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„Die Energiewende braucht positive Emotionen“: Interview mit Professorin Gundula Hübner

Prof. Dr. Gundula Hübner © Silke Reents

| Kira Crome |

In der Diskussion um den Ausbau erneuerbarer Energien vor Ort wird oft mehr Sachlichkeit gefordert. Was dahinter steckt, wenn im Zuge von Planungsverfahren die Emotionen hochkochen und welche Rolle negative und positive Emotionen bei der Energiewende spielen, erklärt Professor Dr. Gundula Hübner im Interview. Die Akzeptanzforscherin ist Sozialpsychologin an der MSH Medical School Hamburg und leitet die Arbeitsgruppe Gesundheits- und Umweltpsychologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. In zahlreichen Projekten forscht sie mit ihrem Team zur Akzeptanz und zu Stresswirkungen von Windenergieanlagen. Die Langzeitstudie zum Bürgerwindpark Wilstedt gilt als eine der umfassendsten Untersuchungen ihrer Art zur Akzeptanz erneuerbarer Energien.

EnergieAgentur.NRW: Wie wir zu einem Windpark oder einem geplanten Erneuerbare-Energien-Projekt stehen, hat viel mit Gefühlen zu tun. Welche Rolle spielen Emotionen bei der Energiewende?

Gundula Hübner: Der Mensch ist kein allein rational handelndes Wesen. Bei unseren Entscheidungen und Handlungen werden wir bewusst oder unbewusst von unseren Gefühlen geleitet. Emotionen können positiv und negativ sein. Das Interessante ist: Sie motivieren uns, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Auf die Energiewende übertragen bedeutet das, der Ärger über ein geplantes Projekt oder die Angst vor gesundheitlichen Auswirkungen einer neuen Windenergieanlage motiviert zu Ablehnung oder Widerstand. Weil wir verständlicherweise negative Konsequenzen und Bedrohungen vermeiden wollen. Genauso wirken sich positive Emotionen, also Freude oder Stolz – zum Beispiel über das gemeinsame Tun in einem Bürgerenergieprojekt oder auf den Beitrag zum Klimaschutz – darauf aus, wie wir uns zu einem Projekt stellen. Allerdings sehen wir in Umfragen und Forschungsprojekten, dass positive Emotionen kaum ausgeprägt sind. Die Mehrheit ist eher neutral eingestellt.

Woran liegt das?

Das hat auch etwas mit der Intensität von erlebten Emotionen zu tun. Welche Art von Emotion wie stark erlebt wird, hängt davon ab, wie wir ein geplantes Projekt wahrnehmen und bewerten. Weil diese kognitive Bewertung von unseren Einstellungen und Vorerfahrungen abhängt, kann dieselbe Situation ganz unterschiedliche Emotionen auslösen. Der eine findet die neue Windenergieanlage am Ortsrand abstoßend, die andere sieht darin sachlich und emotional neutral einen Beitrag zum Klimaschutz. Warum Gegner von Erneuerbare-Energien-Projekten stärker aktiv sind als Befürworter, hängt mit der Stärke von negativen Emotionen zusammen. Und wir wissen aus der psychologischen Forschung, dass Menschen Verluste stärker gewichten als gleichwertige Gewinne. Das heißt, empfundene Verluste schmerzen uns mehr und motivieren entsprechend stark.

Wenn Erneuerbare-Energien-Projekte zwar vom Kopf her positiv bewertet, aber kaum mit motivierenden Emotionen verbunden werden, bleiben Befürworter und Befürworterinnen von Erneuerbare-Energien-Projekten eher eine „stille“ Mehrheit?

Ich vermute, das liegt auch daran, dass die positiven Wirkungen der erneuerbaren Energien für den Klimaschutz kaum direkt wahrnehmbar sind. Wir können sie nur schwer erfassen, weil sie so abstrakt sind. Indirekte Beiträge erneuerbarer Energien zum Klimaschutz sind nicht ohne Weiteres belegbar und basieren überwiegend auf Szenarien. Negativ erlebte Wirkungen – wie Veränderungen im Landschaftsbild, Geräusche von Windenergieanlagen oder ein tot aufgefundener Vogel unter einem Windrad – sind dagegen unmittelbar wahrnehmbar. Hinzu kommt, dass der direkte Nutzen häufig nicht deutlich wird. Meines Erachtens ist bislang viel zu wenig getan worden, um positive Emotionen zu fördern. Es fehlt an motivationaler Kraft, sich stärker für erneuerbare Energien einzusetzen und Zukunftshoffnung damit zu verbinden

Aber lassen Sie mich an dieser Stelle auch deutlich machen: Bedenken und Beschwerden, die gegen Windparks vorgebracht wurden, sind nicht per se negativ, sondern können berechtigt sein. So haben Beschwerden über Schattenwurf, Geräusche oder auch die blinkenden Lichter der Hinderniskennzeichnung zu genehmigungsrechtlichen und technischen Verbesserungen geführt. Es geht bei der Energiewende auch darum, dass wir die Dinge miteinander weiterentwickeln – unter Beteiligung der Anwohnerinnen und Anwohner von Windenergieanlagen, denn sie haben mehr Alltagserfahrungen mit den Anlagen in ihrer Heimat als andere.

Warum entfaltet der Ausbau erneuerbarer Energien so wenig motivierende Kraft?
Wir finden in unseren Befragungen nur wenige, die sagen, ich bin stolz auf die Anlagen hier. Warum? Weil die Menschen kognitiv, also vom Verstand her, dafür sind, sich aber damit nicht verbunden fühlen. Positive Emotionen entstehen dann, wenn Menschen sich mit einem Erneuerbare-Energien-Projekt identifizieren können. Wenn sie sehen, dass der Nutzen nicht woanders hinfließt, sondern vor Ort bleibt oder wenn sie in die Planung einbezogen werden und Gestaltungsmöglichkeiten haben. Unsicherheiten, die mit geplanten Projekten verbunden sind, lösen negative Emotionen aus, die noch verstärkt werden, wenn die Planungsverfahren als ungerecht oder Informationen als einseitig wahrgenommen werden.

Wir wissen, dass wir bei unseren Entscheidungen auch auf unseren Körper hören. Das Gehirn nimmt unser Körperempfinden wahr und hilft uns beim Denken, indem es Vorentscheidungen trifft, ohne dass wir uns darüber bewusst sind und uns damit in eine bestimmte Richtung drängt. Welche Rolle spielt das Empfinden von störenden Geräuschen auf die negative oder positive Einstellung zu Windenergieanlagen?

Wir untersuchen in unseren Studien, wie viele Menschen sich überhaupt gestört oder belästigt fühlen. Um starke Belästigungen zu verstehen und zu erfassen, arbeiten wir mit stresspsychologischen Konzepten. Wir fragen zuerst: Hören Sie den Windpark? Dann: Wie stark fühlen Sie sich durch die Geräusche belästigt? Und schließlich: Führt das zu einer seelischen oder körperlichen Reaktion? Das ist für uns der entscheidende Punkt. Gibt jemand eine seelische oder körperliche Stressreaktion in Zusammenhang mit der Windenergieanlage an, untersuchen wir weiter, welche Symptome jemand hat, die mindestens einmal im Monat auftreten. Dazu gehören gedrückte Stimmung und Gereiztheit genauso wie Einschlafprobleme, Durchschlafschwierigkeiten oder Konzentrationsschwächen. Unsere Erfahrung zeigt: Wenn man so fragt, fühlen sich die Menschen ernst genommen.

Und wie antworten die Menschen darauf?

Sehr ehrlich. Im Falle des Bürgerwindparks Wilstedt konnten wir ermitteln, dass sich zunächst 10 Prozent der Befragten belästigt fühlten und Stressreaktionen berichteten. Dann konnten wir die Ursache für das Geräusch gemeinsam mit einer Bürgerinitiative ermitteln. Es handelte sich um schwach hörbare, langsam schwankende Geräuschpegel, die aber dennoch störten. Nachdem wir gemeinsam die Ursache ermitteln konnten, nahmen die Sorgen um die Geräusche und damit auch die erlebte Belästigung ab. Inzwischen, nachdem auch sogenannte Hinterkantenprofile an den Rotorblättern zur Geräuschminderung angebracht wurden, sind es unter fünf Prozent, die mindestens einmal im Monat starke Belästigung erleben.

Wie erklären Sie diesen Rückgang?

Der erste Punkt ist: Wenn man Betroffenen sagt, es kann keine Probleme geben, da die Immissionsschutzwerte eingehalten werden, fühlen sie sich im Stich gelassen und bleiben in Sorge. Wir haben die Betroffenen Tonaufnahmen machen lassen, sie in die Ursachenforschung einbezogen. So bestand gegenseitiges Vertrauen und volle Transparenz – und ohne die Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger sind derartige Analysen nicht möglich. Der zweite Punkt ist: Wir sind den Beschwerden nachgegangen und haben mithilfe von umfangreichen Befragungen sowie Schallmessungen nach Zusammenhängen gesucht. Mit dem Ergebnis, dass wir im Fall Wilstedt hörbaren Schall als eine Ursache gefunden haben, der zwar stören kann, aber nicht die Gesundheit schädigt.

Entscheidend aus meiner Sicht ist: Wir konnten mit der Wilstedter Studie, die erste Langzeitstudie dieser Art, überhaupt erstmal eine Diagnostik für die Problematik entwickeln. Das ist ein großer Fortschritt, weil die gewonnenen Erkenntnisse nicht nur den Menschen helfen, sondern auch dazu beitragen, Wirkungszusammenhänge aufzuzeigen. Dazu gehört auch maßgeblich der Planungsprozess.

Was können planende Kommunen tun, um positive Einstellungen bei den Menschen vor Ort zu verstärken?

Zum einen: Vertrauen in die lokalen Akteure ist zentral. Deshalb braucht es Beteiligungsprozesse, die bereits in informellen Schritten auf Dialog, Austausch und Mitwirkung setzen. Leider haben Behörden und Verwaltungen oft gar nicht die Ressourcen und das Personal dafür. Hinzu kommt: Nicht allen ist bekannt, welche technischen Möglichkeiten – wie das Schattenwurfmodul – eingesetzt werden müssen, um Immissionen noch stärker zu mindern, oder eingesetzt werden können – wie die bedarfsgerechte Hinderniskennzeichnung etwa oder die bereits erwähnten Rotorblatthinterkantenprofile. Diese Möglichkeiten sollten selbstverständlich durch die Planenden vermittelt und angeboten werden. Positive Emotionen entstehen aber auch, wenn wir als Bürgerinnen und Bürger selbst etwas bewirken können, stolz darauf sind, was in unserem Ort, unserer Heimat passiert. Denken Sie an die 100-Prozent-Erneuerbare-Energien-Kommunen oder an Bürgerenergieprojekte.

Welche Ansatzpunkte gibt es noch, um motivierende Emotionen zu erzeugen?
Zum anderen müssen die indirekten Wirkungen von geplanten Erneuerbare-Energien-Projekten sichtbarer gemacht werden. Erneuerbare Energien werden in Umfragen mehrheitlich eher positiv bewertet. Aber sie werden kaum mit positiven Emotionen verbunden. Deshalb muss viel deutlicher vermittelt werden, was der kollektive Nutzen ist. Bei der Solarenergie zeigt sich zum Beispiel gerade, wie Freiflächenanlagen zur Förderung der Artenvielfalt beitragen können. Um solche positiven Wirkungen herauszustellen, ist auch eine bessere mediale Aufbereitung gefragt. Wie das bei Windenergieanlagen gehen kann, werden wir in einem neuen Forschungsprojekt, gefördert durch das Bundesamt für Naturschutz, gemeinsam mit dem Nabu, dem BUND, Landschaftsplanern und Kollegen von anderen Universitäten untersuchen. Das ist ein erster Schritt, um in einer interdisziplinären Zusammenarbeit herauszufinden, wie es gelingt, die indirekten positiven Wirkungen griffig zu vermitteln und eine Breitenwirkung zu schaffen.

Schließlich ist es wichtig, dass lokale Projekte in einen größeren Zusammenhang gestellt werden und dass dieser Zusammenhang als sinnhaft wahrgenommen wird. Und bei der Umsetzung der Energiewende müssen den Menschen vor Ort erlebte Nachteile und ausgleichende Vorteile gegenübergestellt werden – es geht um Gerechtigkeit, wie Kosten und Nutzen verteilt werden. Durch Beteiligungsmöglichkeiten, durch Mitgestaltung und durch das Wissen um indirekte positive Wirkungen der Projekte.

Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person

Prof. Dr. Gundula Hübner ist als Professorin für Sozialpsychologie an der MSH Medical School Hamburg tätig und leitet die Arbeitsgruppe Gesundheits- und Umweltpsychologie am Institut für Psychologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Sie ist Sprecherin der Fachgruppe Umweltpsychologie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie und Mitglied der Task 28 zur sozialen Akzeptanz der Windenergie der Internationalen Energieagentur. Im Fokus ihrer wissenschaftlichen Arbeit steht die Forschung zur Akzeptanz erneuerbarer Energien und zur Stresswirkung von Windenergieanlagen.