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Alle fürs Klima – oder doch nicht?

© Caniceus/Pixabay

| Kira Crome |

Der Klima-Bürgerrat hat sein Bürgergutachten vorgelegt und fordert mehr Tempo beim Klimaschutz. Das Thema ist längst auch in der öffentlichen Debatte angekommen. Eine Studie der Denkfabrik „More in Common“ zeigt jedoch: Beim Klimaschutzhandeln gibt es eine Diskrepanz zwischen Wollen und Tun. Die Forscher haben untersucht, was die Menschen vom Klimaschutz erwarten und wie sie ihre eigene Rolle darin sehen.

160 zufällig ausgeloste Bürger haben in den letzten Monaten über eine Frage diskutiert: Wie gestalten wir Klimapolitik? Der Bürgerrat Klima tagte vom 26. April bis 23. Juni 2021 mehr als 50 Stunden. Begleitet von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern haben die Bürgerräte gut 80 Handlungsempfehlungen an die deutsche Klimapolitik erarbeitet. Es geht um Mobilität, Gebäude und Wärme, Energie und Ernährung. Ein Fazit lautet: Die Energiewende muss schneller vorangehen, als es bislang politisch vorgesehen ist. Schon im Jahr 2035 soll die Stromversorgung zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien stammen. Damit das gelingt, fordern die Bürgerräte stärkere und geeignetere Weichenstellungen für den Ausbau der Windenergie- und Photovoltaik-Anlagen von der Politik ein. „Es geht nicht mehr darum, ob wir etwas tun, sondern darum, was wir tun und wie wir schnell am meisten erreichen – und das indem wir möglichst Viele mitnehmen“, sagt Bürgerrätin Mareike Menneckemeyer.

Großer Aufbruch in Sachen Klimaschutz vonnöten
Der Klimawandel ist längst in der öffentlichen Debatte in Deutschland angekommen. Dabei geht es nicht mehr um das „Ob“, sondern darum, wie sich die Erderwärmung begrenzen lässt. Forschende an der Universität Hamburg haben erstmals systematisch untersucht, wie wahrscheinlich eine Klimazukunft mit Netto-Null Emissionen bis Mitte des Jahrhunderts ist. Dabei haben sie nicht allein technisch-ökonomisch Treiber in den Blick genommen, sondern vor allem gesellschaftliche Faktoren, die den notwendigen Wandel voranbringen oder aber ausbremsen können. Dazu gehört zum Beispiel die internationale Klimapolitik, die bundesdeutsche Klimagesetzgebung, die Abkehr von Investitionen in eine fossile Wirtschaft, Konsumgewohnheiten, Proteste und soziale Bewegungen. Das Fazit ist ernüchternd: Derzeit sei keiner der Treiber dynamisch genug, um bis zum Jahr 2050 das Netto-Null-Ziel erreichen zu können. Dafür müsste der gesellschaftliche Wandel erheblich ehrgeiziger ausfallen. „Die gesellschaftliche Herausforderung ist sehr viel größer als viele sich das vorstellen“, fasst Professor Detlef Stammer, Sprecher des Exzellenzclusters Climate, Climatic Change, and Society (CLICCS) die Erkenntnisse zusammen.

Wie Ernst ist es uns mit dem Klimaschutzhandeln tatsächlich?
Die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit scheint beim Klimaschutzhandeln besonders groß. Dass mehr getan werden muss, um die Auswirkungen der Erderwärmung in den Griff zu bekommen, sehen mittlerweile fast alle ein. Das zeigt eine Umfrage der gemeinnützigen Organisation „More in Common“, die kürzlich veröffentlicht wurde. 80 Prozent der Befragten gaben an, sich persönlich wegen des Klimawandels Sorgen zu machen. 87 Prozent fürchten Naturverlust und Artensterben. Das gilt nicht nur für die Jüngeren, sondern über alle Generationen hinweg. Zwei Drittel halten den Klimawandel heute schon in Deutschland für spürbar, weitere 12 Prozent glauben, davon in den nächsten zehn Jahren betroffen zu werden. Nur drei Prozent schließen das komplett aus.

Doch wie sieht es aus, wenn es konkret wird? Auch danach haben die Forschenden gefragt. Die Ergebnisse sind verblüffend. Denn, wenn es um konkrete Maßnahmen geht, regt sich oft Widerstand. Etwa beim Ausbau erneuerbarer Energien. Danach gefragt, wie die Herausforderungen des Klimawandels zu bewältigen wären, zeigen die Befragten mehr Einigkeit als die gegenwärtige gesellschaftliche Diskussion vermuten lässt: Die große Mehrheit will zu mehr Klimaschutzhandeln beitragen. Drei Viertel der Befragten glauben, mit dem eigenen Verhalten „einen Unterschied beim Klimaschutz“ bewirken zu können, heißt es in der Studie. Und das über alle Gruppen hinweg – auch die oftmals eher pessimistischen Typen der Wütenden und der Enttäuschten stimmen mehrheitlich zu. „Aber andererseits sehen wir paradoxerweise auch, dass dieselben Menschen dem Klimawandel oftmals mit Ohnmachtsgefühlen gegenübertreten“, stellen die Autoren fest.

Beim Klimaschutz fühlen sich viele hilflos
45 Prozent der Befragten fühlen sich hilflos, ein Drittel fühlt sich enttäuscht, 27 Prozent empfinden Wut. „Besonders auffällig ist, dass das Gefühl der Hilflosigkeit ausgerechnet bei den Gruppen am stärksten ist, die wie zum Beispiel die Involvierten eigentlich durch besonderes Zutrauen und große Initiative auffallen“, schreiben die Autoren.

Das zeigt: Beim Klimaschutzhandeln gibt es eine Diskrepanz zwischen Wollen und Tun. Der Einzelne habe förmlich das Gefühl, auf der eigenen Anstrengung „im Kleinen“ sitzenzubleiben und „darüber hinaus wenig ausrichten zu können“, sagen die Autoren. Obwohl die allermeisten Menschen über mehr Klimaschutz nachdenken und das Thema verbindendes Potenzial hat, nehmen 80 Prozent der Befragten die öffentliche Klimadebatte häufig als spaltend wahr und meiden oft Gespräche über Klimathemen im privaten Umfeld.

Klimaschutz steckt im Kooperationsdilemma fest
Zugleich haben viele Menschen aber das Gefühl, dass sie mehr tun als ihr Umfeld oder große gesellschaftliche Akteure. Die Kritik richtet sich dabei sowohl an die Politik, als auch an Institutionen wie die Kommunen sowie die Wirtschaft, die noch zu wenig täten. Die Kritik richtet sich aber auch an „Leute wie man selbst“: 70 Prozent glauben, dass die meisten Menschen in Deutschland den Klimawandel „noch nicht ernst genug“ nehmen. Damit erklärt sich die große Diskrepanz zwischen Wollen und Machen, schlussfolgern die Autoren. Es fehlt das Gefühl, dass andere mitziehen und alle an einem Strang ziehen. Der Eindruck, mit dem eigenen Klimaschutzhandeln in Vorleistung zu gehen zu müssen, wirke schlimmstenfalls lähmend.

Verbindliche Regelungen und Vorschriften gefordert
Was die Studie zeigt: Ein Großteil der Befragten fordert ein verstärktes planvolles Vorgehen gegen die Folgen des Klimawandels. 71 Prozent wünschen sich von der Politik einen umfassenden Plan, der zügig umgesetzt werden soll. 66 Prozent der Befragten wollen sogar mehr Vorschriften und Regeln, damit alle genug für den Klimaschutz tun. Das Fazit der Autoren: Eine Klimapolitik, die im Nicht-Handeln stecken bleibt, hat sich überlebt. Würden die Lasten verhältnismäßig auf allen Ebenen verteilt, würde das Gemeinwesen letztendlich gestärkt und der gesellschaftliche Zusammenhalt gefördert.