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Artenvielfalt unter Strom: Umweltaudit für Solarparks

© Andreas Engl/Regionalwerke GmbH & Co. KG
Artenvielfalt im Solarpark fördern und bewerten © Andreas Engl/Regionalwerke GmbH & Co. KG

| Kira Crome |

PV-Freiflächenanlagen liefern nicht nur Strom aus erneuerbarer Energie, sie fördern auch die Artenvielfalt. Das hat eine Studie belegt. Wie sich der ökologische Nutzen messen, bewerten und nachweisen lässt, zeigt jetzt ein Forschungsprojekt in Bayern. Die Wissenschaftler entwickeln ein Umweltaudit für Solarparks und ein Kennzeichnungssystem für den erzeugten Strom.

Auf dem Solarfeld im bayerischen Oberndorf kreucht und fleucht es: Die Wilde Möhre blüht und lockt mit ihren weißen Doldenblüten zahlreiche Insekten an. 143 Schmetterlingsarten, 73 Spinnenarten, 14 Wildbienen- und 44 Vogelarten hat Anlagenbetreiber Andreas Engl hier gezählt. Er hat seine PV-Freiflächenanlage, die rechnerisch Strom für 350 Haushalte erzeugen kann, zum Versuchsobjekt gemacht. Sein Ziel: Den Nutzen der Fläche nachhaltig erhöhen und Energieerzeugung mit Naturschutz verbinden.

189 Pflanzen- und 286 Tierarten sind derzeit auf seinem Solarfeld dokumentiert. Möglich macht das die besondere naturnahe Gestaltung des Areals, die Engl als Forschungsversuch entwickelt hat. Entstanden ist ein Mosaik aus verschiedenen Biotopstrukturen, die Lebensraum für unterschiedlichste Pflanzen- und Tierarten auf kleinstem Raum schaffen. Engl nennt es das Weinbergprinzip: „Bereits die alten Römer wussten um die Notwendigkeit eines ausgeglichenen Ökosystems und organisierten dies auf ihren Weinbergen.“ Sie hätten die Nutzfläche als einen zusammenhängenden Organismus betrachtet und auf das Zusammenspiel von Mensch, Pflanze und Tier mit den Faktoren Boden, Wasser und Luft gesetzt. So schufen sie ein stabiles Ökosystem mit einer hohen Artenvielfalt und einem ausgeglichenen Boden-Wasser-Haushalt, in dem Pestizide und Herbizide unnötig waren. „Je mehr Pflanzen- und Tierarten vorkommen, desto stabiler ist dieses Ökosystem“, erklärt Engl.

Der Weinberg der Antike als Vorbild
Dieses Prinzip hat Engl auf die Flächengestaltung rund um die aufgeständerten Solarpanele angewendet. Trockenmauern, Kopfweiden, Strauch- und Baumhecken, Sitzwarten für Greifvögel, Nistkästen und Insektenhotels, ein kleiner Weiher samt Feuchtgebiet und eine Streuobstwiese sorgen für eine dichte Habitatabwechslung auf der Fläche. Dadurch entstehen Nischen für die unterschiedlichen Ansprüche der verschiedenen Arten, die sich hier angesiedelt haben. „So ist ein wertvolles sogenanntes Trittsteinbiotop entstanden, das andere Biotopflächen in der intensiv landwirtschaftlich genutzten Umgebung verbindet“, erklärt Engl und ergänzt: „Wir brauchen diese Trittsteinbiotope zur Stärkung der Artenvielfalt und können sie durch die erneuerbaren Energien mit wirtschaftlicher Nutzung kombinieren.“

Dass Solarparks wichtige Lebensräume für eine artenreiche Flora und Fauna bieten können, hat eine Studie des Bundesverbands Neue Energiewirtschaft (BNE) kürzlich bestätigt (wir berichteten). Voraussetzung ist demnach, dass das Grünland in den Reihenzwischenräumen naturverträglich gestaltet und extensiv genutzt wird. Das heißt: Es dürfen keine Pestizide versprüht werden, es darf nicht intensiv gedüngt und nur wenig gemäht werden. Solchermaßen bewirtschaftete Grünlandflächen spielen für den Erhalt der Biodiversität als Nahrungs- und Lebensraum eine herausragende Rolle. Rund 40 Prozent aller in Deutschland gefährdeten Farn- und Blütenpflanzen haben ihr Hauptvorkommen im Grünland. Allerdings geraten diese naturnahen Offenlandbiotope durch die intensivere Landnutzung zunehmend unter Druck.

Trittsteinbiotope für den Artenreichtum
Entsprechend gestaltete Solarparkflächen schaffen einen zweifachen Nutzen der Fläche – sowohl für die Energieerzeugung als auch für die Artenvielfalt. Die werde in vielen Fällen im Vergleich zum intensiv landwirtschaftlich genutzten Umfeld sogar gesteigert, hat die Auswertung der naturschutzfachlichen Daten aus den für die BNE-Studie untersuchten Solarpark-Projekten gezeigt. Während größere Anlagen bei entsprechender Unterhaltung den Aufbau ganzer Populationen ermöglichen können, wirken kleinere Anlagen dagegen als Trittsteinbiotope und können Habitatkorridore erhalten oder wiederherstellen, bestätigt die Studie. „Wir brauchen möglichst zeitnah zahlreicher solcher dezentralen Solar- oder Windparks, um dem Klimawandel zu begegnen und das nachhaltige Versorgen mit erneuerbarer Energie in Deutschland zu erreichen“, sagt Volker Wachendorfer, zuständig für Naturschutz bei der Deutschen Umweltstiftung. Dafür müssten vor allem bei der Planung von neuen Anlagen die Vorteile für Mensch und Natur viel deutlicher vermittelt werden.

Glaubwürdigkeit für Ökostrom aus nachhaltig angelegten Solarparks
Dafür will Anlagenbetreiber Engl jetzt eine Lösung entwickeln. Sein Solarfeld ist Teil einer genossenschaftlichen Erzeugergemeinschaft (EEB eG). Der nachhaltig erzeugte Strom aus seiner und anderen erneuerbare Energie-Anlagen wird über einen von ihm gegründeten Ökostrom-Anbieter (Regionalwerke) vertrieben. Um für die Akzeptanz der Anlagen und mehr Nachahmer seines Umweltmanagement-Konzepts zu werben, erarbeitet der Umweltmanager gemeinsam mit der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf ein Umweltaudit für Solarparks. Gefördert wird das EULE-Projekt („Evaluierungssystem für eine umweltfreundliche und landschaftsverträgliche Energiewende“) von der Deutschen Umweltstiftung.

„Wir wollen erstmals die Auswirkungen Erneuerbarer-Energien-Anlagen für Mensch und Natur bewerten und gleichzeitig Maßnahmen zum Verbessern erarbeiten“, erklärt Engl. Grundlage ist eine Bewertungssystematik, das Engl im Zuge seiner Forschungsarbeit entwickelt hat. Für jede getroffene ökologische Maßnahme und jede dokumentierte Art auf der Fläche gibt es Punkte. Damit wird der Mehrwert einer Erzeugungsanlage für Mensch und Natur festgestellt, je nach Ausprägung gewichtet und dokumentiert. Dabei geht es Engl ausdrücklich nicht nur um ökologische, sondern auch um soziale Kriterien. So gehöre auch die Bevölkerung zur Umwelt. Gewertet werde deshalb auch Öffentlichkeitsarbeit wie zum Beispiel Führungen oder Kooperationsvereinbarungen mit Schulen für Klassenzimmer im Freien.

Digitaler Nachweis von Ökosystemdienstleistungen per Blockchain
Dieses anlagenspezifische Umweltaudit, das bereits zur Zertifizierung der Mitglieder der Erzeugergemeinschaft EEB eG im Einsatz ist, soll im Rahmen des Forschungsprojekts methodisch überprüft und in ein digitales Regelinstrument weiterentwickelt werden, um die regenerative Stromerzeugung qualitativ bewerten zu können. Das Ergebnis eines solchen Audits soll dann mittels Blockchain-Technologie digital im Herkunftsnachweis jeder produzierten Kilowattstunde der jeweiligen Erzeugungsanlage abgespeichert werden. „Das Prinzip ähnelt dem Herkunftscode, mit dem Eier gestempelt werden“, so Engl. Es schaffe Transparenz. Verbraucher könnten damit die ökologische Qualität des ansonsten unspezifischen Einheitsprodukts Strom nachvollziehen. Der Stromkunde könne sich so ein eigenes Bild von „seiner“ PV-Freiflächenanlage machen und sehen, dass grüner Strom und eine intakte Tier- und Pflanzenwelt zusammen möglich seien.

Finanziert wird das Umweltaudit über einen Umweltbonus, den der Stromkunde zahlt. Der Aufpreis von einem Cent pro Kilowattstunde fließt in einen Fördertopf und wird einmal jährlich anteilig an die zertifizierten Anlagenbetreiber verteilt, die es für arten- und naturschutzfreundliche Maßnahmen einsetzen. In der Praxis erprobt wird das digitale Nachweissystem mit dem Projektpartner Regionalwerke. Besteht es den Test, soll es auch auf andere Erneuerbare Energien-Anlagen übertragen und anderen Energieversorgern zur Vermarktung regenerativ erzeugten Stroms angeboten werden. Das Potenzial für den Artenschutz und die Energiewende sei groß, sagt Engl. Allein in Bayern gebe es 1.500 Solarparks, die künftig in Trittsteinbiotope umgewandelt werden könnten.