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Energiewende? Ja, aber bitte fairer umgesetzt

© IASS

| Kira Crome |

Der Klimawandel sorgt die Menschen in diesen Tagen mehr als die Pandemie. Die Energiewende findet Umfragen zufolge nach wie vor Rückhalt bei Bürgerinnen und Bürgern. Acht von zehn Menschen in Deutschland unterstützen den Ausbau erneuerbarer Energien. Das zeigt das dritte Soziale Nachhaltigkeitsbarometer. Allerdings sind mehr als zwei Drittel der Befragten mit der Umsetzung unzufrieden.

Ein Blick in die Statistiken zeigt: Die Energiewende hat sich in vielen Bereichen positiv entwickelt. In diesem Jahr wurde in den ersten drei Monaten erstmals mehr Strom aus erneuerbaren Energien ins Netz gespeist als aus fossilen Energieträgern, meldete das Statistische Bundesamt. Die CO2-Emissionen in Deutschland sind mit der sinkenden Kohleverstromung im letzten Jahr um über 50 Millionen Tonnen gesunken, hat die Denkfabrik Agora Energiewende errechnet. Die überwiegende Mehrheit der Menschen in Deutschland befürwortet die politischen Ziele der Energiewende, zeigen Umfragen immer wieder. Auch angesichts der enormen Herausforderungen, die Kontaktbeschränkungen und Hygieneschutz zeitigen, sind sich 60 Prozent der Bürgerinnen und Bürger sicher, dass die Auswirkungen des Klimawandels langfristig gesehen gravierender sein werden als die der Corona-Pandemie. Das hat der Umweltmonitor der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) ergeben. 78 Prozent der Befragten finden es wichtig, den Ausbau der erneuerbaren Energien jetzt verstärkt voranzutreiben. „Die Menschen haben ein gutes Gespür dafür, dass konsequentes Engagement für den Klimaschutz keinen Aufschub duldet“, sagt DBU-Generalsekretär Alexander Bode zu den Ergebnissen.

Der Blick in die Wissenschaft zeigt: Die Klima-Krise ist kein hypothetisches Szenario mehr. Das arktische Meereis ist in diesem Jahr schon jetzt weiter abgeschmolzen als zu dieser Jahreszeit je zuvor gemessen wurde. Der Zyklon Amphan, der im Mai über Indien und Bangladesch hinweggefegt ist, war einer der heftigsten Wirbelstürme, die in der Region je gemessen wurden. Vor wenigen Tagen warnte die Weltwetterorganisation in Genf vor einem neuen Dürresommer auf der Nordhalbkugel in diesem Jahr. Gelingt es nicht, die Erderwärmung aufzuhalten, drohen weltweit Folgen bislang ungekannten Ausmaßes, fürchtet die Klimaforschung.

Die Klimakurve abflachen

Die Energiewende ist eine zentrale Säule des deutschen Klimaschutzes. Acht von zehn Menschen unterstützen laut dem aktuellen Sozialen Nachhaltigkeitsbarometer der Energiewende 2019 die Idee der Energiewende als Gemeinschaftswerk und den Ausbau der erneuerbaren Energien. Es wird federführend vom Institut für Transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam seit 2017 erhoben. Zum dritten Mal in Folge wurden dafür über 6.500 Bürgerinnen und Bürger in Deutschland repräsentativ zu ihren Einstellungen, Erfahrungen und Präferenzen der Energiewende befragt. Die allgemeine Zustimmung zur Energiewende und zum Klimaschutz (82 %) ist demnach um 2 Prozentpunkte (PP) gegenüber dem Vorjahr gestiegen.

Laut der Umfrageergebnisse wollen die Menschen mehrheitlich mehr Windenergie an Land (51 %, +5 PP gegenüber Vorjahr), befürworten einen Ausbau der Erdwärmenutzung (78 %, +4 PP) und von Solaranlagen auf Hausdächern (85 %, +4 PP). Auch die Freiflächen-Photovoltaik (63 %, +19 PP seit 2017) findet wachsenden Rückhalt im Vergleich zu den Vorjahren. Fast zwei Drittel der Befragten unterstützen den Kohleausstieg. Mehr als die Hälfte ist prinzipiell bereit, für den Klimaschutz höhere Energiekosten zu tragen und Maßnahmen zu akzeptieren, die einen effektiven Beitrag zur Emissionsminderung und einem nachhaltigen Klimaschutz leisten.

Allerdings vertreten die Menschen klare Ansichten darüber, wie die Mehreinnahmen aus einem CO2-Preis zu verwenden seien: 60 Prozent lehnen es demnach ab, dass die Mittel in den Bundeshaushalt fließen, aber auch eine Rückzahlung an die Bürgerinnen und Bürger werde eher skeptisch gesehen. Die deutliche Mehrheit (73 %) spricht sich dafür aus, dass die Einnahmen für Investitionen in ein klimafreundliches Verkehrssystem und den Ausbau von erneuerbaren Energien investiert werden.

Neuer Trend: Kritik an der Umsetzung der Energiewende wächst

Zugleich aber wächst die Kritik an der Umsetzung der Energiewende. Im Vergleich zu den Vorjahren haben sich die Einschätzungen bei den übrigen Bewertungskriterien wie Kosten, politische Planung, Gerechtigkeit und Bürgernähe teilweise deutlich verschlechtert. Deutlich mehr Menschen als vor zwei Jahren bezeichnen die Energiewende als „teuer, chaotisch, ungerecht sowie elitär“. Insgesamt sind mehr als zwei Drittel der Befragten mit der Energiewendepolitik der Bundesregierung unzufrieden. Besonders fällt den Forschern auf, wie gering die Befragten ihre eigenen Mitwirkungsmöglichkeiten einschätzen. Drei Viertel (75 %) haben den Eindruck, dass ihnen bei dem, was die Regierung zur Energiewende entscheidet, in nur ungenügendem Maße eine Mitsprachemöglichkeit geboten wird.

Die wachsende Diskrepanz zwischen allgemeiner Fürsprache und Kritik an der Umsetzung des Jahrhundertprojekts überrascht selbst die Forscher. „Vergleichbares erleben wir bei Befragungen sehr selten“, sagt Ortwin Renn, wissenschaftlicher Direktor am IASS. „Wir können uns dies nur so erklären, dass die Menschen zu den politischen Akteuren zunehmend geringeres Vertrauen haben.“ Erwartet werde ein rasches, zielgerichtetes und sozial gerechtes Vorgehen sowie bessere Möglichkeiten der Mitsprache und Teilhabe an energiepolitischen Entscheidungen, fassen die Autoren die Erkenntnisse zusammen.

Interaktives Onlinetool bietet tiefere Einsichten in die Umfragedaten

Wie sich die Daten des Sozialen Nachhaltigkeitsbarometers der Energiewende „lesen“ lassen, zeigt ein interaktives Onlinetool. Darin sind die Ergebnisse der letzten drei Umfragejahre in fünf Kategorien mit zahlreichen Unterpunkten sehr differenziert – beispielsweise nach Haushaltsgröße, Bildungsstand, Wohnform oder Einkommensverhältnissen – dargestellt. In über 30 Einzelfragen wird danach gefragt, wie Energiewende und Klimapolitik allgemein und die Maßnahmen zur Umsetzung im Besonderen bewertet werden. Ausgelotet werden auch die persönliche Betroffenheit, das Verhalten und die Beteiligung an der Energiewende. Ergänzt wird das Tableau durch soziodemographische Daten.

Zum Beispiel lässt sich für den Aspekt „Mitsprachemöglichkeit“ nachvollziehen, wie die Befragten ihre Einflussmöglichkeiten auf Planungen von Energiewende-Projekten einschätzen – und wie sich soziodemographische Bedingungen wie Bildungsstand, Einkommenshöhe oder Wohnform ausprägen.

© IASS / dynamis 2020

Wie denken die Menschen in den Bundesländern?

Wie die Einschätzungen in den verschiedenen Bundesländern Deutschlands ausgeprägt sind, zeigt die geografische Verteilung der Daten an. Gefragt nach der Bereitschaft, sich an einer Unterschriftensammlung, einer Protestaktion oder einer Bürgerinitiative gegen geplante Windenergieprojekte im Wohnumfeld zu beteiligen, zeigt sich: Mehr als die Hälfte der Haushalte kann sich eigene Protestaktionen gegen geplante Windenergieanlagen (eher) nicht vorstellen (55 %) – eine Zunahme von acht Prozentpunkten gegenüber 2018. Der Anteil liegt jedoch noch fünf PP unter dem Niveau von 2017. Ob sich Windenergieanlagen im Wohnumfeld befinden, hat dabei keinen negativen oder positiven Einfluss auf die Haltung. Annähernd zwei von drei der Befragten (62 %) sprechen sich gegen pauschale Mindestabstände von Windenergieanlagen aus und fordern die Berücksichtigung standortspezifischer Gegebenheiten.

© IASS / dynamis 2020