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Energy Sharing: Wie das neue Konzept aussehen könnte

© Solarimo/Pixabay
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| Kira Crome |

Bürgerinnen und Bürger sollen Strom nicht nur gemeinsam erzeugen, sondern ihn künftig auch teilen können. Das sieht die europäische Erneuerbare-Energien-Richtlinie vor, die einen neuen Rechtsrahmen für die Bürgerenergie vorgibt. Wie das sogenannte „Energy Sharing“ in Deutschland konkret ausgestaltet werden könnte, stellt ein Impulspapier im Auftrag des Bündnis Bürgerenergie e.V. vor.

Autos, Bohrmaschinen, Gemüsegärten, Ferienhäuser – viele Dinge werden in der „Sharing Economy“ nicht mehr gekauft, sondern geteilt. Künftig soll das auch für Strom aus erneuerbaren Energien gelten. Möglich macht das eine Vorgabe der Europäischen Union. Die Erneuerbare-Energien-Richtlinie (RED II) definiert einen neuen Rechtsrahmen für Bürgerenergie-Konzepte, der in den einzelnen Ländern bis Juni 2021 umgesetzt werden muss. Damit sollen Bürgerinnen und Bürger, die Strom aus erneuerbaren Energien selbst erzeugen und nutzen wollen, neue Möglichkeiten erhalten, die lokale Energiewende voranzutreiben. Zum Beispiel: Strom nicht nur gemeinschaftlich erzeugen, sondern innerhalb einer Erneuerbaren-Energie-Gemeinschaft auch teilen und nutzen. „Energy Sharing“ heißt das Konzept.

Strom gemeinsam erzeugen – und teilen
„Energy Sharing macht erneuerbare Energien Menschen ohne eigene Erzeugungsanlage unmittelbar zugänglich“, erklärt Simone Peter, Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie, den Vorteil. Ganz neu ist der Begriff nicht. Wer ihn googelt, findet einige Anbieter, die den regionalen Bezug von dezentral erzeugtem regenerativem Strom ermöglichen. Ihre Konzepte unterscheiden sich nur graduell. Allen gemein ist die Limitierung durch die gegenwärtige Gesetzgebung. Bislang aber ist die Vermarktung von Strom aus einer Photovoltaik-Anlage auf dem eigenen Dach an den Nachbarn oder aus einer genossenschaftlich betriebenen Windenergie- oder PV-Freiflächenanlage an Verbraucher vor Ort mit vielen Auflagen verbunden.

Derzeit gibt es – grob eingeteilt – zwei Modelle: Verbraucher können selbst erzeugten Strom entweder aus einer eigenen Solar- oder Kleinwindanlage selbst verbrauchen oder von einem Energieversorger in der Region beziehen. Allerdings bietet derzeit nur die individuelle Eigenversorgung einen Anreiz, selbst erzeugten Strom profilgenau zu verbrauchen, kritisieren Energie- und Genossenschaftsverbände. Zudem werde der regenerativ erzeugte Strom aus EEG-Anlagen als Graustrom, also Strom unbekannter Herkunft, vermarktet und erst durch Zukauf von Herkunftsnachweisen wieder zu Ökostrom umdeklariert.

Das Energy Sharing, wie es die Europäische Union vorgibt, eröffnet einen neuen Weg: Bürgerenergie-Anlagenbetreiber und Energiegenossenschaften sollen ihre Mitglieder mit kostengünstigem Strom aus den eigenen Energieanlagen versorgen – ohne Umwege über den Stromgroßmarkt oder ein Energieversorgungsunternehmen und unter Inanspruchnahme des öffentlichen Netzes. So soll es möglich werden, Strom aus Erneuerbare-Energien-Anlagen in gemeinschaftlichem Besitz auch innerhalb der Gemeinschaft gemeinsam zu nutzen.

So verstanden, wäre Energy Sharing eine neue Form der dezentralen Stromversorgung vor Ort. Bis Juni 2021 sollen die EU-Mitgliedsstaaten diesen neuen vorgegebenen Ansatz in nationales Recht umsetzen. Wie Energy Sharing künftig ausgestaltet sein könnte und welche Voraussetzungen innerhalb der bestehenden energiewirtschaftlichen Regulatorik in Deutschland dafür geschaffen werden müssten, legt ein vom Bündnis Bürgerenergie e.V. (BEEn) beauftragtes Impulspapier zur Ausgestaltung des Energy Sharing dar.

Neue Dynamik für die Bürgerenergie?
Die neue Form soll der Energiewende in Bürgerhand mehr Möglichkeiten schaffen. Grundlage dafür sind laut der EU-Richtlinie sogenannte Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften (Renewable Energy Communities, kurz: RECs) oder Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften. Damit kommen künftig zu den heute schon bestehenden Stromversorgungsmöglichkeiten zwei weitere hinzu: Das gemeinschaftliche Nutzen von Strom und der Nachbarschaftsstromhandel. „Teilweise lassen sich diese Bezugsmöglichkeiten auch kombinieren. Für den Endverbraucher sollte dabei die Komplexität bei der Wahl des Strombezugs geringgehalten und hoch standardisiert werden“, heißt es in dem vom Analyseinstitut Energy Brainpool erstellten Impulspapier. Ein Stromverbraucher hätte dann vier Möglichkeiten zum Strombezug: Energy Sharing, Nachbarschaftsstromhandel und Eigenversorgung auf dezentraler Ebene und Grundversorgung bzw. einen Drittanbieter auf zentraler Ebene.

Damit diese neuen Möglichkeiten die Bürgerenergie beflügeln, lautet eine Forderung der Autoren: Gemeinschaftlich erzeugter und genutzter Strom müsse wirtschaftlich sein. Als Maßnahme benennt das Papier einen reduzierten Satz bei der EEG-Umlage, eine Befreiung von der Stromsteuer und einen reduzierten Arbeitspreis bei den Netzentgelten. Einkommensschwachen Haushalten soll der Beitritt in die Energie-Gemeinschaft durch Ratenzahlung oder niedrige Mindesteinlagen ermöglicht werden.

Energieversorgung wird bürgernäher
Die Vorteile des Konzepts: Energy Sharing setze Anreize, möglichst viel des gemeinsam erzeugten Stroms auch vor Ort zu nutzen, argumentieren die Autoren des Papiers. So würden die Netze entlastet und der Ausbau der erneuerbaren Energien beschleunigt. Der neue Ansatz erhöhe die Identifikation der Bürger mit ihrer Stromversorgung und könne eine neue Dynamik für die Energiewende auslösen. „Beispielsweise lässt sich damit die lokale Akzeptanz von Windenergieprojekten stärken“, ist Marcel Keiffenheim, Aufsichtsrat im BBEn und Leiter Politik und Kommunikation bei Greenpeace Energy eG überzeugt. „Die Anwohnerinnen und Anwohner können sich am Park beteiligen – und günstigen Ökostrom direkt aus den Anlagen erhalten.“

Auch der Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverband (DGRV) unterstützt das Impulspapier. „Unsere Energiegenossenschaften wollen ihre Mitglieder mit kostengünstigem Strom aus den eigenen Energieanlagen versorgen“, sagt Andreas Wieg, Leiter Bundesgeschäftsstelle Energiegenossenschaften beim DGRV. Deswegen sei die Umsetzung des Energy Sharing-Konzepts ein Kernanliegen auch der Energiegenossenschaften bei der Umsetzung des EU-Energiepakets.