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Akzeptanz: Windpark-Anrainer können Strom zum Nulltarif beziehen

© InspiredImages/Pixabay
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| Kira Crome |

In Meerhof bei Marsberg im Paderborner Land gibt es seit August den wohl günstigsten Stromtarif Deutschlands: Die Haushalte in der Gemeinde können Strom vom örtlichen Windpark beziehen. Dafür bezahlen sie nur die staatlich festgelegten Steuern und Abgaben. Mit ihrem Konzept wollen die Windparkbetreibergesellschaften die Akzeptanz der Windenergienutzung vor Ort erhöhen.

Gemessen an den politischen Zielen geht der Ausbau der Windenergie nur stockend voran. Das macht die gerade veröffentlichte Halbjahresbilanz deutlich. Als Gründe dafür gelten einerseits langwierige Planungs- und Genehmigungsverfahren, die vielerorts zudem beklagt werden und neue Projekte auf Eis legen. Andererseits machen Beobachter die fehlende Unterstützung vor Ort als eine Ursache aus. Deutschlandweit wird daher diskutiert, wie die lokale Zustimmung insbesondere bei neuen Windenergieprojekten an Land verbessert werden kann. „Die bisherigen Bemühungen zielen vorrangig auf eine kleine, aber laute Minderheit der Windkraftgegner“, beobachtet Patrick Graichen, Direktor der Denkfabrik Agora Energiewende. „Vielleicht handelt es sich aber um die berühmte verlorene Liebesmüh. Eine große Mehrheit befürwortet die Energiewende.“

Teilhabe beim Ausbau der erneuerbaren Energien fördern
Umfragen bestätigen das immer wieder. Zuletzt hatte eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Fachagentur Windenergie an Land im Herbst 2019 einen besonders hohen Zuspruch in der Gruppe derjenigen ausgemacht, die sich nicht öffentlich in Debatten zu Windenergie vor Ort einbringen oder positionieren. 86 Prozent der Befragten gehören demnach der sogenannten „schweigenden Mehrheit“ an. Sie halten den Ausbau der Windenergie für wichtig oder sehr wichtig. „Soll die Energiewende am Ende gelingen, muss eine auf Akzeptanz gerichtete Politik vor allem diese Mehrheit immer wieder neu gewinnen“, heißt es in dem kürzlich veröffentlichten Impulspapier „Akzeptanz und lokale Teilhabe in der Energiewende“. Um die Energieversorgung zu einem System aus dezentralen und kleinteiligen Erzeugungsanlagen umzubauen, das zwangsläufig näher an die Bürgerinnen und Bürger heranrückt, sei in den Bemühungen um Akzeptanz ein Umdenken gefragt. „Es kann deshalb nur mit ihnen, nicht gegen sie umgesetzt werden“, fordert Graichen.

Die Bundesregierung will Bürger und Kommunen stärker an den Gewinnen von Windparks beteiligen, damit sie den weiteren Ausbau mittragen. Eine Maßnahme, über die im Zuge der Überarbeitung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) diskutiert wird, könnten Bürgerstromtarife sein. Dass ein solches Angebot die Befürwortung neuer Windenergieprojekte vor Ort positiv beeinflussen könnte, hat die Akzeptanz-Umfrage im Auftrag der Fachagentur Windenergie an Land aus dem letzten Jahr gezeigt: Etwas mehr als drei Viertel (79 %) sprachen sich für vergünstigte Stromtarife für lokal Betroffene aus.

Kostenloser Strom vom benachbarten Windpark
In Meerhof bei Marsberg im Paderborner Land ist das schon Realität. Hier können die Meerhofer Haushalte seit August exklusiv einen bundesweit besonders günstigen Stromtarif nutzen. Möglich macht das der benachbarte Windpark. Für den Strom zahlen sie nur die staatlich festgelegten Steuern, Abgaben und Netzentgelte. Das sind pro Kilowattstunde 20,58 Cent brutto. Im Nachttarif für Wärmestrom sind es sogar nur 15,75 Cent. Der Strom selbst ist kostenlos. Auch die Vertriebskosten von derzeit 7,38 Cent pro Kilowattstunde übernehmen die Betreibergesellschaften des Windparks in Meerhof.

Die Idee dahinter: Die Windparkbetreiber, Landwirte aus der Region, wollen so die betroffenen Windpark-Anrainer an der Windenergienutzung direkt beteiligen. Nach dem Motto: Wo Windenergieanlagen stehen, sollen Anwohner auch etwas davon haben. Neben dem lokalen Windpark erzeugen insgesamt etwa 300 Windenergieanlagen derzeit in der Region um Marsberg-Meerhof klimafreundlichen Strom. 35 von ihnen werden zurzeit repowert, dementsprechend alte Anlagen durch neue ersetzt. Die neuen Anlagen sollen die vierfache Leistung bringen, werden aber mit bis zu 230 Metern auch deutlich höher sein als die alten.

„Mit unserem Angebot stärken wir die heimischen Strukturen und erhöhen die Wertschöpfung vor Ort“, sagen die Meerhofer Windbauern. Bis zu 420 Euro im Jahr können die Meerhofer Haushalte so sparen – verglichen mit dem Tarif des örtlichen Grundversorgers bei einem Durchschnittsverbrauch von 4.000 Kilowattstunden pro Haushalt im Jahr, rechnen die Windbauern vor.

Als Stromvertriebspartner haben sie sich die WestfalenWind-Stromgesellschaft aus Lichtenau ins Boot geholt. Das Unternehmen bietet bereits ähnliche exklusive Windparkanrainer-Modelle in sechs Städten im Kreis Paderborn an. „Begonnen haben wir mit solchen Konzepten schon im Jahr 2014. Aus unserer Sicht sind vergünstigte Stromtarife für die direkt Betroffenen ein Akzeptanzmittel, das am breitesten wirkt“, sagt Unternehmenssprecher Daniel Saage.

Der Meerhofer Stromtarif liegt noch zwei Cent unter dem Standardtarif des Stromanbieters für Neuanlagen. Die Nachfrage in der kleinen Gemeinde sei groß gewesen, berichtet Saage. Von den rund 330 Haushalten in Meerhof hätten sich in den ersten Wochen schon 240 Stromkunden für den neuen Windpark-Tarif gemeldet.