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| Fachbeitrag | Aus der Perspektive der Energiegenossenschaften – Aktuelle und zukünftige Tätigkeitsbereiche von Energiegenossenschaften in Nordrhein-Westfalen

© andibreit/Pixabay

| Adrian Theyhsen, Romy Simke |

Wie sehen die aktuellen Aktivitäten von Energiegenossenschaften in NRW aus? Und an welchen Geschäftsmodellen haben Energiegenossenschaften in Zukunft Interesse? Diesen Fragen ist das Team Bürgerenergie der EnergieAgentur.NRW in einer Befragung im Frühjahr 2021 nachgegangen. Ziel war es, aktuelle Geschäftsaktivitäten zu erheben sowie mögliche zukünftige Geschäftsmodelle von Energiegenossenschaften in NRW zu ermitteln. Von den zum Befragungszeitraum rund 100 in NRW angesiedelten Energiegenossenschaften beantworteten 28 Genossenschaften den Fragebogen. Damit lassen sich wertvolle Einblicke in die derzeitige Situation von Energiegenossenschaften in NRW gewinnen.

Die Energiewende in Deutschland geht mit einer Dezentralisierung der Stromproduktion einher. Der Großteil dieser dezentralen Erzeugungsstrukturen wurde seit Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) von Privatpersonen, Landwirten sowie Bürgerenergiegesellschaften aufgebaut. Laut einer Studie des Instituts trend:research waren im Jahr 2019 rund 40 Prozent der installierten Leistung zur Stromerzeugung in Hand dieser Akteure. Im Jahr 2011 lag ihr Anteil sogar noch knapp über 50 Prozent.

Unter dem Schlagwort Bürgerenergie ist dieses bürgerschaftliche Engagement für die Energiewende somit seit Jahren von großer Bedeutung. Als institutionalisierte Form der Bürgerenergie, bei der Projekte zur Nutzung erneuerbarer Energien von mehreren Bürgern gemeinsam finanziert oder betrieben werden, hat sich unter anderem die Rechtsform der eingetragenen Genossenschaft etabliert. Bekannt wurden diese Energiegenossenschaften vor allem durch ein starkes Neugründungsaufkommen in den Jahren 2009 bis 2013. Aktuell sind rund 200.000 Menschen in Deutschland Mitglied in einer Energiegenossenschaft und somit aktiv finanziell an Erneuerbare-Energien-Anlagen oder Energieeffizienzprojekten beteiligt. Bestimmende Elemente von Bürgerenergiegesellschaften sind die gemeinsame Partizipation an der Energiewende und die regionale Verankerung, häufig mit dem Anspruch, einen möglichst großen Anteil der Wertschöpfung vor Ort zu halten.

Aufgrund ihrer Kernprinzipien eignen sich Energiegenossenschaften in besonderem Maße diese Ziele der Bürgerenergie zu verfolgen. So steht die Förderung der eigenen Mitglieder im Mittelpunkt jeder Genossenschaft. Demnach werden nicht ausschließlich eine Gewinnmaximierung, sondern beispielsweise auch soziale Ziele angestrebt. Daneben gelten Genossenschaften als demokratischste Rechtsform in Deutschland, da jedes Mitglied unabhängig von der Anzahl seiner Mitgliedsanteile nur eine Stimme in der Generalversammlung hat. Außerdem ist die genossenschaftliche Unternehmenskultur von ehrenamtlichem Handeln und der gegenseitigen Unterstützung der Mitglieder geprägt. Mit dem Identitätsprinzip können gegensätzliche Marktpositionen wie Produzent und Konsument innerhalb einer Genossenschaft zusammenfallen.

Wie andere Akteure profitierten Energiegenossenschaften besonders in ihrer “Boomphase” vor etwa 10 Jahren von den günstigen Förderbedingungen, die damals durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz geschaffen wurde. Das EEG stellt seit dem Jahr 2000 das zentrale Steuerungsinstrument für den Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland dar und hat damit maßgeblichen Einfluss auf die Geschäftsfelder aller energiewirtschaftlichen Akteure. Anders als noch vor rund 10 Jahren sehen sich Energiegenossenschaften derzeit jedoch mit erschwerten Rahmenbedingungen konfrontiert. Diese ergeben sich insbesondere aus den zahlreichen Reformen des EEG. Der Gesetzgeber verfolgt seit einigen Jahren das Ziel, die Erneuerbare-Energien-Anlagen stärker in den Markt zu integrieren und damit die gesetzliche Förderung schrittweise zu verringern. Einhergehend wurden neue Marktmechanismen wie die verpflichtende Direktvermarktung oder die verpflichtende Teilnahme an Ausschreibungen eingeführt, wodurch die staatlichen Vergütungen nun wettbewerblich ermittelt werden. Von diesen Veränderungen des EEG sind auch die Energiegenossenschaften betroffen. Für diese bedeutet die verstärkte Marktorientierung, dass sie erhöhten Markteintrittsbarrieren, bürokratischem Aufwand sowie finanziellen Risiken gegenüberstehen. Für die in der Regel ehrenamtlich arbeitenden Energiegenossenschaften mit einer meist überschaubaren Anzahl von Projekten ist diese Entwicklung besonders kritisch.

Bei der jährlichen Befragung des Deutschen Genossenschafts- Raiffeisenverband (DGRV), die deutschlandweit durchgeführt wurde, kam heraus, dass ein Drittel der befragten Energiegenossenschaften zurzeit keine neuen Projekte plant. Dies ist besorgniserregend, da die finanzielle Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern eine wichtige Stütze einer erfolgreichen Energiewende mit breiter Akzeptanz ist. Sollte sich herausstellen, dass die Rahmenbedingungen für genossenschaftliche Aktivitäten bürgerschaftliches Engagement so erschweren, dass die Akteure selbst zu einer negativen Einschätzung über ihre Rolle in der Energiewende in der Zukunft gelangen, so wäre dies auch für NRW ein unvorteilhaftes Indiz.

Tätigkeitsbereiche und Geschäftsmodelle von Energiegenossenschaften in NRW
Ein Schwerpunkt in der Geschäftstätigkeit von Energiegenossenschaften bestand in der Vergangenheit grundsätzlich in der Finanzierung und dem Betrieb von Erneuerbaren-Energien-Anlagen (EE-Anlagen), wobei klassisch der Bau und Betrieb von Photovoltaik-Anlagen (PV-Anlagen) im Fokus lag. Die Vermarktung des Stroms kann ein zentraler Wert eines Geschäftsmodells sein, der auch in der Befragung erhoben worden ist. Hierbei stehen unterschiedliche Vermarktungsformen zur Verfügung, deren Umsetzung durch gesetzliche Vorgaben gesteuert wird. Seit der Einführung des EEG beschreibt das älteste Modell den Bezug der Einspeisevergütung, bei der die Anlagenbetreiber vom Netzbetreiber für jede eingespeiste Kilowattstunde Strom eine gesetzlich festgelegte Vergütung erhalten. Für Energiegenossenschaften war dieser meist risikoarme und planbare Vermarktungsweg ihres PV-Stroms für viele Jahre die erste Wahl.

Neben dem Bau und Betrieb von PV-Anlagen gibt es aber auch noch andere Geschäftsmodelle, denen Energiegenossenschaften grundsätzlich nachgehen können. Grob können die weiteren Geschäftsmodelle den Bereichen Wärme, Verkehr und Transport, Dienstleistungen und Kooperation zugeordnet werden. So können Energiegenossenschaften auch über andere Tätigkeiten wie beispielsweise den Betrieb eines Nahwärmenetzes oder einer E-Ladesäule Werte generieren. Diese Geschäftsmodelle wurden ebenfalls in der Befragung erfasst.

Status quo – Geschäftsmodelle Strom
Fast alle befragten Energiegenossenschaften sind im Geschäftsfeld Strom aktiv. Lediglich eine der Befragten fokussiert ausschließlich auf den Bereich Mobilität/Verkehr. Selbst originär im Wärmebereich aktive Energiegenossenschaften sind im Bereich Strom tätig. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf der Stromerzeugung und auf dem Stromvertrieb wie in Abbildung 1 dargestellt ist.

Abbildung 1: Aktivitäten im Bereich Strom © EnergieAgentur.NRW

Insgesamt 25 von 28 befragten Genossenschaften erzeugen mit Erneuerbare-Energien-Anlagen Strom. Knapp die Hälfte der im Strombereich aktiven Genossenschaften sind im Bereich Stromvertrieb aktiv und vertreiben in Kooperation mit einem Partner ein Ökostromprodukt (n=12). Insgesamt sind acht Genossenschaften sowohl in der Stromerzeugung als auch im Stromvertrieb aktiv. Auch wenn Energiegenossenschaften derzeit ihre Mitglieder nicht direkt mit Strom aus den eigenen Anlagen versorgen können (siehe Artikel Energy Sharing), bietet der Stromvertrieb derzeit eine Alternative, um dem genossenschaftlichen Identitätsprinzip nachkommen zu können. Somit können die Mitglieder dieser Genossenschaften sowohl Produzenten von EE-Strom sein, als auch Strom als Konsumenten beziehen.

Keine der befragten Genossenschaften weist Aktivitäten in den Bereichen Wasserstoff und Elektrolyse sowie im Stromnetzbetrieb auf. Dies könnte daran liegen, dass es sich bei Projekten im Wasserstoff- und Elektrolysebereich noch immer um innovative Herstellungsverfahren handelt und diese somit einen hohen Grad an Komplexität aufweisen, sowie ingenieurfachliches Know-How erfordern. Auch der Betrieb eines Stromnetzes ist wiederum mit viel Vorlaufzeit verbunden. Um Verteilnetze zu betreiben, müssen diese zunächst von der Genossenschaft im Zuge einer Konzessionsvergabe erworben werden.

Welche Vermarktungsformen die Genossenschaften für den erzeugten Strom verwenden, soll im Folgenden dargestellt werden. Da sich die Vermarktungswege je nach verwendeter Technologie und Anlagengröße stark unterscheiden können, werden sie getrennt voneinander betrachtet.

PV-Dachanlagen kleiner 100 kWp
Der Großteil der befragten Energiegenossenschaften erzeugt erneuerbaren Strom mittels PV-Anlagen, die eine maximale Leistung von bis zu 100 kWp aufweisen (n=21). Davon vermarkten 19 Befragte ihren Strom über die Einspeisevergütung. Sieben nutzen verschiedene Vermarktungswege, die jeweils unterschiedliche wirtschaftliche Vorteile mit sich bringen. Grundsätzlich sind Modelle, bei denen der Strom vor Ort vermarktet wird, wirtschaftlich am attraktivsten. Preisspielräume ergeben sich aufgrund entfallener Netzentgelte und Umlagen. Weitere Informationen zu den verschiedenen Vermarktungsformen sind hier zu finden.

Abbildung 2: Stromvermarktungsformen für PV-Aufdachanlagen bis 100 kWp © EnergieAgentur.NRW

Das Anlagenpachtmodell ist die zweithäufigste Vermarktungsform für PV-Dachanlagen bis 100 kWp mit acht Genossenschaften, die es umsetzen, dicht gefolgt von der Direktlieferung vor Ort, die von sechs Genossenschaften genutzt wird. Beim Anlagenpachtmodell verpachten Genossenschaften fertig gebaute PV-Anlagen zurück an beispielsweise eine Kommune, damit diese den Strom z. B. in einem städtischen Kindergarten vor Ort selber verbrauchen kann. Der Strombezug aus dem Netz kann dadurch mit kostengünstigerem Solarstrom verringert werden. Eine Voraussetzung ist hier, dass Betreiber der Anlage und Letztverbraucher des Stroms identisch sind. Bei der Direktlieferung vor Ort hingegen wird der Strom von der Genossenschaft an einen Abnehmer bspw. an eine Schule geliefert, ohne dass dabei das öffentliche Stromnetz genutzt wird. Eine Herausforderung bei dieser Stromvermarktung ist, dass Energiegenossenschaften verschiedenen Melde- und Informationspflichten sowie administrativen Pflichten nachkommen müssen. Wenn Strom an Dritte geliefert wird, gilt der Anlagenbetreiber als Energieversorgungsunternehmen (EVU) im Sinne des Energiewirtschaftsgesetzes und, soweit er Letztverbraucher beliefert, laut EEG auch als Elektrizitätsversorgungsunternehmen (EltVU).

Eine Sonderform der Direktlieferung vor Ort, bei der mehrere Mieter beliefert werden, sind die sogenannten Mieterstromprojekte. Seit dem EEG 2017 können solche Projekte unter bestimmten Voraussetzungen staatlich gefördert werden. Mieterstromprojekte wurden in der Größenordnung bis 100 kWp bisher nur von einer Genossenschaft realisiert. Die Schwierigkeiten bei diesen Projekten bestehen insbesondere in der wirtschaftlichen Tragfähigkeit und der Komplexität. Unter anderem ist es erforderlich, die gelieferten Strommengen für jeden Mieter über ein Messkonzept klar abzugrenzen. Bei Bestandsimmobilien geht dies oftmals mit erheblichen Investitionen einher. Für Genossenschaften, die ihre Projekte hauptsächlich in ehrenamtlicher Arbeit umsetzen, sind solche Vorgaben zudem nicht leicht zu erfüllen.

Innerhalb der Stromvermarktungsformen für PV-Dachanlagen kleiner 100 kWp dominiert in der befragten Stichprobe somit weiterhin die Einspeisevergütung. Das ist kein überraschendes Ergebnis, da viele Erzeugungsanlagen von Energiegenossenschaften bereits vor mehreren Jahren gebaut wurden, als noch der Großteil über die feste Einspeisevergütung vergütet wurde und diese Projekte wirtschaftlich tragfähig waren. Bis heute wurde noch nicht das Ende des Vergütungszeitraumes (20 Jahre zuzüglich Inbetriebnahmejahr) bei diesen Anlagen erreicht. Viele ältere Anlagen laufen somit weiterhin über die Einspeisevergütung, die sich bei neuen Projekten häufig nicht mehr wirtschaftlich umsetzen lässt.

PV-Dachanlagen zwischen 100 und 750 kWp
Als zweites Größensegment wird die Stromvermarktung von PV-Aufdachanlagen zwischen 100 und 750 kWp betrachtet.

Abbildung 3: Stromvermarktungsformen für PV-Aufdachanlagen zwischen 100 und 750 kWp © EnergieAgentur.NRW

Für die Stromvermarktung zeigt sich hier ein ähnliches Bild. Demgemäß ist der Bezug der Einspeisevergütung die am häufigsten genutzte Vermarktungsform. Allerdings betreiben grundsätzlich weniger Genossenschaften PV-Aufdachanlagen in dieser Größenordnung. Seit 2016 ist die geförderte Direktvermarktung für Anlagen ab 100 kWp verpflichtend. Deswegen ist es nicht verwunderlich, dass in diesem Größensegment mit fünf Genossenschaften häufiger diese Vermarktungsform genutzt wird als bei Anlagen unter 100 kWp. Die acht Genossenschaften, die eine feste Einspeisevergütung für PV-Dachanlagen über 100 kWp beziehen, haben ihre Anlagen noch vor der entsprechenden Gesetzesänderung in Betrieb genommen. Mieterstromprojekte in der Größenkategorie wurden bisher von keiner der befragten Genossenschaften umgesetzt. Eine wichtige Rolle spielen auch hier die gesetzlichen Förderbedingungen: Die Förderung über den Mieterstromzuschlag wird nur bis zu einer Anlagengröße von 100 kWp gewährt. Das Anlagenpachtmodell wurde in der Größenordnung von 100 kWp bis 750 kWp lediglich einmal umgesetzt. Auch dies ist kein überraschendes Ergebnis, da seit 2016 alle Anlagenbetreiber dieser Größenordnung den Strom bei Einspeisung in das öffentliche Netz, wie bereits beschrieben, direktvermarkten müssen.

Insgesamt wird deutlich, dass mit zehn Genossenschaften etwa 40 Prozent der Betreiber von PV-Aufdachanlagen (n=23) bisher keine Projekte in der Größenordnung über 100 kWp umgesetzt haben. Es ist davon auszugehen, dass viele Energiegenossenschaften noch immer die geförderte Direktvermarktung abschreckt, obwohl die Hürden hierfür nur unwesentlich höher sind als bei der Einspeisevergütung (nähere Informationen finden Sie in diesem Fachartikel zur Direktvermarktung).

PV-Freiflächenanlagen und Windenergieanlagen
Auch an die Umsetzung von PV-Freiflächenanlagen haben sich bisher wenige der befragten Genossenschaften gewagt. Lediglich zwei der 25 stromerzeugenden Genossenschaften betreiben Freiflächenanlagen in der Größenordnung über 750 kWp. Den Strom vermarkten sie über die Einspeisevergütung, die geförderte Direktvermarktung und über das Anlagenpachtmodell. Für das Größensegment unter 750 kWp im Bereich der Freiflächenanlagen betreibt nur eine Genossenschaft eine entsprechende Anlage, deren Strom sie über die geförderte Direktvermarktung vermarktet. Die erforderliche Baugenehmigung sowie die Ausschreibungspflicht für Anlagen größer 750 kWp, die 2017 im EEG eingeführt worden ist, sorgen dafür, dass Anlagen in dieser Größenordnung mit mehr Aufwand und Risiko zu planen sind.

Für die Stromvermarktung bei Windenergieanlagen Onshore gaben lediglich drei Genossenschaften Aktivitäten an. Alle drei Genossenschaften nutzen die Einspeisevergütung als Vermarktungsform und zusätzlich noch einmal die geförderte Direktvermarktung. Offshore-Windenergieanlagen werden von keiner der befragten Energiegenossenschaften betrieben.

Als Zwischenfazit ist festzuhalten, dass der Schwerpunkt der genossenschaftlichen Aktivitäten in NRW weiterhin in der Photovoltaik bei Dachanlagen kleiner als 100 kWp liegt.

Inbetriebnahme der letzten Stromerzeugungsanlage
Mit sinkenden Vergütungen, der Einführung der verpflichtenden Direktvermarktung und der Ausschreibungspflicht für größere Erneuerbare-Energien-Anlagen wurde es besonders für ehrenamtlich agierende Energiegenossenschaften zunehmend herausfordernder, neue Projekte zu realisieren. Anhand der Frage, wann die befragten Energiegenossenschaften ihre letzte Stromerzeugungsanlage in Betrieb genommen haben, kann hergeleitet werden, inwiefern es den Energiegenossenschaften gelungen ist, auch unter schwierigeren Rahmenbedingungen neue Projekte umzusetzen. Die Antworten der Befragten zeigen ein gemischtes Bild. Die Mehrheit (n=12) realisierte noch in den vergangenen zwei Jahren (2019 bis 2021) Erneuerbare-Energien-Anlagen und musste sich mit den geschilderten erschwerten Förderbedingungen des EEG auseinandersetzen.

Gleichzeitig gaben acht der Befragten an, schon seit mindestens 2012 keine neuen Projekte in Form von Stromerzeugungsanlagen umgesetzt zu haben. Somit ist rund ein Drittel der befragten Genossenschaften seit der EEG-Reform 2012 nicht mehr im Bau und Betrieb von EE-Anlagen aktiv. Es ist zu vermuten, dass die stärker fokussierte Marktintegration der erneuerbaren Energien eine Hürde für einen Teil der Energiegenossenschaften darstellt. Diese seit fast zehn Jahren inaktiven Energiegenossenschaften leben derzeit nur vom Bestand und es ist fraglich, ob und inwieweit sie zukünftig neue Projekte umsetzen werden. Es ist zu vermuten, dass ein großer Anteil derzeit bestehender Energiegenossenschaften nach der 20-jährigen Förderperiode seine Geschäftstätigkeit aufgeben wird, wenn nicht noch neue Geschäftsmodelle aufgegriffen werden.

Mit dem Ende der Förderperiode entsteht ebenfalls die Frage nach der weiteren Verwendung von Ü20-Anlagen. Hiermit sind Anlagen gemeint, die nach Ablauf der Förderung keine Vergütung mehr durch das EEG erhalten. Dies ist für Genossenschaften ebenfalls eine zentrale Herausforderung der Zukunft. Ende 2021 erhalten bereits vier PV-Anlagen mit einer kumulierten Leistung von 34 kWp in der befragten Stichprobe keine Förderung mehr über das EEG – Ende 2030 werden es laut unserer Befragung 33 Anlagen sein, die gemeinsam etwas mehr als 1 Megawatt an installierter Leistung aufbringen. Als offene Frage wurde ebenfalls abgefragt, welche Pläne die Genossenschaften für Anlagen haben, deren 20-jähriger Vergütungszeitraum ausläuft (n=14). Hier gab es ein breites Spektrum an Antworten, wobei acht Genossenschaften angaben, noch keine Pläne zu haben. Eine Genossenschaft gab an, die entsprechenden Anlagen in ein Grünstromprodukt bei den Stadtwerken integrieren zu wollen. Andere Genossenschaften gaben an, den Strom über die Direktvermarktung vermarkten zu wollen, während bei einer Genossenschaft die Kommune als Partner die Anlagen übernehmen würde. Auch ein Rückbau ist aufgrund entsprechender Klauseln in den Pachtverträgen laut zwei Genossenschaften nicht ausgeschlossen. Die individuellen Bedingungen vor Ort haben somit einen maßgeblichen Einfluss, welche Möglichkeiten Genossenschaften für den Weiterbetrieb von Ü20-Anlagen haben.

Status quo – Wenig Aktivitäten im Wärmebereich
Nur wenige der befragten Genossenschaften produzieren mit Erneuerbare-Energien-Anlagen Wärme. Lediglich zwei Genossenschaften gaben an, in der Wärmeerzeugung mit Hilfe von einem Biomasseheizwerk und einem Blockheizkraftwerk aktiv zu sein. Nur eine dieser Genossenschaften betreibt gleichzeitig auch ein Nahwärmenetz. Auch Dienstleistungen, die in Verbindung mit dem Wärmesektor stehen, spielen bei den befragten Energiegenossenschaften im Grunde keine Rolle. Nur eine Genossenschaft bietet ein Wärme-Contracting an.

Status quo – Geschäftsmodelle Verkehr und Transport
Im Bereich Verkehr und Transport sind ein Viertel der befragten Genossenschaften aktiv. Vier Genossenschaften bieten E-Car-Sharing an, fünf Genossenschaften betreiben Ladesäulen und davon betreiben zwei Genossenschaften beides. Obwohl Geschäftsmodelle in diesem Bereich erst seit wenigen Jahren in den Fokus von Energiegenossenschaften gerückt sind und die wirtschaftliche Umsetzung mit vielen Hürden verbunden ist, sind bereits ein nennenswerter Anteil der Befragten in diesem Bereich aktiv und stellen somit ihre Innovationsfähigkeit unter Beweis . Von den fünf Genossenschaften, die Ladesäulen betreiben, besitzen vier gleichzeitig eigene PV-Anlagen. Damit wäre zumindest theoretisch eine Sektorenkopplung, also die Verbindung zwischen Elektromobilität und der Stromerzeugung möglich. Dies wird bei einzelnen Genossenschaften bereits umgesetzt.

Partner und Vernetzung
Wie jedes andere Unternehmen brauchen auch Genossenschaften Partner, um ihre Gründung und Projekte erfolgreich zu realisieren. Gründungspartner waren für Genossenschaften in NRW häufig Kommunen oder Banken. Bei einem Viertel der befragten Genossenschaften ist die Kommune Gründungsmitglied. Es wurde auch sichtbar, dass Kommunen häufig die Gründung mitinitiieren und begleiten. Dies war bei insgesamt neun Genossenschaften der Fall. Kommunen sind häufig wichtige Partner, da sie entsprechende Flächen für PV-Aufdach- oder Freiflächenanlagen bereitstellen können. 17 Genossenschaften gaben an, die Kommunen würden sie durch die Bereitstellung von Flächen unterstützen. Außerdem haben Kommunen im Vergleich zu gewerblichen Partnern kein Insolvenzrisiko und sind aufgrund ihrer Langlebigkeit ideale Projektpartner für Genossenschaften, die ihre Projekte mit einer Laufzeit von meistens 20 Jahren planen und auslegen.

Abbildung 4: Rolle der Kommune als externer Partner © EnergieAgentur.NRW

Banken sind ebenfalls Partner von Energiegenossenschaften und unterstützen diese auf unterschiedliche Art und Weise. Fünf antworteten, dass Banken die Gründung mitinitiiert haben und ebenfalls bei ihnen Gründungsmitglied sind. Auch in der Öffentlichkeitsarbeit erhalten alle fünf Genossenschaften Unterstützung von diesen Akteuren. Wenn Banken den Gründungsprozess einer Genossenschaft mitinitiieren, werden sie häufig auch im Nachgang weiter in der Genossenschaft durch eine Mitgliedschaft aktiv bleiben. Neben diesen beiden klassischen Partnern werden Kooperationen auch mit Stadtwerken, Parteien, Hochschulen, anderen Energiegenossenschaften, privaten Dacheigentümern, Wohnungsbaugenossenschaften und Vereinen eingegangen. Als professionelle Akteure vor Ort könnten Stadtwerke angesichts der zukünftigen Herausforderungen Chancen bieten, gemeinsame Projekte umzusetzen. Bislang spielen Stadtwerke jedoch eine geringe Rolle bei den befragten Genossenschaften. Nur zwei Genossenschaften setzen bereits ein gemeinsames Stromprodukt mit Stadtwerken um. Die Kollaboration mit dem Akteur vor Ort kann sich jedoch für beide Seiten lohnen. Die Stadtwerke können durch die Mitglieder der Genossenschaft möglicherweise Neukunden gewinnen und umgekehrt kann die Genossenschaft im Stromvertrieb tätig sein.

Bei der Kooperation mit anderen Energiegenossenschaften stehen neben dem regelmäßigen Austausch auch gemeinsame Geschäftsaktivitäten im Vordergrund. Durch den gemeinsamen Einkauf oder Vertrieb von Anlagen und Komponenten können kooperierende Genossenschaften Skaleneffekte erreichen und günstiger wirtschaften. Diese Kooperationsform wurde jedoch nur von zwei Genossenschaften angeführt. Zwei weitere Genossenschaften gaben an, bei der Projektierung mit anderen zu kooperieren. Dabei konzentriert sich eine Genossenschaft beispielsweise auf die Akquirierung von Projekten in Form eines “Solarscoutings”. Insgesamt scheint die institutionalisierte Kooperation zwischen den befragten Genossenschaften in NRW bisher wenig ausgeprägt zu sein.

Auch die Mitgliedschaft in Dachgenossenschaften kann ein wichtiger Bestandteil der Vernetzung für Genossenschaften oder gar Bestandteil eines aktiven Geschäftsfeldes sein (Mehrfachnennung möglich, n=13). Unter einer Dachgenossenschaft wird eine Kooperationsform verstanden, bei der einzelne Genossenschaften als Mitglieder auf Dienstleistungen und Angebote ihrer Dachgesellschaft zurückgreifen können. In Deutschland gibt es mehrere Dachorganisationen für Energiegenossenschaften. Eine von ihnen ist die Bürgerwerke eG. Diese unterstützt ihre Mitglieder als Dienstleister beim Vertrieb von Bürgerstrom und Bürger-Ökogas. Die Bürgerwerke eG als Energieversorger bezieht ihren Strom zum Teil aus Solar- und Windenergieanlagen ihrer Mitgliedsgenossenschaften. Mit neun Mitgliedschaften bei der Bürgerwerke eG ist diese Dachgenossenschaft am häufigsten unter den Befragten vertreten. Damit wird das Geschäftsmodell Stromvertrieb wesentlich häufiger in Kooperation mit der Bürgerwerke eG als mit den örtlichen Stadtwerken umgesetzt. Als weitere Dachgenossenschaft wurde die Vianova.Coop eG von vier Energiegenossenschaften angegeben. Sie bietet verschiedene Dienstleistungen für E-Car-Sharing-Modelle an, sodass Mitglieder beispielsweise die Fahrtenbuchungsapp der Dachgenossenschaft verwenden können. Grundsätzlich unterstützt die Vianova.Coop eG ihre Mitglieder auch bei der Entwicklung eines lokalen Car-Sharing Angebots.

Interessanterweise weisen nur zwei Genossenschaften eine doppelte Mitgliedschaft in zwei verschiedenen Dachgenossenschaften auf. Auch über die Dachgenossenschaft zeichnet sich der Schwerpunkt für Aktivitäten im Strombereich ab, da Genossenschaften und Bürgerwerke über den Stromvertrieb miteinander kooperieren.

Professionalisierung
Wenn eine Genossenschaft Mitarbeitende gegen Lohn einstellt, dann kann dies als ein erstes Indiz auf eine gewisse Professionalisierung der Energiegenossenschaft gewertet werden. Auch in der Befragung wurden die Genossenschaften gebeten anzugeben, ob sie bereits bezahlte Kräfte beschäftigen. Neun Genossenschaften beschäftigen Personen in Form einer festen Anstellung. Bei der Hälfte der Genossenschaften sind zwei oder weniger Personen angestellt. Vollzeitstellen haben lediglich zwei Genossenschaften vorzuweisen, wobei eine hiervon sogar zehn Personen hauptamtlich beschäftigt. Dies ist auf jeden Fall eine interessante und wichtige Entwicklung, da die Nutzung von bezahlten Stellen möglicherweise neue Kapazitäten und Entwicklungspotenziale für die Energiegenossenschaften freisetzt. Gleichzeitig gaben knapp zwei Drittel der Genossenschaften jedoch an, dass die ehrenamtliche Arbeit in der Genossenschaft weiterhin als sehr bedeutsam eingestuft wird. Von einem Trend zur Professionalisierung wäre an dieser Stelle also noch verfrüht zu sprechen.

Rendite, Umsatz und Gewinn
Es wurden auch einige finanzielle Aspekte abgefragt. Beispielsweise die Renditeerwartung der Energiegenossenschaften bei der Planung und Umsetzung neuer Projekte. Hier hatten die Befragten die Möglichkeit, einen Prozentbereich anzugeben. Die durchschnittliche Renditeerwartung der befragten Genossenschaften liegt insgesamt zwischen 3,2 und 3,8 % (n = 23) für neue Projekte.

Abbildung 5: Mittelwerte der Renditeerwartung, inklusive Standartabweichungs-Whiskers © EnergieAgentur.NRW

Ein Beispiel: Im Vergleich lag die Rendite für eine PV-Anlage, deren Strom über die Einspeisevergütung vermarktet wird, im Jahr 2010 bei etwa 4,76 %. Für eine Windenergieanlage an Land, die 2009 in Betrieb genommen wurde, lag die Rendite bei 6,7 %. Deutlich wird hier, dass im Vergleich zur damaligen Zeit des genossenschaftlichen Booms die Renditeerwartung um knapp ein Prozent gesunken ist. Die Rendite unterscheidet sich auch je nach Projektart und der verwendeten Technologie zur Erzeugung erneuerbarer Energien. Die Bereitschaft der meisten Vorstände, Risikokapital einzusetzen, also Kapital in Projekte zu investieren, bei denen das eingesetzte Kapital verloren gehen kann, ist eher gering. Etwa zwei Drittel der Befragten haben eine sehr geringe oder geringe Bereitschaft Risikokapital in zukünftigen Projekten einzusetzen (n=26). Das bedeutet, dass die finanzielle Sicherheit und Planbarkeit weiterhin sehr wichtig für die Umsetzung neuer Projekte sind.

Genossenschaften können sich auch an Erneuerbare-Energien-Anlagen finanziell beteiligen, ohne deren Betreiber zu sein. Insgesamt tun dies bereits sieben der befragten Genossenschaften (n=25). Diese sieben Genossenschaften sind unter anderem an vier PV-Freiflächenanlagen mit einer Summe von 1.590.000 Euro (Median=42.500 Euro) beteiligt. Des Weiteren liegt lediglich eine finanzielle Beteiligung bei PV-Aufdachanlagen mit 178.000 Euro vor. Die finanzielle Beteiligung im Bereich der Windenergieanlagen fällt insgesamt höher aus. Drei Genossenschaften halten Beteiligungen an insgesamt 28 Onshore-Windenergie-Anlagen mit einem durchschnittlichen Wert von 462.750 Euro. Zwei weitere Genossenschaften sind einmal an einer und einmal an drei Offshore-Windenergie–Anlagen mit durchschnittlich 969.000 Euro finanziell beteiligt. Allgemein kann die finanzielle Beteiligung an weiteren Erneuerbare-Energien-Anlagen für Genossenschaften eine ergänzende Möglichkeit darstellen, die Energiewende aktiv voranzubringen und die eigenen finanziellen Mittel gewinnbringend einzusetzen.

Zukünftige Tätigkeitsbereiche von Energiegenossenschaften – Hemmnisse und Chancen
Für die Zukunft können sich die befragten Energiegenossenschaften ein breites Spektrum an verschiedenen Aktivitäten vorstellen. Der Großteil mit 21 Befragten möchte auch weiterhin in der Stromerzeugung tätig sein. Im Bereich Strom sehen zehn Genossenschaften das Geschäftsfeld Stromvertrieb als relevant an, sechs Genossenschaften stehen einem Stromspeicherbetrieb offen gegenüber und zwei weitere Genossenschaften können sich den Stromnetzbetrieb als Geschäftsaktivität vorstellen. Drei Genossenschaften sehen ebenfalls in Zukunft potenzielle Aktivitäten im Bereich Wasserstoff und Elektrolyse.

Als Stromvermarktungsformen möchten zehn der insgesamt 28 befragten Genossenschaften weiterhin den Bezug der Einspeisevergütung in Zukunft für Geschäftsaktivitäten nutzen. Daran wird die weiterhin starke Präferenz vieler Energiegenossenschaften ersichtlich, ein möglichst einfaches und grundsätzlich finanziell abgesichertes Geschäftsmodell umsetzen zu können. Andererseits muss diese Aussage eher als Wunsch anstatt als wirkliche Alternative interpretiert werden, da die Einspeisevergütung sukzessive sinkt und für die Mehrzahl der Projekte wirtschaftlich kaum noch tragfähig ist. Hier sind die individuellen Rahmenbedingungen dafür entscheidend, ob Projekte über die Einspeisevergütung weiterhin rentabel umgesetzt werden können. Die befragten Energiegenossenschaften möchten aber auch andere Formen der Stromvermarktung in Zukunft nutzen.

Abbildung 6: Potenzielle Stromvermarktungsformen in der Zukunft © EnergieAgentur.NRW

Insbesondere Aktivitäten im Bereich Mieterstrom und der Direktlieferung vor Ort (ohne Mieterstrom) stechen aus den Angaben hervor. Die geförderte Direktvermarktung scheint aus genossenschaftlicher Sicht weiterhin unattraktiv und wenig bedeutsam zu sein. Wenn Genossenschaften primär Anlagen kleiner als 100 kWp bauen, da sie hier eines ihrer Kerngeschäfte sehen, wird die geförderte Direktvermarktung im Größensegment über 100 kWp schlichtweg nicht relevant. So muss es nicht zwangsläufig an der geförderten Direktvermarktung selbst liegen, dass wenig Genossenschaft diese Stromvermarktungsform wählen.

Bei der Teilnahme an Ausschreibungen waren Genossenschaften bisher eher verhalten, da die zusätzliche Unsicherheit, ob das entsprechende Gebot einen Zuschlag bekommt, für die Projektumsetzung ein weiteres finanzielles Risiko darstellen kann. Auch in der Befragung gaben alle stromerzeugenden Genossenschaften an, bisher nicht an Ausschreibungen teilgenommen zu haben. Für die Zukunft können sich lediglich vier Genossenschaften vorstellen, an Ausschreibungen teilzunehmen. Aktivitäten im Wärmebereich können sich auch in Zukunft nur wenige Genossenschaften vorstellen. Vier Befragte gaben an, (auch) zukünftig in der Wärmeerzeugung tätig sein zu wollen. Der Betrieb eines Wärmenetzes wurde drei Mal angegeben, Gasvertrieb und Wärme-Contracting zweimal sowie einmal der Betrieb eines Wärmespeichers. Auch hier wird deutlich, dass zukünftige Geschäftsmodelle im Bereich Wärme wenig Popularität genießen.

Im Gegensatz zur Wärme scheint das Thema Mobilitätswende für zukünftige Geschäftsaktivitäten bei den Genossenschaften eine größere Rolle zu spielen. Neun Genossenschaften haben Interesse an E-Car-Sharing und sieben Genossenschaften haben Interesse an Ladesäulen und Wallboxen für Elektromobilität. Im Dienstleistungsbereich sehen Energiegenossenschaften potenzielle zukünftige Geschäftsfelder in der Energieberatung (5); das Beleuchtungs-Contracting und die Vermarktung von Herkunftsnachweisen (1) spielen nur eine marginale Rolle.

Im Vergleich zu einer Online-Befragung der Leuphana Universität Lüneburg aus dem Jahr 2018 decken sich die Ergebnisse der beiden Befragungen. Bereits 2018 konnten die Wissenschaftler ein großes Interesse am Mieterstrom feststellen, wobei die Themen Elektromobilität und Stromvertrieb ebenfalls in den Top drei landeten. Daraus kann geschlussfolgert werden, dass sich hinsichtlich der zukünftigen Interessen von Energiegenossenschaften in den letzten drei Jahren nichts geändert hat.

In der Mitgliedergewinnung sehen die Genossenschaften mäßige Chancen. Es zeigt sich aber auch, dass die eine Hälfte der Befragten positives Potenzial sieht, die andere Hälfte eher geringes. So werden die Chancen zur Mitgliedergewinnung sehr unterschiedlich wahrgenommen. Aktivere Genossenschaften schätzen ihr Potenzial zur Mitgliedergewinnung relativ positiv ein, wobei inaktivere Genossenschaften eine negativere Einschätzung abgeben. Auch solche Erkenntnisse sind bedenklich, da Genossenschaften aktiv zur Akzeptanzsteigerung von EE-Anlagen in der Bevölkerung beitragen.

Zukünftige Geschäftsmodelle bei denen Genossenschaften miteinander kooperieren sind für die Befragten ebenfalls interessant. Etwas mehr als ein Drittel kann sich vorstellen, Anlagen und Komponenten gemeinsam mit anderen Genossenschaften zu erwerben. Vor dem Hintergrund der teilweise pessimistischen Einschätzung im Rahmen der Gewinnung neuer Mitglieder kann so möglicherweise ein Konzentrationsprozess entstehen, bei dem weniger aktive Genossenschaften sich mit anderen Genossenschaften zusammenschließen, um neue Geschäftsfelder auszuloten. Ob es dabei zur Verschmelzung von Unternehmen kommen wird, bleibt abzuwarten.

Rolle der Bürgerenergie in der Zukunft
Auf die offene Frage “Wie schätzen Sie die Entwicklung Ihrer Bürgerenergiegenossenschaft in den nächsten fünf Jahren ein?” (n=21) gaben die befragten Energiegenossenschaften ebenfalls unterschiedliche Antworten. Hier zeigt sich, dass ein Drittel der Befragten Genossenschaften vom aktuellen Projektbestand lebt und wenig Hoffnung auf positive Entwicklungen in der Zukunft hat. Hingegen sieht ein Viertel ein moderates Wachstum und ist investitionsfreudig. Übrig bleibt etwas weniger als die Hälfte der Stichprobe, die sich weiterhin trotz der erschwerten Rahmenbedingungen innerhalb der Energiewende engagiert und versucht, positiv bis sehr positiv in die Zukunft zu blicken.

Ein ähnliches Bild zeigt sich auch bei der Frage nach der Rolle der Bürgerenergie für die Energiewende in den kommenden zehn Jahren (n=20). Auch hier teilt sich die Stichprobe in zwei Hälften, wovon die eine noch eine optimistische Einstellung vertritt und die andere Hälfte die Rolle der Bürgerenergie eher marginal sieht. Das Antwortspektrum reicht von “ist abhängig vom Ausgang der Bundestagswahl” über “aufgrund der aktuell hinderlichen rechtlichen Rahmenbedingungen leider eher gering” bis zu “sehr groß, es braucht viele Menschen und Projekte für die Energiewende”.

Fazit und Ausblick
Als Fazit kann festgehalten werden, dass der Tätigkeitsschwerpunkt von Energiegenossenschaften in NRW weiterhin beim Bau und Betrieb von PV-Aufdachanlagen kleiner 100 kWp liegt. Insgesamt werden nur vereinzelt größere PV-Freiflächenanlagen oder Windenergieanlagen von den befragten Energiegenossenschaften betrieben. Eine verhältnismäßig große Gruppe setzt seit mehreren Jahren sogar gar keine neuen Stromerzeugungsanlagen um. Dem gegenüber steht eine Gruppe aktiver Genossenschaften, die auch in den jüngsten Jahren neue Projekte realisieren konnte und die ihr Tätigkeitsspektrum in Zukunft ausweiten möchte. Die Energiegenossenschaften in NRW werden somit vermutlich sehr unterschiedlich auf die Herausforderungen der Zukunft reagieren. Dies zeigt vor allem die Vielzahl an verschiedenen Aktivitäten, an denen die befragten Genossenschaften Interesse zeigen. Als Schwerpunkt konnten hier weiterhin die Bereiche Stromerzeugung und Verkehr/Transport identifiziert werden, wobei ein besonderes Interesse an Mieterstromprojekten besteht. Es bleibt jedoch abzuwarten, wie viele Genossenschaften sich tatsächlich zutrauen, als Stromlieferant mit den entsprechenden Pflichten zu agieren und diese meist komplexen Projekte umzusetzen. Dies ist unter anderem eine Frage von zeitlichen Kapazitäten, die möglicherweise durch eine Professionalisierung, die sich bereits bei einigen Genossenschaften abzeichnet, stärker zur Verfügung stehen können. Wenig Beliebtheit erfreut sich weiterhin der Wärmebereich. Bisher gibt es nur einzelne Genossenschaften in NRW, die sich mit dem Thema befassen und auch für die Zukunft können sich nur wenige vorstellen, in dem Bereich aktiv zu werden.

Des Weiteren herrscht wenig Risikobereitschaft für Projekte, die nicht klar kalkulierbar sind. Falls die gesetzlichen Rahmenbedingungen für Energiegenossenschaften insbesondere im Strombereich noch weiter erschwert werden sollten, wird es für sie in Zukunft noch schwieriger, Projekte erfolgreich umzusetzen. Es braucht also neue Sicherheiten für die Bürgerenergie, auch wenn die Zeichen eher für eine stärkere Marktintegration der erneuerbaren Energien stehen.

Für Ü20-Anlagen haben viele Genossenschaften noch keine Pläne, allerdings wird das Thema bei vielen auch erst in den kommenden Jahren noch an Relevanz gewinnen. Dennoch sollten frühzeitig Optionen zum Weiterbetrieb entsprechender Anlagen in Betracht gezogen werden. So sollten Anlagen aufgrund fehlender Weiterbetriebsoptionen nicht pauschal wegfallen.

Abschließend kann festgehalten werden, dass die Genossenschaften in NRW die Energiewende weiterhin unterstützen möchten. Einige sind jedoch entmutigt und fragen sich, wie sie in Zukunft überhaupt noch Projekte umsetzen sollen. Andere wiederum versuchen, sich anzupassen und bereits neue Geschäftsfelder zu erschließen. Eine Tendenz zu mehr Kooperation untereinander konnte aus der Befragung ebenfalls ermittelt werden. Dennoch ergibt sich ein gemischtes Bild, dass die Notwendigkeit nach Veränderungen, sowohl was die Rahmenbedingungen als auch was die Aktivitäten von Genossenschaften angeht, noch einmal verdeutlicht.

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