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Bürgerenergie finanziert neue Photovoltaikfassade für Geschäftshaus

Das Radiologische Zentrum in Marburg erzeugt künftig mit einer Photovoltaikfassade Strom für den Eigenbedarf © Hagen Plaehn / a.p.l. architekten

| Kira Crome |

In Marburg erhält ein Ärztezentrum eine neue Fassade, die Strom für die medizinischen Geräte im Gebäude erzeugt. Umgesetzt wird das Vorhaben als Bürgerstromprojekt und einem langfristigen Stromliefervertrag mit den lokalen Stadtwerken.

Nicht nur Dächer bieten Platz für Photovoltaikanlagen. Mit Solarmodulen an der Hauswand könnte die Stromversorgung noch grüner werden. Eine Potenzialanalyse zeigt: Theoretisch bieten Gebäudefassaden doppelt so viel Platz wie Dächer. Noch aber fristet die sogenannte gebäudeintegrierte Photovoltaik ein Schattendasein. Anders als in Frankreich wird die Technologie hierzulande nicht gefördert. Weil die Solarenergienutzung am Gebäude vor allem günstig und ertragreich sein muss, schrecken viele Architekten und Bauherren vor der Integration von Solarmodulen in die Gebäudefassade zurück. Ein Bauprojekt in Marburg will zeigen, wie es anders gehen kann: Dort erhält ein Ärztezentrum eine stromerzeugende Fassade – finanziert durch Bürgerbeteiligung.

„Energiegewinnung im Stadtbild muss gut aussehen“
Computer- und Magnetresonanztomographen, Röntgen- und Ultraschallgeräte treiben den Stromverbrauch des radiologischen Diagnostikzentrums in Marburg in die Höhe. Künftig wird ein Teil davon im Gebäude selbst erzeugt. Dafür erhält das fünfstöckige Eckhaus am Bahnhofsvorplatz in diesem Frühjahr eine durchgehende Glasfassade. Sie besteht aus 120 Solarmodulen, die die Südwest- und Südostseite des Gebäudes verkleiden. Ihr schwarzer, leicht durchschimmernder Glanz verleiht dem Zweckbau einen neuen modernen Look. „Wollen wir Energiegewinnung im Stadtbild etablieren, muss sie gut aussehen“, sagt Hagen Plaehn. Mit seinem Entwurf will der Architekt die Energieerzeugung mit städtebaulicher Ästhetik verbinden und zeigen, wie Gebäude funktional zum Klimaschutz beitragen können. „Eine aktive Gebäudehülle ist etwas aufwändiger als eine passive“, sagt er mit Blick auf die Planung und Umsetzung eines solchen Projekts. „Zwar spart man den Mehraufwand später durch die Energieernte vielfach wieder ein, doch das spielt bei den Baukosten zunächst erst einmal keine Rolle. Es bedarf eines entsprechenden Geschäftsmodells, um diesen energetischen Schatz zu heben.“

Bürger finanzieren das Projekt mit dem Kauf von Modulen mit
Wie das Design weist auch die Finanzierung neue Wege. Um das Projekt umzusetzen, haben sich Bauherr und Architekt mit dem Bürgerenergieverein Sonneninitiative zusammengetan. „Natürlich kostet eine solche aufwändige Photovoltaikfassade ein Vielfaches von standardisierten Dachanlagen und lässt sich mit der momentan geltenden EEG-Vergütung nicht finanzieren“, sagt Christian Quast, Vorsitzender des Vereinsvorstands. Die Lösung ist ein ungewöhnliches Geschäftsmodell: Bürgerinnen und Bürger können über die Sonneninitiative einzelne Module der Photovoltaikfassade des Ärztezentrums kaufen. Die erzeugte Energie wird an die Stadtwerke Marburg verkauft. Dafür ist der Bürgerenergieverein mit den Stadtwerken einen Stromliefervertrag eingegangen. Im sogenannten Power Purchase Agreement (PPA) werden Laufzeit und Strompreis festgeschrieben. Für ihr Investment über zwanzig Jahre versprechen die Finanzierungspartner den Moduleigentümern eine Effektivverzinsung von fünf Prozent. Der von der Photovoltaikfassade erzeugte Strom wird direkt im Ärztezentrum abgenommen, zusammen mit weiterem Ökostrom von den Stadtwerken.

Der Marburger Bürgerenergieverein ist über die hessischen Landesgrenzen hinaus aktiv. Inzwischen betreibt der im Jahr 2002 gegründete Verein an die 300 Bürgersolaranlagen, auch in Nordrhein-Westfalen. In Emmerich am Niederrhein betreibt die Sonneninitiative eine Bürgersolaranlage auf dem Dach eines Baumarkts.