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Der Klimaschutz, die Energiewende und wir

© pixel2013/Pixabay
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| Kira Crome |

Die Coronavirus-Pandemie reduziert den Energieverbrauch und damit den Ausstoß von Treibhausgasen. Schon letztes Jahr gingen die Emissionen deutlich zurück. Trotzdem bleibt das Ziel für Deutschland, bis 2050 nahezu klimaneutral zu sein, eine Herausforderung. Dabei wäre der Umbau der Energieversorgung aus technischer und systemischer Sicht kein Problem, sagen Experten des Fraunhofer Instituts für Solare Energiesysteme. Ob die Energiewende gelingt, hängt laut ihrer Studie vor allem davon ab, ob und in welchem Maße die Deutschen den Wandel mittragen und mitbetreiben.

Die Energieverbräuche gehen in diesen Tagen spürbar zurück. Vor allem die Nachfrage aus der Industrie nach Strom und Erdgas sinkt. Seit Mitte März fahren deutlich weniger Autos auf den Straßen. Die aktuelle Pandemie hat sinkende CO2-Emissionen im Gepäck. Klimapolitisch profitiert Deutschland zudem von dem milden Winter 2019/20. Es wurde weniger geheizt, während die Winterstürme für mehr Stromerträge aus der Windenergie gesorgt haben. Beide Effekte – Corona-Folgen und Winterwetter – werden laut einer Analyse der Denkfabrik Agora Energiewende dazu führen, dass Deutschland das Klimaschutzziel für dieses Jahr im Vergleich zum Referenzjahr 1990 erreicht. „Wir gehen aktuell davon aus, dass der Rückgang der Emissionen bei 40 bis 45 Prozent liegen könnte“, sagt Patrick Graichen, Direktor von Agora Energiewende. Damit würde die Zielmarke für 2020 erreicht.

Schon im vergangenen Jahr sind die CO2-Emissionen in Deutschland nach Berechnungen des Umweltbundesamtes deutlich gesunken: um 35,7 Prozent im Vergleich zu 1990. Die größten Fortschritte gab es in der Energiewirtschaft. Sie erbrachte den mit Abstand größten Minderungsbeitrag von fast 51 Millionen Tonnen CO2. Das sind 16,7 Prozent weniger als im Jahr 2018. Allerdings: Was nach Erfolg klingt, ist kein nachhaltiger Trend.

Klimaexperten sprechen mit Blick auf die CO2-Einsparung infolge der Corona-Krise von einem Einmaleffekt. „Dies ist per se keine gute Nachricht für den Klimaschutz“, sagt Graichen. „Denn zum einen werden die Emissionen nach der Krise wieder hochschnellen, zum anderen dürfte es nun zu Zurückhaltung bei klimaschutzrelevanten Investitionen kommen.“ Der Präsident des Umweltbundesamtes, Dirk Messner, warnte mit Blick auf die Treibhausgasbilanz 2019 davor, den rückläufigen Trend als langfristigen Gewinn zu werten: „Wir wissen aber auch, dass wir uns vor allem bei den erneuerbaren Energien auf den Lorbeeren der letzten 20 Jahre ausruhen. Wir müssen wieder deutlich mehr Windenergieanlagen installieren, daran führt kein Weg vorbei, um Kohlestrom zu ersetzen, der vom Netz geht.“

Bis 2030 will Deutschland seine Emissionen laut Klimaschutzgesetz um mindestens 55 Prozent mindern. Bis 2050 soll die Energieversorgung nahezu klimaneutral sein. Dafür müssten die energiebedingten CO₂-Emissionen bis zum Zieljahr zwischen 95 und 100 Prozent sinken. Aus technischer und systemischer Sicht wäre das machbar, sagen Experten vom Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme (ISE). Sie haben jüngst die künftigen Entwicklungspfade des deutschen Energiesystems untersucht. Ob die Energiewende gelingt, hängt laut ihrer Szenario-Analyse vor allem davon ab, ob und in welchem Maße die Deutschen den Wandel mittragen und mitbetreiben.

Vier Szenarien: Beharrung, Inakzeptanz, Suffizienz, Referenz
Aufwand und Kosten der Energiewende hängen maßgeblich von den Rahmenbedingungen ab, die von Verhalten und Einstellungen der Gesellschaft geprägt werden. So lautet die Ausgangsthese der Wissenschaftler. Um die Entwicklungspfade der Energiewende bis 2050 zu simulieren, entwarfen sie vier verschiedene Szenarien. Das Szenario „Beharrung“ geht von der Annahme aus, dass im Privatbereich starke Widerstände gegen den Einsatz neuer Techniken herrschen. Das Szenario „Inakzeptanz“ rechnet dagegen mit einem starken Widerstand gegen den Ausbau großer Infrastrukturen. Dem Szenario „Suffizienz“ liegt zugrunde, dass gesellschaftliche Verhaltensänderungen den Energieverbrauch deutlich senken. Diese unterschiedlichen Annahmen haben die Wissenschaftler mit einem sogenannten Referenz-Szenario verglichen, bei dem die Zielerreichung weder gefördert noch erschwert wird.

Versorgungssicherheit bleibt gewährleistet
Die Berechnungen zeigen: „Trotz eines sehr hohen Anteils fluktuierender erneuerbarer Energien für die Strombereitstellung in jeder Stunde und in allen Verbrauchssektoren kann eine sichere Versorgung erreicht werden“, sagt Hans-Martin Henning, Institutsleiter des Fraunhofer ISE und einer der Autoren der Studie. Strom aus erneuerbaren Energien werde in den nächsten 30 Jahren zur wichtigsten Primärenergie. Gleichzeitig werde die Sektorenkopplung zu einem mindestens doppelt so hohen Strombedarf wie heute schon führen. Um die Nachfrage bedienen zu können, müsse die installierte Leistung von Wind- und Photovoltaikanlagen um den Faktor vier bis sieben im Vergleich zur heute schon installierten Gesamtleistung ansteigen.

Am wenigsten Kosten entstehen, wenn sich Werte wie Sparsamkeit durchsetzen
Die Analyse der einzelnen Szenarien zeigt: Bei einem sparsamen Umgang mit Energie (Szenario Suffizienz) werden deutlich weniger Anlagen zur Stromerzeugung aus Wind und Sonne, zur Verteilung und zur Speicherung gebraucht. Würde weiter auf fossile Energien und Verbrennungstechniken für die Wärmeversorgung und die Mobilität (Szenario Beharrung) gesetzt, müssten wesentlich mehr Erneuerbare-Energien-Anlagen gebaut werden und mehr synthetische chemische Energieträger importiert werden. Damit würde der Umbau des Energiesystems erheblich verteuert. Im Vergleich mit dem Referenzszenario zeigt die Kostenrechnung der Wissenschaftler: Die Nettomehraufwendungen über die nächsten dreißig Jahre betragen für das Szenario Suffizienz 440 Milliarden Euro, im Szenario Beharrung liegen sie bei 2.330 Milliarden Euro – ein fünffaches höher. Der Großteil dieser Kosten fällt für Investitionen an, so die Annahme der Wissenschaftler. Ist der Umbau des Energiesystems im Jahr 2050 abgeschlossen, sinken die Kosten je nach Szenario rapide zwischen 63 und 75 Prozent, rechnet die Studie vor.

Anders gesagt: Am wenigsten Kosten entstehen, wenn unsere Gesellschaft künftig Werte wie Energieeffizienz und Energiebewusstsein zum Maßstab macht. „Voraussetzung ist eine kontinuierliche Weiterentwicklung und Markteinführung sämtlicher Technologien zur Wandlung, Speicherung, Verteilung, Nutzung und zur Systemintegration erneuerbarer Energien“, heißt es in der Studie. Dabei schreibt die Szenario-Analyse der Photovoltaik eine besondere Rolle zu: Trotz des Widerstandes gegen den Ausbau der Windenergie und der Stromnetze im Szenario Inakzeptanz könnte die Klimazielmarke im Jahr 2050 erreicht werden – wenn die Solarenergienutzung deutlich ausgebaut und mehr Photovoltaikanlagen auf Dächern und Freiflächen entstehen. Infolgedessen würden allerdings auch der Bedarf an Energiespeicherung und die Importe an chemischen Energieträgern steigen – und damit die Kosten. Um Konflikte im Zuge eines massiven Ausbaus von PV-Freiflächenanlagen zu verhindern, sprechen sich die Wissenschaftler für andere Technologievarianten als Lösung aus, wie die Integration von PV-Anlagen in Gebäudehüllen, in Fahrzeugdächer oder die Solarenergienutzung auf Agrar- und Wasserflächen.