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Bunt statt grau: Street Art trifft Windenergie

© EnergieAgentur.NRW, Meike Nordmeyer

| Kira Crome |

Im Bürgerwindpark A 31 Hohe Mark weicht eine Windenergieanlage von der Norm ab: Rund um ihren Turm zieht sich ein Graffiti, das in leuchtenden Farben die Energiewelt von morgen darstellt. Mit der Aktion will das Projekt „ErneuerbarBunt“ neue Wege in der Erneuerbare Energien-Kommunikation gehen, um mit Kunst auf das Anliegen der Energiewende aufmerksam zu machen.

Normalerweise sind es Hausfassaden, Grundstücksmauern oder Tunnelwände, die Mark Roberz zu seiner Leinwand macht. Mit Hebebühne und Airbrush-Pistole geht der Street Art-Künstler zu Werke und schafft in tristem Großstadt-Grau farbenfrohe Hingucker. Jetzt hat er nichts Kleineres als eine Windenergieanlage im Bürgerwindpark A 31 Hohe Mark zum Ausstellungsobjekt gemacht: Ein 800 Quadratmeter großes Graffiti zieht sich rund um den Turm. Es macht die Energiewende zum Thema und stellt in leuchtenden Farben die Energiewelt von morgen dar.

Diese Aktion ist Teil des „ErneuerbarBunt“-Projekts der EnergieAgentur.NRW. Die Initiative will neue Wege in der Kommunikation für die Energiewende gehen und Street Art als Kunstform nutzen, um an ungewöhnlichen Orten auf den Klimaschutz und die Transformation des Energiesystems aufmerksam zu machen. Zuletzt hatte der Street Art-Künstler Denis Klatt im Rahmen des Projekts eine Straßenbahn der Düsseldorfer Rheinbahn AG mit einem Graffiti versehen. In leuchtenden Farben zieht sich der Schriftzug „ErneuerbarBunt“ über die Waggons und wirbt im Stadtbild für Mobilität mit erneuerbaren Energien.

„Was Street Art so faszinierend macht, ist die zufällige Entdeckung auf der Straße, an einer Hauswand, an einem Stromkasten oder in einem U-Bahn-Tunnel. Man hält unwillkürlich inne und sucht nach der Botschaft“, sagt Projektleiter Saleh Gisawi von der EnergieAgentur.NRW. Mit den Street Art-Aktionen greift die Initiative einen Trend in der Kunstwelt auf. „Immer mehr Künstler befassen sich mit dem Klimawandel“, so Gisawi. „Warum also das Medium nicht auch für die Energiewendekommunikation nutzen?“

Kunst macht Klimawandel zum Thema
„Kunst zur Klimakrise kennen wir seit etwa 40 Jahren“, sagt Raimar Stange, der seit 2008 Ausstellungen zum Thema Klimawandel kuratiert. Künstler analysieren, alarmieren und rütteln mit ihren Werken auf. Beispiele für Kunst, die sich mit der Erderwärmung und ihren Folgen beschäftigt, gibt es viele: Seien es die Eisblöcke, die der aus Island stammende Künstler Olafur Eliasson aus dem Polarmeer in verschiedene Städte Europas transportiert hat, um sie auf öffentlichen Plätzen schmelzen zu lassen. Oder die Installation des Briten Michael Pinsky, die in fünf Kuppeln die Luft aus fünf Städten der Welt, von Peking über Neu-Delhi und Sao Paolo bis London und Trondheim, simuliert, so dass der Besucher den Grad der Verschmutzung riechen und erfahren kann. Daniel Crawford hat als Geographie-Student den weltweiten Temperaturanstieg seit 1880 in ein Cello-Stück transformiert; die „Klimastreifen“ des Klimatologen Ed Hawkins sind ein anderer Versuch, die trockenen Daten zum Klimawandel als Strichcode zu visualisieren.

Auch in der Street Art ist der Klimawandel ein Thema. Street Art-Aktivist Bansky hat schon vor zehn Jahren in roter Farbe den Satz „I don’t believe in global warming“ an eine Wand am Regent’s Canal in London gesprüht – wobei „global warming“ halb im Wasser des Kanals verschwand. In Duisburg hat der philippinische Street Art-Künstler und Umweltaktivist A.G. Saño im Zuge der Weltbaustellen NRW-Kampagne im Jahr 2017 eine Hauswand mit einem Mural bemalt: Über Eisbären, qualmenden Fabrikschloten, Sonnenblumen und Meereswellen prangt der Schriftzug „Global Warning“. Das „n“ statt dem „m“ macht die Erderwärmung zur Warnung für den vorrübergehenden Passanten. Die Botschaft soll aufwecken, den Betrachter in den Bann ziehen und zum Nachdenken aufrufen. „Kunst kann nicht die Welt verändern“, fasst der französische Street-Art-Künstler JR zusammen, „aber sie kann die Art und Weise, wie wir sie betrachten, verändern.“

Kunst an Erneuerbare Energien-Anlagen
Diesen Gedanken haben auch schon andere Kunstaktionen aufgegriffen, die erneuerbare Energien und die Energiewende zum Thema machen. Bekannt sind zum Beispiel die „Solar Trees“ des britischen Designkünstlers Ross Lovegrove, die inzwischen nach seinem Konzept weltweit vermarktet werden. Eindrucksvoll ist auch die beleuchtete Windenergieanlage im Windpark am Roten Berg bei Hannover, die zur Weltausstellung Expo 2000 zum Installationsobjekt des französischen Künstlers Patrick Raynaud wurde: Er hat den Turm mit runden Leuchten in verschiedenen Farben versehen, die je nach Drehgeschwindigkeit des Rotors in unterschiedlicher Intensität leuchten. Der vor allem im Dunkeln besonders wirkungsvolle Effekt gibt der Installation „Smarties am Turm“ ihren Namen.

Das Expo-Kunstwerk „Im Schatten des Windes“ des New Yorker Künstlers Allan Wexler greift die Ablösung der fossilen durch die erneuerbaren Energien auf: Er hat den Schatten einer Windenergieanlage bei Bantorf, wie er sich zur Sommersonnenwende am 21. Juni exakt um zwölf Uhr mittags auf dem Boden abzeichnet, in Beton gegossen. In die Installation, die den Schattenwurf sozusagen einfriert und festhält, wurden 4.500 Kilogramm Steinkohle eingearbeitet. Das entspricht genau der Menge an Kohle, die diese Windenergieanlage pro Tag einsparen kann.

Was kann Kunst besser als klassische Informationskampagnen?
Ob symbolisch, plakativ oder interagierend, ob Installation oder Aktionskunst: Kann Kunst helfen, das Bewusstsein für den Klimawandel und das Anliegen der Energiewende schärfen? „Viele Menschen halten den Klimawandel für ein abstraktes Problem, das sie nur schwer mit ihrem Alltag in Verbindung bringen können. Das führt dazu, dass das Thema ignoriert wird und der Einzelne nicht handelt und keine Maßnahmen zur Lösung des Problems ergreift“, sagt der Sozialpsychologe Christian Klöckner, der an der Norwegischen Technischen Universität (NTNU) die Bedeutung von Kunst für die Klimakommunikation beforscht. „Bislang fehlt es an Erzählungen und Metaphern, die die Menschen für den Klimaschutz begeistern.“ Während die Wissenschaft in der Lage ist, Phänomene zu analysieren und Prognosen zu entwickeln, weiß die Psychologie seit langem, dass Fakten und reine Sachinformationen allein nicht ausreichen, um Menschen zu Verhaltensänderungen zu bewegen. „Es braucht auch positive Emotionen“, sagt die Akzeptanzforscherin Gundula Hübner.

Dass Künstler das leisten können und Kommunikation auf eine andere Ebene heben, erklärt die Psychologie so: Kunst erfordert Aufmerksamkeit. „Setzt man sich mit einem Kunstwerk auseinander, beansprucht das Teile des Gehirns, die durch typische Kommunikation über den Klimawandel normalerweise nicht angesprochen werden“, sagt Klöckner. „Betrachten wir ein Kunstwerk, nehmen wir von vornherein an, dass unsere Erwartungen womöglich gebrochen werden. Wir rechnen mit zweideutigen Botschaften, die wir uns erschließen müssen.“ Dieser Prozess regt an, die eigentliche Botschaft zu finden und über die Aussage nachzudenken. Das eröffnet neue Blickwinkel, was letztlich dazu mobilisiert, sich mit der eigenen Haltung kritisch zu beschäftigen.

„Insbesondere die Street Art kann eine wichtige Rolle bei der Veränderung sozialer Normen spielen“, ist Klöckner überzeugt. „Vor allem, weil sie ein so breites Publikum anspricht und daher eine enorme Wirkung haben kann, selbst wenn die Auswirkungen subtil sind.“ Das Projekt ErneuerbarBunt plant weitere Aktionen, die mit farbenfrohen Graffitis an ungewöhnlichen Orten die Energiewende zum Thema machen.