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Alles Ausrede?! Wie Klimaschutz-Verhinderer argumentieren

Typische Klima-Ausreden folgen zwölf verschiedenen Argumentationsmustern. Die neue Rhetorik akzeptiert den Klimawandel, bremst Klimaschutzbemühungen aber aus. © MCC/klimafakten.de

| Kira Crome |

Warum ich? Zu teuer! Zwecklos. Wenn es um neue Maßnahmen zur Nutzung erneuerbarer Energien geht, werden in der öffentlichen Debatte solche Einwände häufig angeführt. Mit welchen Argumentationsmustern der Handlungsbedarf in Sachen Klimaschutz kleingeredet wird, hat eine Studie des Berliner Klimaforschungsinstituts MCC untersucht. Wie diese typischen Äußerungen zur Klimapolitik aussehen, zeigt jetzt das Online-Quiz „Klima-Ausreden“. Es soll helfen, die neue rhetorische Taktik besser zu erkennen.

Auf den ersten Blick sehen die Zahlen für Deutschlands Klimabilanz im letzten Jahr ganz gut aus. Demnach ist das Klimaziel für 2020 sogar übertroffen worden. Der zweite Blick zeigt: Grund dafür sind vor allem die langen Wellen im Fahrwasser der Corona-Pandemie – und erst in zweiter Linie umgesetzte Klimaschutzmaßnahmen. Mit den Bemühungen um ambitionierten Klimaschutz muss es also weitergehen. In der Politik gewinnt das Ringen um die Begrenzung der Klimaerwärmung mit der Festlegung der Klimaneutralität bis 2050 auf der europäischen Ebene und der Verschärfung der Klimaziele für 2030 eine zunehmende Dynamik.

Trotzdem geht es in Sachen Klimaschutz nur zäh voran. Wenn über die besten Mittel und Wege gestritten wird, werden in öffentlichen Debatten allgemein und in Beteiligungsprozessen vor Ort häufig Einwände laut. Doch deren Tenor wandelt sich, beobachtet die Kommunikationsforschung: Die Stimmen, die den Klimawandel – und damit die Notwendigkeit des Gegensteuerns – rundweg bestreiten, sind seltener geworden. An ihre Stelle rückt eine Rhetorik, die einer neuen Strategie folgt. „Jetzt geht es um Argumente, die scheinbar den Klimawandel als Problem anerkennen – aber den Handlungsbedarf herunterspielen“, sagt William Lamb vom Berliner Klimaforschungsinstitut MCC (Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change). Er ist Leitautor einer Studie, die Zitate und Diskussionsbeiträge aus Politik, Wirtschaft und Medien daraufhin untersucht hat, wie heutzutage der Widerstand gegen einen ambitionierten Klimaschutz rhetorisch funktioniert.

Vier typische Argumentationsmuster, die den Klimaschutz kleinreden
„Wir haben uns die neueren Diskussionen angeschaut und eine Typologie der Verzögerungsargumente erstellt“, erklärt Lamb. Das Ergebnis: Es gibt zwölf verschiedene Argumentationsmuster, die im Kern alle darauf abstellen, dass es den Klimawandel zwar gibt, aber ein unmittelbares Handeln in Sachen Klimaschutz unnötig oder unmöglich sei. Alle zwölf Rhetoriken, die in der aktuellen Diskussion darüber, was getan werden sollte, von wem und wie schnell, auftauchen, lassen sich laut der Studie in vier Kernaussagen zusammenfassen:

  • Nicht ich/wir! Zuerst muss jemand anders handeln. Das Grundmuster: Die Verantwortung für das Abschwächen des Klimawandels wird auf andere Ebenen umgelenkt oder an andere Akteure abgeschoben.
  • Nicht jetzt! Klimaschutz geht auch ohne grundlegende Veränderungen. Das Grundmuster: Ob transformative Veränderungen überhaupt notwendig sind, wird in Frage gestellt. Stattdessen werden konventionelle, nicht-disruptive Lösungen propagiert.
  • Nicht so! Konsequente Klimapolitik ist politisch und sozial nicht vertretbar. Das Grundmuster: Hinterfragt wird, ob es angesichts der Kosten überhaupt wünschenswert ist, den Klimawandel abzumildern. Betont werden die Schattenseiten der Klimapolitik und dabei impliziert, dass diese die Gesellschaft viel mehr belasten als die Folgen des Nichthandelns.
  • Zu spät! Ein Umsteuern ist schon nicht mehr möglich. Das Grundmuster: Es wird bezweifelt, dass sich große sozioökonomische Transformationen überhaupt erfolgreich organisieren lassen. Angeführt werden scheinbar unüberwindbare politische, soziale oder biophysikalische Herausforderungen, die uns vor dem Klimawandel kapitulieren lassen und ein engagiertes Vorgehen oder die Suche nach effektiven Lösungen für zwecklos erklären.

Wie die neuen Argumente Klimaschutzbemühungen bremsen
Die Argumentationsmuster, die die Diskursanalyse identifiziert hat, werden oftmals in gutem Glauben vorgetragen und können durchaus überzeugend sein, auch weil sie auf legitimen Sorgen und Ängsten aufbauen. „Das Vertrackte ist, dass in allen Einlassungen dieser Art immer auch ein Körnchen Wahrheit steckt“, sagt MCC-Forscher Lamb. Daher bleiben die Argumente bei vielen Empfängern leicht hängen. Mit einem fatalen Effekt: Weil sie Fakten oder Sachlagen falsch darstellen, statt zu klären und eher Widrigkeiten herausstellen als Konsens zu schaffen, wirken sie desorientierend und entmutigend.

Heikel daran sei, so Lamb, dass solche oft harmlos daherkommenden Argumentationsmuster „zu Instrumenten einer Verhinderungsstrategie werden, die darauf zielt, einschneidende Maßnahmen abzuwenden und materielle Besitzstände auf kurze Sicht zu schützen“. Was aber können Verantwortliche in der Klimaschutzbewegung und in der Lokalpolitik, in Kommunen und Fachbehörden dagegen tun?

Verzögerungsargumente als Verhinderungsstrategie erkennen
Dem lähmenden Effekt könne nur begegnet werden, schlussfolgern die Studienautoren, indem jedes ambitionierte Klimaschutzengagement eine klare Kommunikationsstrategie verfolgt, die solche Grundmuster in Diskussionen über Klimaschutzbemühungen in der Region oder im Lokalen erkennt – und darauf reagiert. Konkret heißt das: In Beteiligungsprozessen und öffentlichen Diskussionen die Frage der Verantwortlichkeiten hervorheben, angemessene Lösungen aufzeigen und das Thema soziale Gerechtigkeit ansprechen. Debatten um Klimaschutzmaßnahmen müssten zeigen, dass es sowohl möglich als auch wünschenswert ist, den Klimawandel abzumildern.

Online-Quiz vermittelt typische Argumentationsmuster spielerisch
Die MCC-Studie ist im vergangenen Jahr im Fachmagazin „Global Sustainability“ erschienen. Jetzt hat das Berliner Klimaforschungsinstitut MCC mit dem Wissenschaftsportal klimafakten.de die Erkenntnisse in ein anderes Format gegossen. Entstanden sind ein Infografikposter, das die Typologie der Verzögerungsargumente übersichtlich darstellt, sowie ein Online-Quiz.

Das interaktive Lernspiel „Klima-Ausreden“ soll auf unterhaltsame Weise mit dem Thema vertraut machen. In der Computeranimation erscheinen nacheinander zwölf Sprechblasen, die häufig gehörte Äußerungen zur Klimapolitik zeigen. Entsprechend ihrer Kernaussage muss man jede Sprechblase einer Figur zuordnen. Jede Figur verkörpert eine der vier Obergruppen, die die MCC-Typologie aufgestellt hat: Verantwortung weitergeben, Veränderung für unnötig halten, Nachteile von verstärktem Klimaschutzengagement betonen oder für zwecklos erklären.