auch erklärende Filme und graphische Schautafeln. Derzeit ist der Infopoint auf Grund der Corona-Pandemie allerdings vorübergehend geschlossen.